Fachgespräch zur Fortentwicklung des beruflichen Bildungssystems
Zusammenfassung des Fachgesprächs am 26. Juni 2006 im Reichstagsgebäude
Lernorte Schule und Betrieb
"Jeder Betrieb kann und will ausbilden!" Zu diesem Schluss kam Matthias Kaiser, Vorstandsmitglied von Unternehmensgrün und Chef eines 28 Menschen starken Unternehmens, beim Rückblick auf seine eigene sechsjährige Ausbildungstradition. In dieser Zeit hat er erfahren, wie viel Innovationskraft Jugendliche auch in seinen Betrieb gebracht haben. Die möchte er nicht mehr missen. Deswegen bietet er Praktika an, die seiner Erfahrung nach die Ausbildungswahl entscheiden. Derzeit hat Kaiser in seinem Betrieb 25 Ausgelernte, von denen zwei aus der eigenen Ausbildung übernommen wurden, und drei Auszubildende. Eine vorbildliche Quote. Einen noch höheren Anreiz auszubilden, kann Kaiser sich vorstellen, wenn die Ausbildungsvergütung leistungsabhängiger wird. Im ersten Jahr kann er sich vorstellen, noch keine Vergütung zu zahlen. Später dann nach Leistung. Das Geld für den steuerfinanzierten Lebensunterhalt der Auszubildenden könnte aus den Mitteln kommen, die derzeit noch für die teure über- und außerbetriebliche Ausbildung ausgegeben werden. Ein Vorschlag, der sicherlich erst nach einer komplexen Umorganisierung weiterverfolgt werden könnte.
Dänemark kennt hingegen schon jetzt die Steuerfinanzierung des Lebensunterhaltes während der beruflichen Ausbildung, zumindest in den Phasen, die in einer Schule verbracht werden. Hans Lehmann, stellvertretender Direktor des Schulzentrums EUC Syd in Sønderborg, Südjütland, zeigte in seinem Vortrag, wie ein auf moderne Lernanforderungen ausgerichtetes Schulwesen in der beruflichen Bildung aussehen kann (und sollte). Seine Kernbotschaft war, dass die Ermutigung der Auszubildenden einer der Schlüssel zum Erfolg ist. In manchen der Schulangebote kommt fast die Hälfte der TeilnehmerInnen aus Lernlagen, in denen sie abgeschrieben worden waren. Das EUC Syd gibt ihnen eine Chance, baut für sie ein stabiles "Lerngerüst" und gibt ihnen individuelle Anleitung zum Lernen. Das wirkt.
Über die bundesdeutsche Suche nach "dem perfekten Ausbildungsprogramm" berichtete Dr. Christina Eberhardt vom Bundesinstitut für Berufsbildung. In ihrem Vortrag zeigte sie, dass es immer wieder viele gute Programme und Projekte gibt. Die Projekte leiden jedoch daran, dass zu hohe Erwartungen an sie gestellt werden. Werden die nicht erfüllt, werde aus den guten Wirkungen oder lehrreichen Erfahrungen der Projekte oft zu wenig gemacht. Das von Eberhardt betreute Programm "Jobstarter" ist von Rot-Grün ins Leben gerufen worden und wird auch von der neuen Ministerin gepriesen. Die Wissenschaftlerin warnte allerdings davor, das Jobstarter Programm wegen seines breiten Konzeptes als "Allheilmittel" zu überfordern. Ihrer Ansicht nach wäre es dringend nötig, dass die Programme von Bund und Ländern besser vernetzt werden. Solange Länderprogramme schlichte Prämien pro neuem Ausbildungsplatz versprechen, fehlt der Anreiz, auch strukturelle Reformen anzugehen, die nicht sofort zum leicht messbaren Erfolg führen. Mittelfristig helfen aber nur Strukturverbesserungen wie auf einander abgestimmte produktive Bildungsketten statt der derzeit häufigen Warteschleifen.
Migrationshintergrund erschwert Lehrstellensuche
An diesen ersten Teil über die Verbesserung und Innovation der Zusammenarbeit der Lernorte in der beruflichen Bildung schloss sich der zweite an zur Situation von jungen MigrantInnen auf dem Ausbildungsmarkt.
