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Kleine Anfrage | 06.06.2008

Existenzgründung für alle

Für eine Reihe von Menschen mit Behinderungen ist die berufliche Selbständigkeit eine wesentliche, manchmal sogar die einzige Möglichkeit, um am Arbeitsleben teil zu haben. Menschen mit Behinderungen, die sich beruflich selbständig machen, schaffen sich ihren eigenen Arbeitsplatz, der ihren ganz individuellen Bedürfnissen entspricht. So auch bei dem 24-jährigen Julian Peer van Schaik, der vor ein paar Jahren ein Reisegewerbe gegründet hat.

Das Beispiel Julian

J. Schaik 1Im Sommer verkauft er hauptsächlich Eis, in den anderen Jahreszeiten belegte Brote, Salate und Getränke. Viermal die Woche beliefert Julian u. a. die Lebenshilfe in Berlin-Mitte, die Allianz-Versicherung und die UNHCR-Regionalvertretung. Beim Verkauf berechnet Julian Summen und Wechselgeld mit dem Taschenrechner. Er fährt selbständig mit seinem Wagen in den Gebäuden, klopft an die Türen und fragt, ob jemand etwas kaufen möchte. Sein Assistenzbedarf hat mit der Zeit ständig abgenommen. Heute benötigt er von seiner Assistentin Sabrina nur Hilfe beim Zubereiten der Lebensmittel oder dann, wenn viele Kunden gleichzeitig kommen und es sehr hektisch wird.

Julian hat Trisomie 21 (Down-Syndrom). Im Rahmen des "Modellversuchs zur Integration geistig- und schwermehrfach behinderter Kinder" ist Julian zunächst in einer Grund- und Realschule bis 2002 zieldifferenziert beschult worden. Ein klassischer Schulabschluss war weder angestrebt noch erzielt worden. Zwar besuchte Julian im Anschluss daran eine Berufsvorbereitungsschule mit sonderpädagogischem Akzent, jedoch beim Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt kam es zu Problemen. Das Arbeitsamt versuchte Julian in die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) zu vermitteln. Dorthin wollte Julian aber auf keinen Fall.

Mithilfe seiner Mutter wandte sich Julian an die Gründungsberatungsfirma "enterability" in Berlin. Diese hat sich auf die Beratung zur Selbständigkeit von Menschen mit Behinderungen spezialisiert. Dass eine qualitativ hochwertige und zielgruppenspezifische Gründungsberatung Sinn macht, zeigt das Beispiel von Julian eindrucksvoll. Eine Existenzgründung in gewöhnlichen Beratungsstellen wäre nicht möglich gewesen. Neben der oftmals mangelnden Kenntnis behinderungsspezifischer Belange, herrscht auch wenig Wissen bezüglich der besonderen Fördermöglichkeiten vor.

Das war bei "enterability" anders. Die Beratungsfirma kombinierte die klassische Existenzgründungsberatung mit individuellen Einzelberatungen. "enterability" vermittelte die Assistenzleistungen für Julian und ermöglichte durch entsprechende Förderung, dass Julian arbeiten konnte, obwohl er bis zum heutigen Tag seinen Lebensunterhalt nicht vollständig durch seine selbständige Tätigkeit sichern kann. Neben den sich steigernden Fähigkeiten, die Julian durch seine Selbständigkeit auch im Alltag erlangt und davon profitiert, macht die Arbeit auch finanziell Sinn.

Die Selbständigkeit von Julian ist die kostengünstigste Variante. Zwar muss für die Kosten der Arbeitsassistenz, die der Unterkunft sowie für die Kosten der behinderungsspezifischen Gründungsberatung aufgekommen werden. Wäre Julian arbeitslos oder würde in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) arbeiten, käme das dem Staat bzw. dem Steuerzahler jedoch wesentlich teurer.

Nachfrage an Beratung ist groß

Leider fehlt es bisher an flächendeckender Gründungsberatung, die Menschen mit Schwerbehinderung auf berufliche Selbständigkeit vorbereiten. Eine eigenständige Regelfinanzierung für diese Art Existenzgründungsberatung gibt es bislang nicht. Dies ist umso bedauerlicher, als dass Modellprojekte wie "enterability" (Berlin 2004 - 2008) und "GO! Unlimited" (NRW 2005-2007) bewiesen haben, dass die Nachfrage nach einer speziellen Gründungsbegleitung groß ist und dass schwerbehinderte Männer und Frauen bei entsprechender Unterstützung in relevanter Zahl gründen und nachhaltig erfolgreich sind.

Diese Erkenntnisse waren Anlass für die grüne Bundestagsfraktion, die Bundesregierung nach dem bisherigen Kenntnisstand des Instrumentes sowie nach Möglichkeiten der Regelfinanzierung zu fragen. Die Antwort der Bundesregierung war so negativ wie eindeutig: Die Bundesregierung plant kein spezielles Gründungsbegleitsystem für Menschen mit Schwerbehinderung, weil die bisherigen Fördermöglichkeiten die Belange behinderter Frauen und Männer angemessen berücksichtigten.

Die Haltung der Bundesregierung verkennt nach unserer Ansicht das Bedürfnis vieler Menschen nach einer behinderungsspezifischen Gründungsberatung. Wir Grüne werden weiter für die Finanzierung und flächendeckende Angebotsstruktur einer solchen Beratung eintreten.

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Reader: Neue Wege in Erwerbsarbeit