Bundesministerin von der Leyen muss sich Fragen stellen
Mit pseudowissenschaftlichen "Therapien" wollen fundamentalistische religiöse Gruppen Homosexualität "heilen". Mit Segen und Unterstützung der Bundesregierung? Bundesjugendministerin von der Leyen übernahm die Schirmherrschaft über das "Christival", das im Frühjahr in Bremen stattfindet. Das Programm dieser Veranstaltung enthielt auch ein Seminar einer der führenden "Ex-Gay"-Organisationen in Deutschland. Nach Protesten und einer Aufforderung von Volker Beck an die Ministerin, die Schirmherrschaft zurückzuziehen oder für eine Änderung des Programms zu sorgen, wurde das Seminar von den Veranstaltern mit Bedauern über "die öffentliche Diskussion" zurückgezogen. Weder Ministerin noch Christival-Leitung verloren jedoch ein kritisches Wort über die antihomosexuellen Inhalte. Mit einer Kleinen Anfrage im Bunderstag (Drs. 16/7917) fordern Bündnis 90/Die Grünen die Bundesregierung auf, Position zu beziehen und über gefährliche Psychokurse der "Homoheiler" aufzuklären.
Homoheiler geben sich wissenschaftlich und verständnisvoll
"Homosexualität verstehen - Chance zur Veränderung", lautete der Titel des inzwischen abgesagten Christival-Seminars. Der Programmtest stellte Homosexualität als ein zu überwindendes Übel dar: "Viele Menschen leiden unter ihren homosexuellen Neigungen. Im Seminar geht es um Ursachen und konstruktive Wege heraus aus homosexuellen Empfindungen." Durchgeführt werden sollte das Seminar vom "Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft". Hinter dem eindrucksvollen Namen verbirgt sich keine wissenschaftliche Forschungseinrichtung, sondern ein Arbeitsbereich der "Offensive junger Christen" (OJC).
Die OJC und ihr "Institut" verbreiten seit Jahr und Tag, dass Homosexualität Ausdruck einer Störung sei, die einer "reparativen Therapie" bedürfe. In ihren Schriften ist von wundersamer "Heilung" homosexueller "Patienten" die Rede. Homosexualität wird auf eine Stufe mit Alkoholismus gestellt und schwules Leben als ein von Krankheit, Leid und Tod gekennzeichnetes beschrieben. Eltern werden aufgefordert, sich nicht mit der Homosexualität ihrer Kinder abzufinden. Teenagern schade es, wenn ihnen gesagt werde, Gefühle für das gleiche Geschlecht seien normal. Mit dieser Propaganda trägt die OJC zu dem Leid junger Lesben und Schwulen im Coming Out bei, das angeblich gelindert werden soll. Nicht homophobe Einstellungen sollen überwunden werden, sondern homosexuelle Empfindungen.
In einem Buch, das das OJC-Institut "betroffenen Menschen" ans Herz legt, wird empfohlen, sich verbal selbst zu geißeln mit Worten wie "Ach, du Jammerfritze, schnappe dir einen Teller mit Glasscherben und friß sie auf, aber schnell!" Los, hinunter mit der Flasche Blausäure, du kannst Dich auf dem Boden wälzen, dann weißt du wenigstens, wieso du hier herumschreist!" Diese Methode nennt der Autor "Durchprügeln". (Gerard J.M.van den Aardweg: Das Drama des gewöhnlichen Homosexuellen, Hännssler 1985. 3. Auflage 1995 veröffentlicht "in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institit für Jugend und Gesellschaft")
Fachleute warnen
Entgegen dem von OJC verbreiteten Eindruck sind sich seriöse WissenschaftlerInnen und therapeutische Fachverbände einig, dass Homosexualität keine Krankheit ist und keiner Therapie bedarf. Sie weisen darauf hin, dass die grundsätzliche sexuelle Orientierung bereits früh feststeht und sich nicht willentlich verändern lässt. Allenfalls lasse sich vorübergehend das sexuelle Verhalten ändern, vor allem dann, wenn entsprechender Druck von Ex-Gay-Gruppen aufgebaut werde. Deren "Therapien" seien keineswegs harmlos. So schreibt Prof. Dr. Udo Rauchfleisch, Professor für Klinische Psychologie an der Universität Basel, in einer Stellungnahme:
"Häufig wird die Änderung im Sexualverhalten mit schweren Depressionen, zentralen Selbstwertproblemen und tiefer Verzweiflung erkauft und kann bis zum Suizid der betreffenden Menschen führen, die an dem Konflikt zwischen dem äußeren und dann von ihnen verinnerlichten Druck einerseits und dem Gefühl, ein Leben im Gegensatz zu ihrer sexuellen Orientierung zu führen, zerbrechen. Hier muss man eindeutig von einem Missbrauch und einer Schädigung durch so genannte therapeutische oder seelsorgerliche Interventionen sprechen."
Grüne nehmen die Bundesregierung in die Pflicht
Um Schaden für junge Lesben und Schwule abzuwenden, fordern Bündnis 90/Die Grünen die Bundesregierung auf, über obskure "Homoheiler" und ihre fragwürdigen Angebote aufzuklären. Das Letzte, was junge Leute im Coming-Out gebrauchen können, sind unnötige, unnütze und potenziell gefährliche Therapieempfehlungen. Gerade die Bundesjugendministerin von der Leyen ist hier gefordert. Zu ihren Aufgaben gehört es eigentlich, sich gegen die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung einzusetzen. Wenn junge Lesben und Schwule wegen ihrer Homosexualität drangsaliert werden, brauchen sie Unterstützung. Hilfe erhalten sie nicht von Organisationen, die den Jugendlichen einreden, mit ihren Gefühlen stimme etwas nicht. Hilfe erhalten sie auch nicht von einer MInisterin, die Reklame für eine Veranstaltung mit antihomosexuellem Programm macht. Die Bundesregierung sollte deutlich machen, dass Lesben und Schwule sich nicht den Erwartungen ihrer Peiniger anpassen müssen, sondern Rechte haben. Darum erwarten wir von Frau von der Leyen, dass sie sich in der Antwort auf unsere 27 Fragen unmissverständlich von der OJC und zahlreichen ähnlichen Gruppen distanziert.
