Vierte Etappe der grünen Demografietour
In der künftigen Kulturhauptstadt Essen sind die Folgen des demografischen Wandel besonders anschaulich zu erleben. Bereits seit den 90er Jahren ist der Anteil der über 65-Jährigen größer als die Gruppe der Jugendlichen. Als schrumpfende und alternde Großstadt musste die Stadt Essen notwendige, teilweise schmerzhafte Anpassungen in ihrer sozialen Infrastruktur, wie beispielsweise im Schul-, Sport- und Jugendbereich, vornehmen. Die Ruhrgebietsmetropole kann daher als Laboratorium des demografischen Wandels betrachtet werden.
Oftmals besteht die Sorge, bürgerschaftliches Engagement könne als Lückenbüßer und Ersatz für professionelle Infrastruktur und staatliche Verantwortung missbraucht werden. Das kann niemand wollen. Es muss darum gehen, die hohe Bereitschaft zu bürgerschaftlichem Engagement in der Gesellschaft weiter zu fördern. Denn darin stecken große Chancen und Potenziale: für die Zivilgesellschaft, für neue Formen der Beteiligung und ideenreicher Stadtteilkultur.
Wie lässt sich das vor Ort erreichen? Dazu haben Kai Gehring, Sprecher für Jugend- und Hochschulpolitik, und Britta Haßelmann, Sprecherin für Kommunalpolitik, Demografie und Altenpolitik, Einrichtungen und Projekte in der Stadt Essen besucht, die zeigen, welche positive Rolle bürgerschaftliches Engagement im demografischen Wandel spielen kann.
Die Essener Ehrenamtagentur
Das Ladenlokal wirkt offen, einladend und gemütlich. Hier hat die Ehrenamt Agentur Essen ihre Anlaufstelle. Jede und jeder kann vorbeikommen und einen Termin vereinbaren: "Circa eine Stunde dauert ein solches Beratungsgespräch", erläutert Janina Krüger, Geschäftsführerin der Ehrenamt Agentur. Dabei wird ein Fragebogen gemeinsam ausgefüllt, in dem Kompetenzen, Zeitressourcen und Hobbys abgefragt werden ("Profiling"). Dieser wird dann mit Angeboten aus der Datenbank "Fairmatch" abgeglichen: Im Moment gibt es 420 Engagementangebote von 180 Organisationen. Die Ehrenamt Agentur stellt bei Interesse den Kontakt her und stimmt Details ab. "Und nach vier Wochen fragen wir nach, ob die Vermittlung erfolgreich war", erzählt Frau Krüger.
Neben der Vermittlungstätigkeit hat die Ehrenamt Agentur auch eigene Projekte erfolgreich initiiert: Bei "17/70 – Junge Paten für Senioren" absolvieren Jugendliche eine halbjährige theoretische und praktische Ausbildung und engagieren sich danach mindestens ein Jahr in vielfältigen Formen, zum Beispiel in der Freizeitgestaltung für Seniorinnen und Senioren. Neben reichlich neuen Erfahrungen und den Dank und die Annerkennung aller Beteiligten erhalten die Jugendlichen als "Bonbon" und Gratifikation einen Zuschuss von 100 Euro zum Führerschein. Das Projekt "Freunde für Kinder" vermittelt Paten für benachteiligte Kinder (children at risk). Pate und Kind verbringen ein Jahr lang mindestens vier Stunden pro Monat miteinander. Auch hier werden die Freiwilligen intensiv geschult und auf ihre Rolle vorbereitet. Ruhrdax greift zentrale Börsenelemente auf und bringt unter dem Motto "Wirtschaft trifft Ehrenamt" Bedarfe gemeinnütziger Einrichtungen und ehrenamtliche Unterstützungsangebote von Wirtschaftsunternehmen zusammen.
Entscheidend bei der Arbeit der Ehrenamtagentur ist es auch, neue Annerkennungsformen zu entwickeln, wie zum Beispiel den JEep-Pass ("Junge Essener erfahren Partizipation"). Dieser bescheinigt Jugendlichen ihre Leistungen im Ehrenamt. Damit können sie dann auch bei Bewerbungen punkten. Diesen zentralen Ansatz der Ehrenamtagentur lässt sich einfach umschreiben: "Man tut es nicht nur für andere, sondern auch für sich selbst".
