Fachgespräch zu Einflüssen des Rechtsextremismus auf den Tourismus in Deutschland
Deutschland soll ein weltoffenes, attraktives Reiseland sein, in dem sich Gäste aus aller Welt wohl und sicher fühlen. Während der Fußball-WM 2006 gelang dies weitgehend. Unter dem Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" lachte, tanzte, feierte man gemeinsam und erlebte Vielfalt als positiven Wert. Doch die alltägliche Wirklichkeit sieht anders aus. Die Meldungen über rechtsextrem motivierte Gewalttaten reißen nicht ab. So las man etwa im Mai 2006, kurz vor der WM: In Bielefeld attackierten zwei Jugendliche einen 43-jährigen Marokkaner, der daraufhin mit Stichverletzungen in Brust und Unterarm sowie einem Kratzer im Bauchbereich ins Krankenhaus musste. Oder im August, kurz nach der WM: Ein 44-jähriger gebürtiger Mosambikaner wurde in Chemnitz von zwei Männern in einem Park unter "Sieg-Heil" - Rufen mit einem Faustschlag ins Gesicht verletzt. In diesem Monat wurde in Mannheim ein israelischer Gastprofessor von zwei Jugendlichen ohne Vorwarnung zu Boden gerissen und getreten. Selbst vor Mord schrecken Nazis nicht zurück, mindestens 136 Menschen wurden seit der deutschen Wiedervereinigung von Rechtsextremen getötet.
Derartige Gewaltmeldungen gehen im Medienzeitalter rasch um die ganze Welt und schädigen das Ansehen unseres Landes. So verwundert es nicht, wenn in internationalen Reiseführern vor gehäuften rassistischen Übergriffen in bestimmten Regionen Deutschlands gewarnt wird. Nicht nur TouristInnen aus dem Ausland schreckt dies ab. Auch sieben Prozent der Deutschen haben ihre Reisepläne schon einmal wegen Rechtsextremismus geändert. Allein für das Land Mecklenburg-Vorpommern führt das "braune Image" zu Umsatzeinbußen zwischen 120 und 200 Mio. Euro jährlich, wie der dortige Tourismusverband errechnete.
Die grüne Bundestagsfraktion findet diese Entwicklungen nicht hinnehmbar und lud zu einem Fachgespräch am 20. Juni 2008 in Berlin ein. Dort diskutierten wir mit Fachleuten und Interessierten über die abschreckende Wirkung von Rechtsextremismus auf die Reiselust, gewaltbedingte "Angstzonen" für ausländisch oder alternativ Aussehende und auch über die daraus resultierenden wirtschaftlichen Verluste. Die Tourismusentwicklung ist ein sensibler Gradmesser für die Stimmung im Land. Wenn Menschen Angst haben, weg bleiben, müssen wir uns fragen: Wohin steuert unsere Gesellschaft? Was können wir gegen rassistische, intolerante Ressentiments tun? Wie lässt sich die Bevölkerung stärker für Demokratie und Zivilcourage mobilisieren, damit alle Gäste sich willkommen fühlen? Darüber kam es zu einem vielfältigen, anregenden Austausch zwischen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.
Monika Lazar MdB (Sprecherin für Strategien gegen Rechtsextremismus) und Bettina Herlitzius MdB (Sprecherin für Tourismuspolitik) führten gemeinsam durch das Fachgespräch und stellten fest: Rassismus und Gewalt schrecken Gäste ab. Verschweigen ist aber keine geeignete Lösungsstrategie. Auch ein Verharmlosen als "Ostphänomen" wird der Realität nicht gerecht. So ist z. B. auch das westdeutsche Stolberg ein Nazi-Treffpunkt, wo rechtsextreme Aufmärsche stattfinden. Dort wie an vielen anderen Orten Deutschlands schaden Neonazis der Wirtschaft und Arbeitsplatzentwicklung und schränken Lebensqualität und Freiheit ein.
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