Frau Dr. Mona Granato vom Bundesinstitut für berufliche Bildung legte dar, dass von 1994 – 2004 der Anteil ausländischer Auszubildender um 26 Prozent, die Ausbildungsquote bei deutschen Jugendlichen hingegen "nur" um zwölf Prozent auf derzeit 59 Prozent gesunken sei. Junge Migrantinnen befänden sich sogar – trotz besserer Schulabschlüsse- nur zu 23 Prozent in einer Ausbildung im dualen System (junge deutsche Frauen 48 Prozent). Frau Dr. Granato wies darauf hin, dass Ausbildungsplatzsuchende mit einem Migrationshintergrund – auch bei gleichen schulischen Qualifikationen - deutlich seltener eine Lehrstelle fänden, als ihre Altersgenossen ohne Migrationshintergrund. Damit sie nicht dauerhaft aus dem Arbeitsmarkt ausgegrenzt werden, müssten die Übergänge zwischen der Schule und der beruflichen Ausbildung deutlich verbessert werden. Jungen Erwachsenen ohne Berufsabschluss – so Frau Dr. Granato weiter – müsse eine zweite Chance gegeben werden, diesen in einer abschlussbezogenen Nachqualifizierung nachträglich zu erwerben und dabei auch an ihren informell erworbenen Kompetenzen bzw. vorhandenen Teilqualifikationen ansetzen.
Heidi Gellhardt von KUMULUS
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einer Berliner Bildungsberatung und Ausbildungsstellenvermittlung für Jugendliche mit Migrationshintergrund, wies ebenfalls darauf hin, dass sich der Anteil an Jugendlichen ohne deutschen Pass an betrieblicher Ausbildung in Berlin in den letzten zehn Jahren halbiert habe. Frau Gellhardt benannte u. a. folgende Ursachen: Die Berufsorientierung an Schulen sei inadäquat. Es existiere kein flächendeckendes und aufeinander abgestimmtes Übergangsmanagement von der Schule in die Arbeitswelt. Staatliche Ausgleichsprogramme seien ungenügend aufeinander abgestimmt und inhaltlich wirtschaftsfern. Und schließlich gäbe es nur unzureichende Maßnahmen, um Diskriminierung zu überwinden. Als Empfehlung gab Frau Gellhard der Wirtschaft die Kampagne "Berlin braucht Dich" mit auf den Weg. Damit versucht der Berliner Senat derzeit, Jugendliche mit Migrationshintergrund dafür zu gewinnen, sich im Öffentlichen Dienst zu bewerben.
Im Rahmen des Europäischen Sozialfonds zielt die sog. Gemeinschaftsinitiative EQUAL darauf ab, die berufliche Integration von Personen zu fördern, die am Arbeitsmarkt benachteiligt werden. In Deutschland wurden hierfür über 100 sog. Entwicklungspartnerschaften (EPs) eingerichtet. Auf Drängen von Bündnis 90 / Die Grünen hatte die rot-grüne Bundesregierung acht solcher EPs für die berufliche Integration von Flüchtlingen geschaffen – mit Erfolg: Erstmals - so Maren Gag von dem EQUAL Projekt "Fluchtort Hamburg" - wurden so in Deutschland AsylbewerberInnen und Geduldete auf der Grundlage regulärer Ausbildungsverträge beruflich qualifiziert; erstmals konnten hierüber Arbeitsverbote aufgehoben werden, um das Absolvieren beruflicher Praktika zu ermöglichen; erstmals konnten Instrumente der Benachteiligtenförderung für diese Zielgruppe geöffnet werden und erstmals wurde den Teilnehmerinnen und Teilnehmern von der Ausländerbehörde ein Bleiberecht zugesichert, bis sie die gewählten Qualifizierungsmaßnahmen oder Ausbildungen beendet hatten. Allein in Hamburg wurden über dieses EQUAL-Projekt in drei Jahren rund 1.100 Asylbewerberinnen und Geduldete für den Arbeitsmarkt vorbereitet, geschult und qualifiziert. Rund 240 Ausbildungen und Umschulungen konnten erfolgreich absolviert bzw. berufsqualifizierende zertifizierte Abschlüsse erworben worden. Dennoch sei in kaum einem Mitgliedsstaat der EU die auf Flüchtlinge bezogene Bildungs-, Sozial- und Beschäftigungspolitik so restriktiv wie in Deutschland. Neben einer allgemeinen Bleiberechtsregelung sei eine Vielzahl von Maßnahmen notwendig, um die Integration – gerade von jugendlichen Flüchtlingen – am Arbeitsmarkt zu verbessern.
Zweite Chance für Jugendliche durch die Hartz-Reform
Der dritte Teil der Veranstaltung betrachtete das im Rahmen der Hartz-Gesetzgebung neu ausgerichtete Sozialgesetzbuch (SGB) II, in dem für Jugendliche besondere Schwerpunkte gesetzt worden waren. Vor allem die deutliche bessere Betreuung und die Installation eines Fallmanagements sollten die Hilfeangebote für sie optimieren. Es zeigen sich aber Fragen: Was bieten wir denjenigen an, die in den gängigen Systemen schon lange vor dem Eintritt in die Arbeitswelt scheitern? Welche Angebote gibt es für sie und welche weiteren brauchen sie, um den Weg zurück in Ausbildung und Arbeit zu finden?
