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| 12.09.2006

Niederlausitz: Die Sorben und die Braunkohle

Ganz im Zeichen der Sorben stand die erste Informationstour der Bundestagsfraktion in die Niederlausitz mit Cornelia Behm und Wolfgang Wieland. Als eine der wenigen alteingesessenen Minderheiten in Deutschland haben die Sorben zunehmend mit gravierenden Schwierigkeiten zu kämpfen: So sprechen immer weniger Menschen niedersorbisch und die kleine Minderheit ist zudem besonders stark vom Braunkohleabbau betroffen. Über beide Probleme wollten sich die Abgeordneten ein Bild vor Ort machen und mit den maßgeblichen Akteuren Lösungsmöglichkeiten diskutieren.

Niederlausitz, SorbentourAls erstes wurde das Niedersorbische Gymnasium Cottbus besucht. Wolfgang Wieland und Cornelia Behm (im Bild links) nahmen am Unterricht in der Klasse 7a teil und versuchten sich im Verstehen der sorbischen Sprache. Sie fragten die Schülerinnen und Schüler, ob und wie sie ihre slawische Sprache im Alltag einsetzen – und die ließen nicht lange auf Antworten warten. Sehr schnell waren sie diejenigen, die Fragen stellten. Ganz konkret wollten sie wissen, wie sich die Abgeordneten für ihre Schule einsetzen und warum die Finanzierung des Gymnasiums derzeit nicht mehr vom Land Brandenburg getragen wird. In einem anschließenden Gespräch mit Schulleiter Werner Müller und Schülersprecher Felix Brannaschk (im Bild rechts) wurden diese Fragen vertieft und Ideen zur gegenwärtigen Situation der Schule ausgetauscht.

Niederlausitz, SorbentourDer zweite Besuch führte ins wendische Museum in der Innenstadt von Cottbus. Kurator Werner Meschkank (im Bild links neben Cornelia Behm MdB und Wolfgang Wieland MdB) kam nur kurz dazu, die niedersorbischen Traditionen zu erläutern: Die beiden grünen Bundestagsabgeordneten waren vor allem an einer Einschätzung der gegenwärtigen Lage interessiert und wollten wissen, welche Schlüsse sich aus der sorbischen Vergangenheit für die Zukunft ziehen lassen. Die Auskünfte Werner Meschkanks waren alarmierend und zeigten, dass es für das Niedersorbische zunehmend schwierig im Alltag ist: Nur wenige Menschen leben die Sprache wirklich und haben mehr und mehr Probleme, sie anzuwenden. Seine Ausführungen machten besonders deutlich, welche Verluste mit dem zunehmenden Verschwinden des Niedersorbischen verbunden sind.

Niederlausitz, SorbentourAuch der nächste Termin war nicht weniger kontrovers: Beim Besuch im Tagebau Welzow-Süd nahmen Anwohner aus den anliegenden Ortschaften Proschim und Welzow teil und machten deutlich, welche Einbußen sie an Lebensqualität in unmittelbarer Nähe des Tagebaus hinnehmen müssen. Die Vattenfall AG nimmt für ihre Gewinne auch die Abbaggerung sorbischer Ortschaften in Kauf. Die Bundestagsabgeordneten waren deswegen besonders an den Rekultivierungsmaßnahmen interessiert. Sie wollten wissen, was der Energieriese unternimmt, um die Lasten der ansässigen Bevölkerung zu mindern. Auch die Bürger der anliegenden Ortschaften nutzten die Möglichkeit, um den Vertretern von Vattenfall ihre Meinung zu sagen.

Bei der anschließenden Befahrung des Tagebaus war man beeindruckt vom größten Fahrzeug der Welt – dem Tagebaubagger. Viel tiefere Eindrücke jedoch hinterließ eine Fahrt durch den bereits aufgelösten Ort Haidemühl: Nur noch wenige Menschen leben hier und ihre Heimat wird es in wenigen Monaten nicht mehr geben. Ihre Häuser werden weg sein – auch wenn der Bagger erst 2018 den Ort erreichen wird.

Am Abend wurde dann in Cottbus über das Thema der Minderheitenpolitik in einer bedrohten Region diskutiert. Moderiert von Benedikt Dyrlich, Chefredakteur der sorbischen Tageszeitung Serbske Nowiny, diskutierten Cornelia Behm, die Ethnologin Dr. Cordula Ratajzcak, René Schuster, Mitglied im brandenburgischen Braunkohleausschuss und Klaus-Otto Weymanns vom brandenburgischen Infrastrukturministerium. Der Einladung zum konstruktiven Dialog waren Vertreter der Vattenfall AG leider nicht gefolgt. Nachdem zunächst auch die größte sorbischen Vereinigung Domowina die Teilnahme absagen wollte, stand schließlich ihr Regionalsprecher für den Niederschlesischen Oberlausitzkreis, Manfred Hermasch, zur Verfügung.

Man kam schnell zur Sache: Die Positionen waren erwartet gegensätzlich, jedoch wurde sehr deutlich, dass ein Dialog zwar schwierig, aber notwendig und gewünscht ist – und zwar mit allen Beteiligten. Cornelia Behm betonte, dass die Sorben trotz Braunkohleabbau in der Lausitz weiterhin in Dörfern, die wirklich Heimat sind oder neue Heimat werden, leben sollen. Zur Heimat gehören für sie nicht nur Haus und Hof, sondern auch Arbeit, Freizeit, soziale Versorgung und Kultur. Wenn Menschen der Kohle weichen müssen, dann müssen Staat und Gesellschaft dafür sorgen, dass sie ihre Heimat, ihre Identität und ihre Lebenslust bewahren können.

Niederlausitz, SorbentourKlaus-Otto Weymanns zeigte sich offen und interessiert am Austausch, sagte aber auch klar, dass für ihn die Braunkohle ein mittelfristig unverzichtbarer Energieträger ist. René Schuster betonte besonders die verheerenden Schäden durch den Braunkohleabbau und Cordula Ratajczak forderte, dass die Rekultivierung neu verstanden werden muss: Unter Rekultivierung versteht sie auch die Rückgewinnung sorbischer Kultur – wer sorbische Kultur und Identität bedroht und zerstört, müsse auch nachhaltig zu ihrer Förderung beitragen. Dass für diese Aufgabe sowohl Politik als auch der Bergbaubetreiber Vattenfall in der Pflicht stehen, fand bei Publikum und Podium Zuspruch - wie auch der Wunsch, dass sich das Energieunternehmen zukünftig öffentlich an diesem Dialog beteiligt.

Im Bild von links nach rechts: Klaus-Otto Weymanns, Cornelia Behm, Benedikt Dyrlich, Dr. Cordula Ratajczak, René Schuster und Manfred Hermasch

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