Eine vom Mainzer Kinderkrebsregister im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz durchgeführte Studie zeigt eine signifikante Erhöhung der Zahl an Krebs – vornehmlich Leukämie - erkrankten Kinder unter 5 Jahren im Umfeld von Atomkraftwerken.
Die Untersuchung wurde in 41 Landkreisen an 16 Standorten mit 22 AKW durchgeführt. Sie umfasst den Zeitraum 1980 bis 2003 und ist damit statistisch äußerst gut abgesichert. Das Studiendesign und die angewandte Methodik wurden von einem 12-köpfigen Expertengremium einvernehmlich festgelegt. Die Studie genügt nach Ansicht des BfS damit höchsten Maßstäben und ist wissenschaftlich nicht angreifbar.
Es wurde keine Auswertung der Einzelstandorte durchgeführt, da die Zahl der Einzelfälle an einem Standort für eine statistische Auswertung zu gering wäre. Die folgenden zentralen Ergebnisse der Studie beziehen sich daher nur auf die Gesamtheit aller untersuchten AKW-Standorte:
- Das Risiko für unter 5-jährige Kinder an einem Tumor oder an Leukämie zu erkranken, steigt mit zunehmender Nähe des Wohnstandortes zu einem AKW statistisch signifikant an. Im Umkreis von 5 km um das AKW ist das Risiko um 120 % höher als im Bundesdurchschnitt.
- Die Studie umfasste zunächst nur den Radius von 5 km um die AKW-Standorte. Da ein statistischer Zusammenhang zwischen Wohnentfernung vom AKW und Leukämierate nachgewiesen wurde, wurden jetzt auch Auswertungen bis zum Umkreis von 50 km um die AKW-Standorte durchgeführt. Dort gehen statistisch zusätzlich 150 Fälle von Kinder-Leukämie zurück auf die Wohnortnähe zum AKW.
- Einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der von den AKW ausgehenden Strahlenbelastung und dem Auftreten der Leukämie kann die Studie nicht kausal erklären. Die VerfasserInnen sagen sogar, dass die von deutschen Atomkraftwerken im Normalbetrieb emittierte ionisierte Strahlung nicht als Ursache der erhöhten Krebsraten interpretiert werden könne. Dieser Sichtweise hat sich allerdings ein die Studie begleitender 12-köpfiger Expertenbeirat nicht angeschlossen. Er schließt die Strahlenemission als Ursache der Leukämie-Erkrankungen explizit nicht aus.
Die Bundesreigerung muss handeln
Die Studie des Bundesamts für Strahlenschutz gibt klare Hinweise darauf, dass es den von vielen Ärzten befürchteten Zusammenhang zwischen dem Betrieb von Atomkraftwerken und der Häufigkeit von Krebserkrankungen bei Kindern tatsächlich gibt. Das Ergebnis passt zu ähnlichen Untersuchungen, die weltweit durchgeführt werden.
In einer so genannten Metaanalyse wurde im laufenden Jahr bereits ein statistischer Zusammenhang zwischen Leukämiezahlen bei Kindern und dem Betrieb von Atomkraftwerken festgestellt. Auch in den USA und Japan ist dieser Zusammenhang wissenschaftlich nachgewiesen. Neu ist allerdings, dass nachweislich das Riskio für Kinder an Leukämie zu erkranken umso größer ist, je näher sie am Reaktor wohnen.
Die Ergebnisse der Studie dürfen nicht politisch zerredet werden, sondern müssen Konsequenzen haben. Für uns sind dabei die folgenden Punkte von zentraler Bedeutung:
- Die Studie wirft grundlegende Frage auf. So muss die Bundesregierung die bisherige Bewertung der gesundheitlichen Wirkungen von Atomkraftwerken im Normalbetrieb grundsätzlich überdenken und auf eine neue Grundlage stellen. Der vorliegenden Studie müssen dazu ähnliche Erhebungen zu Missbildungen bei Kindern im Umfeld von Atomkraftwerken sowie zu den gesundheitlichen Risiken von Erwachsen rasch folgen.
- Die Atom-Ideologen in Reihen der CDU müssen ihr Verhältnis zur Atomkraft überdenken. Nach der Häufung von Störfällen auch in deutschen AKW sowie eklatanten Sicherheitsmängel ist nun das erhöhte Krebsrisiko ein weiterer Beleg dafür, dass Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke unverantwortlich sind.
- Die Bundesregierung muss jetzt handeln. Es gilt die offenen Fragen im Zusammenhang mit der Studie rasch zu klären. Aus Vorsorgegründen muss die Strahlenbelastung aber bereits bis dahin so gering wie möglich gehalten werden.
- Die alten Atomkraftwerke müssen deshalb jetzt vom Netz. Bundesumweltminister Gabriel weiß, dass die alten AKW ein nicht hinnehmbares Risiko für die Gesundheit der Anwohner darstellen. Seine Ankündigung vom Sommer alte AKW vorzeitig vom Netz zu nehmen, muss er jetzt in die Tat umsetzen.
- Die Abgabe von Radioaktivität an die Umgebung muss unterbunden werden. Erst kürzlich musste die Bundesregierung auf unsere Anfrage zum Störfall im AKW Krümmel zugeben, dass die beim Betrieb des Atomkraftwerks anfallenden radioaktiven Gase und Aerosole über den Schornstein an die Umwelt abgeleitet werden. Es gilt, aus Vorsorgegründen derartige Emissionen über eine Gesetzesänderung zu unterbinden.
Die Regierungskoalition scheint indes nicht bereit, Konsequenzen aus den immer offensichtlicher werdenden Gefahren der Atomkraft zu ziehen. Weder das Leukämierisiko noch die Störfälle des letzten Sommers oder die ungelöste Endlagerfrage bringen die Atom-Ideologen zum Nachdenken. So bezichtigt die CDU das Bundesamt für Strahlenschutz der "Panikmache" und behauptet weiterhin, dass deutsche Atomkraftwerke sicher seien. Und auch ein Antrag der grünen Fraktion gegen die Gefährdung von Atomkraftwerken durch Terrorangriffe wurde im Umweltausschuss von SPD, CDU und FDP abgelehnt.
Die Bundesregierung hat sich bei der Wahl zwischen dem Schutz der Bevölkerung und dem Schutz der Interessen der Atomkraftwerksbetreiber für die Energiekonzerne entschieden. Wer bekannte Gefahren verdrängt anstatt wirkungsvolle Maßnahmen zu treffen, macht sich im Falle der Katastrophe der Fahrlässigkeit schuldig.