Als "eine richtige Medizin mit problematischen Nebenwirkungen" bewertete Henrik von Bothmer, selbständiger Berater und langjähriger Geschäftsführer der BAG Jugendsozialarbeit die Regelungen des SGB II nach rund eineinhalb Jahren Laufzeit. Richtig deshalb, weil das Prinzip der individuellen Beratung und zügigen Förderung grundsätzlich eine Verbesserung der Chancen der Jugendlichen darstellt. Problematisch deswegen, weil die Umsetzung zu wünschen übrig lässt. Allzu oft würden beispielsweise Jugendliche in Arbeitsgelegenheiten und nicht in Ausbildung oder Ausbildungsvorbereitung vermittelt. Auch verfügten die Mitarbeiter in den Arbeitsgemeinschaften häufig nicht über die notwendige Qualifizierung, um tatsächliche ein kompetentes Fallmanagement durchzuführen. Trotzdem ist es nach Bothmers Auffassung immer noch möglich, das SGB II zu einem erfolgreichen Projekt für alle Seiten zu machen. Notwendig hierfür sei neben der der verstärkten Fokussierung auf Ausbildung und der Qualifikation der Fallmanager vor allem die Abkehr von Forderungen nach mehr Druck auf die Jugendliche. Denn dies führe nicht zur Integration, sondern zielsicher zur dauerhaften sozialen Ausgrenzung der Jugendlichen.
Günther Elbel, Projektleiter der Kompetenzagentur Cottbus, stellte anhand seiner Erfahrungen die Vorzüge und die Ausrichtung eines kompetenten Fallmanagements dar. "Erreichen, halten, vermitteln", mit diesem Ehrgeiz versuchen die derzeit fünfzehn Kompetenzagenturen, besonders benachteiligten Jugendlichen individualisierte Hilfe anzubieten. Elbel hob insbesondere die Lotsenfunktion der Kompetenzagenturen hervor. Die Einbindung in den Sozialraum und die Netzwerkarbeit spiele ebenfalls eine hervorgehobene Rolle, denn häufig haben die Jugendliche nicht nur mit ihrer beruflichen Perspektivlosigkeit zu kämpfen, auch mit Miet- oder Handyschulden müssen sie umgehen lernen. Gleichzeitig identifiziert die Agentur Förderlücken und berät hinsichtlich qualifizierender Maßnahmen, in die Jugendlichen vermittelt werden können. Aber trotz aller Bemühungen - in einer Region wie Cottbus heißt vermitteln manchmal auch, den Jugendlichen zum Verlassen ihrer Heimat zu raten. Denn Ausbildungs- und Arbeitsplätze schaffen, das können die Kompetenzagenturen nicht.
Über die Erfahrungen der Produktionsschule Kassel berichtete abschließend deren Geschäftsführer Martin Mertens. Die Produktionsschule ist kein klassischer Maßnahmetyp, sondern ein Projekt mit Arbeitsweltbezug, das Arbeiten und Lernen zusammenführt. Entsprechend arbeitsmarktnah sind die Produktionsbereiche organisiert. Ziel der Arbeit bleibe immer die Vermittlung in Ausbildung oder den Arbeitsmarkt. Sich als Teil einer Förderkette verstehend, arbeitet die Produktionsschule zurzeit an der Verbesserung der Kontakte mit der Wirtschaft, um die Vermittlungschancen der Jugendliche zu erhöhen. Eine Zertifizierung konnte bereits in Zusammenarbeit mit den Kammern erstellt werden, so dass sich der Übergang in Ausbildung und Arbeit zukünftig leichter gestalten kann. Mertens beschrieb neben den Erfolgen auch die Grenzen des Produktionsschulansatzes, der sich insgesamt im Segment der vorberuflichen Bildung und Qualifikation bewährt hat. Dieses Ergebnis führte ihn zu seiner abschließenden Forderung, Produktionsschulen als Regelangebot in das SGB II, II und VIII aufzunehmen. Nach fast fünfzehn Jahren erfolgreicher Arbeit sicherlich ein prüfenswertes Anliegen.
Wie es weitergeht
Im ersten Resümee zeigt sich, dass zu vielen dieser Fragen schon Erkenntnisse vorliegen. Die Kunst wird sein, sie gemeinsam sorgfältig auszuwerten und abzuwägen, um so zu einem Fahrplan zu kommen, wie das duale System der beruflichen Bildung weiterentwickelt und zukunftssicher gemacht werden kann. Dazu muss viel stärker als bisher übergreifend gedacht und gehandelt werden.
