
- IAA 2007
von Fritz Kuhn und Winfried Hermann
Unabhängig zur Arbeit, mal schnell einkaufen oder bei FreundInnen vorbeischauen – das Auto gilt vielen dabei als unverzichtbar. Seit den 50-er Jahren hat der Automobilbestand in Deutschland um 900 Prozent zugenommen. Heute sind bei uns 46 Millionen Pkws unterwegs, die Straße ist mit riesigem Abstand Verkehrsträger Nummer 1. Doch mehr denn je müssen wir uns klar machen: Dieser Mobilitätsstil führt in die Klimakatastrophe und schränkt die Lebensqualität vielfach ein. Unsere Autos verbrauchen zu viel Sprit und haben einen hohen CO2-Ausstoß. Sie halten uns abhängig von immer teureren und riskanten Ölimporten. Der Autoverkehr verstopft Innenstädte, sorgt für schmutzige Luft und Lärm und nimmt spielenden Kindern den Platz. Höchste Zeit, dass Mobilität grün wird.
Mobilität muss grün werden. Mit Bus und Bahn, auf dem Rad oder zu Fuß sind wir oft viel schneller und bequemer am Ziel. Eine moderne Verkehrspolitik sorgt für Alternativen zum Auto und erleichtert das Kombinieren, etwa von Zug und Fahrrad. Das Auto wird ein wichtiger Bestandteil unserer Mobilität bleiben. Doch das Auto der Zukunft fährt grün – oder gar nicht.
Nur mit neuer umweltfreundlicher Automobiltechnik wird die Welt das erwartete Wachstum des Automobilbestands in den kommenden Jahrzehnten überhaupt verkraften. Die Vision ist ein grünes Autos, das weitgehend klimaneutral ist, keine Schadstoffe ausstößt, leise fährt, keine schweren Unfälle mehr verursacht und sich in ein integriertes Verkehrssystem einbetten lässt.
Die deutsche Automobilindustrie ist auffällig um ein ökologisches Image bemüht. So präsentiert sich die IAA in diesem Jahr grüner als je zuvor. Volkswagen, BMW, Opel und Mercedes stellen sparsame Modelle vor und innovative Entwicklungen wie die Hybridtechnik in Aussicht. Die neue Marketingstrategie läuft jedoch Meilen vor der Realität. De facto ist die IAA eine Messe der Auslaufmodelle. Größer, stärker, schneller ist noch immer die vorherrschende Logik der Autobauer. Klimaschutz wird als neue Geschäftsnische behandelt, vom grünen Auto der Zukunft und in Serie ist die Branche noch weit entfernt.
Hinter den Kulissen betreibt die Autolobby die alte Interessenpolitik. Sekundiert von Kanzlerin Merkel und Wirtschaftsminister Glos hat sie in Brüssel erreicht, dass der für 2012 vorgesehene CO2-Grenzwert für Neufahrzeuge auf 130 Gramm pro Kilometer abgemildert wird. Sie will nun die Einführung der Grenzwerte auf 2015 verschieben und eine künftige Dynamisierung verhindern. Die Folgen dieser Klimaschutzblockade sind gravierend. Der CO2-Ausstoß des Autoverkehrs würde kaum abnehmen. Wir Grünen fordern dagegen ambitionierte und dynamisiert steigende Grenzwerte von 120 Gramm im Jahr 2012 und 80 Gramm im Jahr 2020. In der EU ließen sich dann 95 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Das entspricht etwa der Menge, die heute alle deutschen Pkws verursachen. Die deutsche Automobilindustrie muss die Ökologisierung des Autos als Herausforderung und Chance zugleich begreifen. Denn die Nachfrage nach ökologischen Autos steigt weltweit rasant.
Nur wenn sie beim Klimaschutz die Technologieführerschaft übernimmt und den Bau grüner Autos vorantreibt, wird sie die Grundlagen ihres wirtschaftlichen Erfolgs bewahren. Noch längst sind nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, den Kraftstoffverbrauch zu senken. Effizienzsteigerung und "Downsizing" lautet das Gebot der Stunde. Mit weniger Gewicht, Leichtlaufreifen, elektronischer Schaltempfehlung und optimierten Verbrennungsmotoren lassen sich die CO2-Emissionen weiter deutlich reduzieren. Auf der aktuellen Auto-Umweltliste des VCD emittieren die 10 besten Familienautos schon heute durchschnittlich weniger als 130 Gramm CO2 je Kilometer.