Bürgerzentrum Südostviertel Storp 9
Weit leuchten die bunten Farben auf dem Gebäude in der Storp Straße 9 im Südostviertel. Zu sehen sind zwei Figuren, die aufeinander zugehen. So ist die Philosophie des Bürgerzentrums Storp 9, die Begegnung von unterschiedlichen Generationen und Kulturen, bereits von außen gut erkennbar. Im Inneren haben ganz unterschiedliche Organisationen und Gruppen ihren Platz gefunden: Der Kunstverein Port e.V. bietet Kunstkurse an. In der Computerschule ließen sich bereits 20 Bürgerinnen und Bürger am PC schulen, die nun auf freiwilliger Basis ihr Wissen weitergeben. Außerdem gibt es eine Hausaufgabenschule, die vor allem von Kindern mit Migrationshintergrund besucht wird. Die libanesische Frauengruppe trifft sich ebenso regelmäßig wie die Mutter-Kind-Gruppe oder die Seniorinnengruppe. Am Kicker toben sich die Jugendlichen des Viertels aus. "Natürlich läuft das bei so unterschiedlichen Interessen nicht alles spannungsfrei ab", wie der Leiter, Christan Papies, berichtet. "Aber dann gehört es dazu, zu vermitteln und Kompromisse zu finden." Das Miteinander von Generationen und Kulturen unter einem Dach ist ein gutes Beispiel für eine Belebung des Stadtteils. Storp 9 ist ein beispielhaftes Kooperationsprojekt zwischen einem lokalen Wohnungsbauunternehmen (Allbau AG) und dem städtischen Jugendamt. Nach zwei Jahren Betriebszeit ist das Storp 9 aus dem Viertel nicht mehr wegzudenken und hat erheblich dazu beigetragen, dass eine neue Form von Stadtteilkultur und Stadtteilidentität gelebt wird.
Pimp my Stadtteil im Bezirk Borbeck
Oftmals haben Jugendliche das Gefühl, bei der Mitgestaltung ihres Lebensumfelds zu wenig mitreden zu können. "Pimp my Stadtteil, motze deinen Stadtteil auf" – Teil des Projekts mitWirkung! der Bertelsmann-Stiftung - steht für eine Kreativitätswerkstatt, die Jugendlichen eine neue Form der Mitsprache ermöglichen will. Zu einem zentralen Jugendforum 2006 kamen rund 100 Jugendliche. Die einzige Frage war: Welche Punkte sind euch in eurer Umgebung wichtig? Die Beantwortung der Frage konnte schriftlich oder durch Modellbau erfolgen. So interessierten sich viele Jugendliche für ein neues Tanz- und Bewegungszentrum und lieferten dann gleich noch ein Modell mit, das ihren Wünschen entspricht. Das Team um den Projektleiter, Daniel Dimke, versucht nun, mit der Stadtverwaltung zu verhandeln, Sponsoren zu finden und diese Idee zu realisieren. Die Jugendlichen werden dabei aktiv in den Prozess eingebunden und regelmäßig über den aktuellen Stand informiert. "Letztendlich geht es darum, den Jugendlichen zu vermitteln, dass sie etwas verändern können, wenn sie sich engagieren", fasst Daniel Dimke den zentralen Projektgedanken zusammen.
Podiumsdiskussion
"Zukunft selbst gemacht- Bürgerliches Engagement im demografischen Wandel"
In der Essener Volkshochschule fand die Demografie-Tour mit einer Podiumsdiskussion ihren Abschluss. Neben Kai Gehring und Britta Hasselmann diskutierten Janina Krüger, Geschäftsführerin der Ehrenamtagentur, der Leiter des Projekts "Pimp my Stadtteil", Daniel Dimke und Rainer Fretschner vom Institut Arbeit und Technik an der Fachhochschule Gelsenkirchen. Dabei herrschte zunächst zwischen den Diskutanten Einigkeit, dass Bürgerschaftliches Engagement nicht als billiger Ersatz angesehen werden dürfe. "Es ist unbedingt ein kluger Mix zwischen professionellen und freiwilligen Strukturen notwendig", betonte Britta Haßelmann. Die Diskussion zeigte anschließend Parallelen zwischen den Klischees über Alt und Jung auf. Während Kai Gehring darauf hinwies, das die junge Generation nicht zur vergessenen Generation werde dürfe und immer nur negativ in die Schlagzeilen kommen, z.B bei den Themen Killer-Spiele oder Komasaufen, warb Rainer Fretschner dafür, auch bei Seniorinnen und Senioren endlich vom Defizit-Ansatz (sind alt, gebrechlich) zum Kompetenz-Ansatz (können etwas für ihre Umgebung tun) überzugehen.
Mit bürgerschaftlichem Engagement kann schließlich auch der Generationendialog gefördert werden, wie die Projekte in Essen gezeigt haben.
