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Bildungsbericht | 12.06.2008

Das deutsche Bildungssystem macht nicht mehr mobil!

Nationaler Bildungsbericht mahnt dringend Reformen an

Das Bildungssystem in Deutschland besteht aus vielen Einzelteilen, an deren Übergängen Stolperfallen lauern. Kinder und Jugendliche werden nicht individuell gefördert, sondern vor den Hürden allein gelassen. Besonders Kinder aus Migranten- oder sozial schwachen Familien werden dadurch abgehängt. Das ist verheerend für ein Land, in dem in einigen Regionen schon jetzt mehr als die Hälfte der Kinder einen Migrationshintergrund hat. Statt die Potenziale von Kindern und Jugendlichen zu nutzen und ihnen durch Bildung Teilhabe zu ermöglichen, werden sie kontinuierlich demotiviert.

Zwar gab es 2007 mehr Ausbildungsplätze als in den Jahren zuvor, trotzdem fand fast die Hälfte aller Bewerberinnen und Bewerber keinen Ausbildungsplatz, sondern musste sich mit einer Maßnahme im Übergangssystem zufrieden geben. Dieses System leistet nicht das, was sein Name verspricht. Denn es ermöglicht nur wenigen den Übergang von der Schule in eine Ausbildung.

Übergangssystem umbauen zur Brücke in die Ausbildung

Der neue Bildungsbericht betont, dass das bestehende duale System nicht mehr wie früher in der Lage ist, Jugendliche mit geringerem Bildungsniveau zu integrieren. Diese Schwäche führt zu einer desolaten Lage der Hauptschülerinnen und -schüler. Zwei Drittel schaffen auch eineinhalb Jahre nach ihrem Abschluss keinen Einstieg in eine qualifizierende Ausbildung! Betroffen sind davon besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Es ist mehr als offensichtlich, dass sich die Schulform Hauptschule überlebt hat. Sie sollte deshalb abgeschafft werden. Wir fordern, Schülerinnen und Schüler nicht nach der Grundschule auszusortieren, sondern sie stattdessen länger gemeinsam zu unterrichten und dabei individuell zu fördern. Nur so kann die Zahl der Schulabbrecher endlich deutlich reduziert werden. Der mittlere Abschluss muss zum Regelabschluss werden, auf den die individuelle Förderung ausgerichtet wird.

Schon in der Schule brauchen die Jugendlichen motivierende Ausbildungsperspektiven statt drohender demotivierender Warteschleifen! Deshalb fordern wir, das berufliche System so umzubauen, dass kein Schritt mehr ohne Abschluss, Anerkennung und Anrechnung bleibt. Wir diskutieren daher folgende Schritte:

  • Es sollten zusätzliche Ausbildungsplätze an überbetrieblichen Ausbildungsstätten (ÜBA) eingerichtet werden, die gemeinsam von Berufsschulen und Kammern organisiert werden. Dort lernen Auszubildende nach dem dualen Prinzip, d.h. mit hohen betrieblichen Anteilen.
  • Die gesamte Berufsausbildung sollte in bundesweit anerkannten Modulen organisiert werden. Die Wahrung des Berufsprinzips muss durch die Inhalte der Module und die Kammerabschlussprüfung erhalten bleiben.
  • Außerdem sollen die bestehenden Übergangsmaßnahmen in das neue System überführt werden: Ein Teil würde zu Grundmodulen der Ausbildung, ein Teil ginge in Produktionsschulen auf. Dort sollen Schulabbrecher im und aus dem Arbeitsprozess lernen und einen Schulabschluss nachholen.

Die  Bildungsreform braucht nicht Herkules, aber zumindest Bund und Länder

Im internationalen Vergleich zu gering sind nach Meinung der Experten die Bildungsausgaben, sowohl der Privaten als auch der öffentlichen Hände. Auch wenn sie im Jahr 2006 bei 142,9 Mrd. Euro und damit fast 15 Mrd. über den Ausgaben von 1995 lagen, sind sie im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) gesunken. Machten sie 1999 noch 6,9% des BIP aus, waren es 2006 nur noch 6,2%. Vor allem die Finanzierung der Weiterbildung sinkt kontinuierlich und weist damit in die falsche Richtung. Auch andere Bereich leiden unter der Unterfinanzierung.

Bei den Studierendenzahlen hinkt Deutschland hinterher. Die Studienanfängerquote lag 2007 mit knapp 37% immer noch unter dem Höchststand von 39% im Jahr 2003. Sie ist damit weiterhin deutlich unter der für die wirtschaftliche Entwicklung notwendigen Zielmarke von 40%. Die Studienabbrecherquote ist zwar gesunken, in einigen Fächern ist sie allerdings mit ca. 25% noch immer viel zu hoch. Hier müssen Länder und Bund im Hochschulpakt 2 mehr Geld für bessere Lehre und Studienbedingungen investieren.

Langsam kommt Bewegung in die Kompetenzfrage. Wir beglückwünschen insbesondere die CDU, dass sie nun endlich merkt, welch fatale Konsequenzen die Föderalismusreform von 2006 hat. Damals hat die große Koalition mit Unterstützung der Liberalen dem Bund nahezu sämtliche Bildungskompetenzen entzogen. Jetzt auf einmal scheint die Union das Bildungssystem als das zu sehen, was es ist: das zentrale Instrument für individuelle Entwicklungsmöglichkeiten, Integration, Chancengerechtigkeit, aber auch gesellschaftliche, demokratische und ökonomische Entwicklung. Der Nationale Bildungsbericht ist der perfekte Anlass, die gemachten Fehler zu korrigieren.

Leider keine Handlungsempfehlungen

Allerdings weist der nationale Bildungsbericht noch immer einen Konstruktionsfehler auf: Die KMK und das Bundesbildungsminsterium als Auftraggeber wünschen keine Handlungsempfehlungen. Wir sehen darin einen entscheidenden Mangel des Berichts. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zeigen mit den Fakten und Analysen des Berichtes Defizite klar auf. Es muss ihnen daher auch erlaubt sein, all ihre Fachkompetenz dafür zu nutzen, um Schlüsse aus dem Erkannten zu ziehen. Aufgabe der Politik ist es dann, die Handlungsempfehlungen öffentlich zu diskutieren und ihre Entscheidungen dementsprechend zu verantworten.

Wer wie die Bundesregierung Aufstieg durch Bildung verspricht, muss sich endlich ernsthaft um Bildungspolitik kümmern – Zuständigkeitseifersüchteleien, Einzelinteressen auf Grund von Wahlkämpfen und andere Eitelkeiten sind angesichts der großen Herausforderungen nicht angebracht.

 

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