Biokraftstoffe können Öl und Gas nicht vollständig ersetzen. Wenn sie nachhaltig angebaut werden, sind sie aber eine sinnvolle Ergänzung zu einer radikalen Effizienzstrategie. Das gilt besonders für Biokraftstoffe, die die gesamte Pflanze nutzen. So kann 4 Mal mehr Biogas aus einem Hektar Acker gewonnen werden als Biodiesel aus Rapsöl. Die Hybridtechnik, die ein hohes Effizienzpotenzial besitzt, haben die deutschen Hersteller komplett verschlafen. Erst 2009/2010, und damit 12 Jahre nach Toyota, werden die ersten Autos von deutschen Herstellern mit Doppelantrieb aus Elektro- und Verbrennungsmotor angetrieben werden.
Hybridantriebe weisen zudem einen Weg zum Antrieb der Zukunft. Denn Elektromotoren haben einen sehr viel höheren Wirkungsgrad als Verbrennungsmotoren. Sie setzen bis zu 95 Prozent der eingesetzten Energie in Bewegung um, während der größere Teil der Energie bei Verbrennungsmotoren ungenutzt als Wärme verloren geht. Das Speicherproblem in vergleichsweise ineffizienten Batterien gehört möglicherweise bald der Vergangenheit an. Lithium-Akkus, die schon millionenfach in Handys und Notebooks eingesetzt werden, schicken sich an, die Batterietechnik zu revolutionieren. Bei gleichem Gewicht kann dann wesentlich mehr Strom gespeichert werden.
Die Weiterentwicklung der Batterietechnik ermöglicht sog. Plug-In-Hybride. Diese Fahrzeuge lassen sich auch an der Steckdose für einen rein elektrischen Betrieb aufladen. Dabei ist für die Umwelt- und Klimabilanz entscheidend, dass der elektrische Strom sauber ist. Klimaneutral sind Elektrofahrzeuge nur dann, wenn der Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen wird.
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</inline_link>Die grüne Bundestagsfraktion wird erstmalig auf der IAA mit einem eigenen Stand vertreten sein. Wir wollen den schlafmützigen Herstellern – speziell den deutschen – Dampf machen. Es ist nicht die Aufgabe der Politik, eine bestimmte Technik vorzugeben. Das können die IngenieurInnen der Automobilkonzerne besser.
Wir plädieren in unserem GREEN CAR CONCEPT aber dafür, alle Potenziale für eine klimafreundlichere Automobiltechnik zu aktivieren.
Entscheidend kommt es dabei auf einen politischen Ordnungsrahmen an, der grüne Ziele definiert und die Innovationen von morgen entfalten lässt. Wir brauchen ein Tempolimit auf Autobahnen von 120 km/h. Bei Tempo 160 sollen die Motoren abgeregelt werden. Das verringert zum einen die Autobahnraserei. Gleichzeitig käme damit eine Technologieentwicklung in Gang, die auf wesentlich effizientere statt immer stärkere Motoren setzt. Die Reform der Kfz- und der Dienstwagenbesteuerung soll sparsame Autos belohnen und Spritschlucker weitaus stärker belasten als bisher.
In der Forschungspolitik wollen wir die einseitige Ausrichtung auf die Wasserstofftechnik durch ein umfassendes Programm für die Forschung und Entwicklung von Elektroantrieben und Elektrospeichern ergänzen. 100 Millionen Euro sollen dafür jährlich in den Haushalt eingestellt werden. Unser Ziel sind 1-Million-Plug-In-Hybride/Elektrofahrzeuge bis zum Jahr 2020.
Weltweit zieht es immer mehr Menschen in die Städte. Der Trend zur Urbanisierung erfordert weit mehr als bessere Autos. Es braucht intelligente Konzepte für lebenswerte Städte und für eine menschen- und umweltgerechte Mobilität. Autos werden lediglich eine Komponente eines umfassenden integrierten Mobilitätsangebots sein. Grüne Autos auf Handy-Abruf werden vielfach den Privat-Pkw ersetzen.
Komfortabler und sicherer wird ein moderner, öffentlicher Verkehr sein. Er bildet das Rückgrat städtischer Mobilität. Fahrrad fahren und zu Fuß gehen werden wieder selbstverständlich. Wer solche klimafreundlichen Verkehrssysteme entwickelt, kann sie weltweit erfolgreich vermarkten. Uns geht es darum, diese Chancen zu nutzen. Fahren wir also auf der Zukunftsschiene: klimaverträglich mobil.
Besuchen Sie uns auf der IAA: K03, Halle 4.1, |
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