"Computerspiele: Was wird hier gespielt?" Dieser Frage hat sich heute die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen in einem öffentlichen Fachgespräch gemeinsam mit ExpertInnen aus Politik, Wirtschaft und Praxis gewidmet. Nach der schrecklichen Gewalttat von Emsdetten war in den Medien und der Politik die Debatte über ein mögliches Verbot sogenannter Killerspiele aufs Neue entbrannt. Gewalthaltige Computerspiele, so die weit gestreute Meinung, seien ursächlich für Gewaltausbrüche wie die von Robert Steinhäuser und Sebastian B. Bündnis 90/Die Grünen haben bereits in ihrem Fraktionsbeschluss vom Januar 2006 deutlich gemacht: Auch wir sind gegen gewaltverherrlichende Computerspiele, daher hat Rot-Grün im Jahr 2002 den Jugendschutz verschärft und Herstellung und Verbreitung extrem gewaltverherrlichender Computerspiele verboten und unter Strafe gestellt. Schon jetzt können also bestimmte Spiele über das Strafgesetzbuch verboten werden, so geschehen im Jahr 2004 mit dem Spiel "Manhunt". Die Regelungen des Strafgesetzbuches halten wir für ausreichend, weitere Gesetzesverschärfungen sind zwecklos und nicht zielführend. Stattdessen brauchen wir eine intensive Auseinandersetzung mit dem Medium Computerspiele. Der kompetente Umgang mit Spielen muss genauso gefördert werden wie die Entwicklung und Verbreitung hochwertiger Spiele, Bücher oder Filme.
Im Rahmen eines Fachgeprächs diskutierten am 27.11.2006 Experten aus Politik, Wirtschaft und Praxis in Berlin über das Thema Computerspiele.
Weitergehende Verbote sind zwecklos
In ihrem Begrüßungsstatement hat Grietje Bettin, medienpolitische Sprecherin der Fraktion, noch einmal aufgezeigt, warum Bündnis 90/Die Grünen die immer neuen Verbotsforderungen ablehnen, weil sie die bestehende Gesetzeslage ignorieren. Sie hat insbesondere darauf hingewiesen, dass Computerspiele Teil einer lebendigen Jugendkultur sind, der vor allem ältere Menschen oft mit Unkenntnis und Unverständnis gegenüber stehen. Anstelle einer Verbotsdebatte sei vielmehr eine Debatte über den Mangel an Medienkompetenz vonnöten – Verbote sind schnell gefordert, eine kritische Auseinandersetzung mit der Thematik allerdings ist mühevoll.
Hinzu kommen weitere Gründe, die einem Verbot widersprechen: Zum einen ist das unterstellte Ursache-Wirkungs-Schema, dass gespielte Gewalt zu realer Gewalt führt, wissenschaftlich nicht einwandfrei belegt – Amokläufe haben komplexere Ursachen. Zum anderen sind nationale Verbote schlichtweg nutzlos, wenn Spiele jederzeit über das Internet bezogen werden können. Weiterhin ist der deutsche Jugendschutz einer der strengsten der Welt, die bestehenden Regelungen funktionieren weitestgehend. Nicht zuletzt sind Computerspiele nicht gleichbedeutend mit "Killerspielen" – die deutliche Mehrzahl der Spiele kommt aus anderen Genres.
Medienkompetenz – eine Frage aller Generationen
Im ersten Teil des Fachgesprächs, moderiert von Kai Gehring (s.o.: Bildmitte), jugend- und hochschulpolitischer Sprecher der Fraktion, wurde deutlich, dass die anwesenden ReferentInnen und Gäste die momentane "Killerspiel"-Debatte für wenig faktenorientiert hielten. Der aktuelle Fall müsse genau analysiert werden. Jugend- Bildungs- und Medienpolitik seien gemeinsam gefordert. Statt Verboten müsse vor allem eine Auseinandersetzung mit dem Medium Computerspiele und mit der spielenden Generation stattfinden.
Wichtig sei vor allem, dass Medienkompetenz in allen Generationen über alle Medien hinweg existiere. Eine bestehende und wachsende "digitale Kluft" zwischen den jungen Spielenden und den älteren Nicht-Spielenden führe zu gegenseitigem Unverständnis. Computerspieler müssten endlich ernst genommen, Eltern, LehrerInnen und ErzieherInnen verstärkt im Umgang mit Computer und Computerspielen geschult werden. Entscheidend sei, dass die ältere Generation einmal selbst Computerspiele spielte, um nicht "wie ein Blinder von der Farbe zu sprechen". Kai Gehring forderte eine "Kultur des Hinsehens", bei der Kinder und Jugendliche nicht erst beachtet werden, wenn Gewaltausbrüche geschehen sind.
Gütesiegel nur eingeschränkt sinnvoll
Der zweite Teil des Fachgesprächs, moderiert von Grietje Bettin, widmete sich den Fördermöglichkeiten für Computerspiele. Vorgestellt wurden bestehende Projekte von Qualitätssiegeln für Computerspiele als auch Möglichkeiten der finanziellen Förderung der Spieleentwicklung. Es wurde allerseits anerkannt, dass Computerspiele mehr als ein Wirtschaftsgut sind und dass ihnen eine kulturelle Bedeutung beigemessen werden muss. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Games-Branche Innovationsträger der Computerindustrie ist und dass der Computerspielbereich neue Berufswege und Arbeitsplätze hervorbringt.
Die Idee eines einheitlichen Gütesiegels für Computerspiele wurde allseits begrüßt. Mehrere Experten und Gäste äußerten aber auch Skepsis: Ein solches Siegel sei nur für Computerspiele für Kinder sinnvoll, weil hier die Eltern noch die wirkliche Entscheidung über den Computerkonsum ihrer Kinder träfen. Mit dem Jugendalter aber hätten die Jugendlichen eigene Vorlieben und seien verstärkt in der Lage, sich ungewünschte Spiele selbst zu besorgen. Gerade für diese Altersgruppe wäre ein Gütesiegel "Pädagogisch wertvoll" eher abschreckend denn förderlich.
Fazit: Kompetenz statt Verbote
Breiter Konsens bestand in der Auffassung, dass neue Verbotsregelungen für sog. Killerspiele falsch sind und dem Medium Computerspiele nicht gerecht werden – wer über ein noch strengeres Verbot nachdenke, müsse die gleichen Kriterien an Bücher und Filme anlegen. Entscheidend sei vielmehr, dass Erziehungsberechtigte Verantwortung übernehmen und hinschauen, was und wie Kinder Medien konsumieren. Eine Förderung von Computerspielen – sei es durch Gütesiegel oder finanzielle Mittel – wurde begrüßt.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fachgesprächs
