Was sind uns die Alten wert?
Der demografische Wandel ist bereits Realität. Dennoch ist die öffentliche Debatte darüber immer noch geprägt von Alarmismus und Panikmache. Es gilt, der Realität ins Auge zu sehen: die Bevölkerung insgesamt wird schrumpfen, der Anteil älterer Menschen wird stark ansteigen und die Schichtung der Bevölkerung eine völlig andere werden. Kurz gesagt: Wir werden weniger, älter und bunter.
Gerade thematisiert das ZDF Alter und demografischen Wandel. In der ZDF Doku-Fiction "2030 Aufstand der Alten" wird ein düsteres, fast bedrohliches Bild der Konsequenzen des demografischen Wandels gemalt. Verarmte Rentner leben in Obdachlosenheimen, wirksame Medikamente sind praktisch unbezahlbar, immer mehr Senioren begehen Selbstmord . Es kommt zum Aufstand der Alten.
Noch nie wurden die Menschen so alt wie heute. Viele Faktoren haben zu einer deutlich längeren Lebenserwartung geführt. Diese Tatsache wird unser Zusammenleben verändern. Angstmacherei oder Pessimismus sind dabei jedoch schlechte Ratgeber. Die zentralen Fragen sind: Wie werden Jung und Alt in Zukunft miteinander leben. Welche Möglichkeiten oder gesellschaftliche Teilhabe und Selbstbestimmung existieren heute und in Zukunft für Menschen im Alter und was sind den Jungen die Alten wert?
Im Moment werden häufig die möglichen finanziellen Belastungen einer älter werdenden Gesellschaft betont, insbesondere in Bezug auf die sozialen Sicherungssysteme, das Gesundheitswesen und die Pflegeversicherung. Hier muss deutlich komplexer gedacht werden. Zum einen gilt es, den Aspekt der Generationengerechtigkeit stärker in das Blickfeld zu rücken. So steht eine generationengerechte Politik vor der Aufgabe, die Kosten möglichst gerecht zwischen Generationen und Einkommensgruppen zu verteilen. Neiddebatten und Schuldzuweisungen an einzelne Generationen bringen nicht weiter. Zum anderen müssen die Chancen des demografischen Wandels besser herausgearbeitet werden. Im Vergleich zu früheren Generationen werden in den nächsten Jahren viel mehr Menschen noch bis ins hohe Alter fit und gesund sein, selbst bestimmt leben und an der gesellschaftlichen Entwicklung aktiv teilhaben können. Darüber können wir uns freuen.
Gestalten statt Panik
Für uns Grüne heißt das: sensibilisieren ja, aber keine Panikmache über das künftige Miteinander der Generationen und das Altern in unserer Gesellschaft. Wir brauchen statt dessen eine ernsthafte Diskussion über die Herausforderungen des demografischen Wandels und die notwendigen Rahmenbedingungen, in denen das Alter in seiner ganzen Vielfalt als lebenswert erlebt werden kann.
In einem Fraktionsbeschluss zum Thema Demografie haben wir in aller Breite zentrale Bereiche benannt, in denen jetzt angesetzt werden muss, damit die Zukunft demografiefest gestaltet werden kann.
Potenziale erkennen
Es ist höchste Zeit, über die Potenziale älterer Menschen zu reden. 2030 wird jede dritte Person in Deutschland 60 Jahre oder älter sein. Und wir werden diese Menschen stärker brauchen als bisher: als Träger des bürgerschaftlichen Engagements, als ArbeitnehmerInnen, als Fachkräfte und als KonsumentInnen. Allerdings ist die Gesellschaft auf diese Entwicklung noch unzureichend vorbereitet. Oft ist unser Altersbild von Vorurteilen und Stereotypen geprägt. Dabei müssten uns die vielen aktiven Alten längst eines besseren belehrt haben. Die Entwicklung geht in die Richtung, dass alt heute nicht mehr alt ist. Die Zahl 60 steht weder für Leistungsabfall noch Rückzug ins Privatleben. Es gilt die Vielfalt des Alters anzuerkennen.
