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| 05.03.2007

Ein Hesse in Europa

Omid Nouripour im Porträt.

"Ich hoffe doch schwer, dass man meinen Akzent hört", grinst Omid Nouripour, "ich bin nämlich ein echter Frankfurdder Bubb", und macht es sich am früheren Schreibtisch von Joschka Fischer bequem. Vom ehemaligen Außenminister hat er nicht nur das Mandat, sondern auch das Büro übernommen. Und wie Fischer nimmt auch Nouripour kein Blatt vor den Mund.

"Wer etwas bewegen will, muss mit dem eigenen Hintern anfangen", diesen Spruch findet er nicht nur gut, weil er von ihm selbst stammt. Er ist sozusagen die Essenz seiner eigenen Lebenserfahrung.

Der deutsch-iranische Jungpolitiker hat früh erlebt, dass Freiheit und bürgerliche Rechte nicht überall selbstverständlich sind. Sondern dass man sich engagieren muss, um demokratisches Zusammenleben zu verteidigen und weiter voranzubringen. So entwickelte sich der Bundestagsneuling zu einem bekennenden Fan der Europäischen Union. "Die EU ist ein ungeheuer wichtiges Friedensprojekt", betont der 31-jährige Europa- und Migrationsexperte der Fraktion. "Auch wenn sie im Ruf steht, ein bürokratisches, träges Monstrum zu sein, sie ist bis jetzt das effizienteste Instrument zur langfristigen Friedenssicherung."

Der große, dunkelhaarige Mann spricht schnell, fast atemlos. Manchmal wippt er unruhig auf seinem Stuhl hin und her, weniger Ausdruck von Ungeduld als von Tatendrang.

Als Mitglied im Europaausschuss des Bundestages hat er klare Prioritäten: Er möchte die Phobie vieler Bürgerinnen und Bürger vor dem "Moloch Europa" abbauen und ihnen die EU als "Friedensstifterin" schmackhaft machen. Man hat das auch schon aus anderem Mund gehört. Dass es leicht abgedroschen klingt, nimmt Nouripour bewusst in Kauf. Denn in der Sache bleibe es ja richtig. Vor allem komme es auf mehr Transparenz in den europäischen Strukturen an. "Damit wir alle mehr Durchblick haben. Wer kennt denn zum Beispiel den amtierenden Präsidenten der mächtigsten Behörde – der EU-Kommission? Nicht viele und das ist auch kein Wunder, weil er von den StaatschefInnen und nicht von den Bürgerinnen und Bürgern gewählt wird."

Für Nouripour ein Unding. Auch das Nein zur EU-Verfassung erklärt er sich so. Zu wenig Einfluss habe auch das Parlament in Straßburg: "Hier stimmt die Gewaltenteilung in der EU nicht."

Was kann man denn als "nationaler" Politiker für Europa tun? "Wir müssen schneller sein", kontert Nouripour entschlossen. "Es geht nicht, die Brüsseler Entscheidungen nur abzunicken, wenn sie gefallen sind. Wir müssen sie im Vorfeld beeinflussen." Europas Potenzial nutzen hieße auch, voneinander zu lernen. Zum Beispiel bei der Integration von älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern  in den Arbeitsmarkt. Während in Deutschland rund 50 Prozent der über 55-Jährigen ohne Job seien, zähle in Schweden lange Berufserfahrung längst als "Plus" auf dem Arbeitsmarkt. Mit dem Ergebnis einer wesentlich höheren Beschäftigungsrate von älteren Menschen. "Hier sind wir gerade dabei, eine ganze Generation zu versenken." Die Verzweiflung ist ihm auf die Stirn geschrieben.

Als grüner Migrationspolitiker und Sprecher der "Bundesarbeitsgemeinschaft MigrantInnen und Flüchtlinge" hat Nouripour besonders die Außengrenzen der Europäischen Union im Blick –  und die Dramen vor unserer Haustür. Allein die Flucht von Westafrika an die Küsten Europas hat nach Schätzungen von amnesty international im vergangenen Jahr 6.000 Menschen das Leben gekostet. Die Bekämpfung der Fluchtgründe vor Ort und geregelte, legale Einwanderungsmöglichkeiten in die EU – diese Aufgaben müssten die Mitgliedsstaaten solidarisch lösen. Einzelne Länder wie Spanien müssten entlastet und die Kosten aufgeteilt werden. Als Bundespolitiker will sich Nouripour auch für ein vernetzteres Arbeiten der Behörden einsetzen. Zudem solle ein europaweites Zuwanderungsgesetz nationales Recht ergänzen.

Bei diesem Thema verknüpfen sich die Fäden seiner persönlichen mit der politischen Biografie. Der Sohn iranischer Eltern hatte Teheran mit seiner Familie 1988 – vor seinem 14. Geburtstag – verlassen, denn ab diesem Alter konnten Iraner im Land festgehalten werden. Nach der Revolution von 1979 wurde die geistige Unfreiheit des neuen "Gottesstaates" unerträglich und gefährlich für die moderne, aufgeklärte Familie. Die Eltern, beide zivile FlugverkehrsingenieurIn, sahen für ihre Kinder keine Zukunft mehr. Frankfurt wurde zur neuen Heimat. Mit 21 Jahren stieß Nouripour zu den Grünen. Hier fragte ihn niemand: "Wo kommst du denn her?" Ein eindeutiger Pluspunkt für seine neue politische Heimat. Doch die Initialzündung für sein Engagement kam zwei Jahre später. 1998 machte Roland Koch in Hessen Wahlkampf mit einer Unterschriftenaktion gegen die Novellierung des Staatsbürgerschaftsrechts, einem Überbleibsel aus wilhelminischer Zeit. Im nächsten Jahr brachte es Nouripour zum Sprecher der Grünen Jugend in Frankfurt.

Politisch vom Main an die Spree gewechselt, hält er seiner Heimat Frankfurt die Treue. Beim "Hessisch babbeln" geht ihm das Herz auf. Als Philologe sammelt er seine liebsten hessischen Vokabeln von A wie "aal" bis Z wie "Zores", nachzulesen auf seiner Website. Und – wie Joschka – "frisst" auch er Bücher, bevorzugt von AutorInnen ausländischer Herkunft wie Feridun Zaimoglu. Eins pro Tag galt mal als Standardration. Bei den PhilosophInnen der französischen Phänomenologie darf die Lektüre auch länger dauern – die liegen sonst zu schwer im Magen.

in: profil:GRÜN, März 2007

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