Bürgerschaftliches Engagement aktivieren
Ob im Vereinsleben, bei kultureller und sozialer Arbeit oder in der Kommunalpolitk: Ältere Menschen übernehmen zunehmend wichtige Gemeinschaftsaufgaben. Doch gesellschaftliches Engagement wird sich nicht von allein einstellen. Potenziale müssen auch aktiviert und stimuliert werden. Hier braucht es mehr als bloße Lippenbekenntnisse, wie sie im Koalitionsvertrag der großen Koalition zu finden sind. Konkret sind flexible Übergangsregelungen von der Erwerbsarbeit zur Nacherwerbsphase gefragt. Neue attraktive Teilhabeangebote können gerade auch Menschen aus bildungsfernen Schichten und MigrantInnen ansprechen - ein Personenkreis, der bislang stark vernachlässigt wurde. Ganz wichtig ist: Wir brauchen eine neue Anerkennungskultur und müssen das Engagement attraktiver machen und den Menschen im Alter das Gefühl geben, wirklich gebraucht und respektiert zu werden.
Chancen älterer ArbeitnehmerInnen
Die Potenziale der Generation 50+ werden in naher Zukunft auch auf dem Arbeitsmarkt benötigt, gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, des drohenden Facharbeitermangels und der Situation der sozialen Sicherungssysteme. Doch noch immer sind die Berufsaussichten für ältere ArbeitnehmerInnen in Deutschland schlecht. Mittlerweile sind nur noch 41 Prozent der über 55-Jährigen erwerbstätig. Schuld daran sind die jahrelange Strategie der Frühverrentungspraxis und die Fixierung auf junge Menschen in den Unternehmen. Innovation und Alter wird vielfach nicht zusammen gedacht. In der vergangenen Wahlperiode hat Rot-Grün bereits eine Reihe von Instrumenten geschaffen, die die Beschäftigung älterer ArbeitnehmerInnen fördern. Diese sind immer noch zu wenig bekannt und werden zu wenig genutzt. Jetzt hat die Bundestagsfraktion in ihrem Antrag "Neue Kultur der Altersarbeit – Anpassung der gesetzlichen Rentenversicherung an längere Rentenlaufzeiten" weitere konkrete Vorschläge gemacht
Verschiedene Altersbilder
Bei aller optimistischen Betrachtung der Potenziale des Alters ist auch klar: die Gruppe der älteren Menschen ist keineswegs eine homogene Gruppe. Es gilt also auch die im Blick zu haben, die nicht fit in den dritten Lebensabschnitt starten. Einsamkeit, Krankheit und Pflegebedürftigkeit sind die andere Seite des Alters. Da mit der Zahl der Hochalten (80 und älter) auch die Zahl der Pflegebedürftigen zunehmen wird, ist die Zukunft der Pflegeversicherung eines der zentralen Themen auf der politischen Agenda. In unserem Fraktionsbeschluss "Pflege menschenwürdig gestalten" haben wir konkrete Vorschläge zu deren Weiterentwicklung gemacht. Leider verschiebt die große Koalition das Thema nach hinten. Es bleibt zu hoffen, dass der Gestaltungswille von SPD und CDU diesmal größer ausfällt als bei den schlechten Vorschlägen zur Gesundheitsreform.
Neben der dringend notwendigen Reform der Pflegeversicherung müssen wir auch die gesamte Lebenswelt der Älteren stärker in den Blick nehmen. So wird bislang viel zu wenig berücksichtigt, dass auch Migrantinnen und Migranten hierzulande älter werden und die Frage der kultursensiblen Altenpolitik eine immer größere Rolle spielen wird.
Die materielle Situation der älteren Menschen in Deutschland ist im Moment für die Mehrzahl der Menschen gut. Aber aufgrund hoher Arbeitslosigkeit und brüchiger Erwerbsbiografien muss leider davon ausgegangen werden, dass die Altersarmut wieder steigen wird. Deswegen arbeiten wir daran, die sozialen Sicherungssysteme demografiefest zu gestalten.
