Technische Mängel und fehlende Sicherheitskultur
Die von der Grünen Bundestagsfraktion beantragte Sondersitzung des Umweltausschusses bestätigte heute die gravierenden technischen Mängel des AKW Krümmel und die fehlende Zuverlässigkeit des Betreibers Vattenfall. De facto sind nach der Wiederinbetriebnahme des Reaktors im Juni 2009 die gleichen Fehler aufgetreten wie beim Trafobrand vor zwei Jahren. Daraus müssen Konsequenzen gezogen werden.
Die Atomaufsicht wurde von Vattenfall im Vorfeld der Genehmigung zur Wiederinbetriebnahme am 19.06.2009 ganz offenbar hinters Licht geführt. So verschwieg der Konzern, dass sich im Kühlbecken Metallsplitter befanden, zudem wurde ein Messgerät nicht wie zugesagt am Transformator installiert. Und gegen die Installation einer Audio-Überwachung in der Leitwarte hat der Konzern vor Gericht geklagt. Von der Reaktorschnellabschaltung schließlich erfuhr die Behörde von der Polizei, nicht aber von Vattenfall.
Ob das desaströse Verhalten Konsequenzen für Vattenfall haben wird, ließ der zuständige Landesumweltminister Christian von Bötticher offen. Erst müssten in Auftrag gegeben Gutachten fertig gestellt werden – das könne noch Monate dauern.
Gutachten attestiert Vattenfall fehlende Zuverlässigkeit
Der grünen Bundestagsfraktion ist das zu langsam. Sie hat inzwischen ein eigenes Gutachten von der Physikerin Oda Becker über die Mängel und Fehler im AKW Krümmel und das Versagen von Vattenfall erarbeiten lassen, dessen Ergebnisse heute ebenfalls präsentiert wurden.
Demnach gehört das AKW Krümmel zu den drei störanfälligsten Atommeilern im Land, allein 314 meldepflichtige Ereignisse weist der 1984 fertig gestellte Meiler auf. Obwohl einer der jüngeren Reaktoren, ist sein sicherheitstechnischer Zustand ist bedenklich.
Das Ergebnis: Dem hohen Gefährdungspotenzial in Krümmel müsste unbedingt durch besondere Sorgfalt und Vorsicht beim Betrieb der Anlage begegnet werden. Doch Vattenfall tut das genaue Gegenteil: Das Unternehmen führt den Reaktor bis an die Leistungsgrenze, um den Profit zu maximieren.
Fehlverhalten und technische Mängel gipfelten in einer beispiellosen Pannenserie in den wenigen Tage zwischen Wiederanfahren des Reaktors am 19. Juni und der Schnellabschaltung am 4. Juli 2009:
- Ein Leck am Turbinenkondensator wurde bereits am 20. Juni bemerkt, aber erst am 3. Juli lokalisiert,
- am 23. Juni wurde ein falsch eingestelltes Turbinenventil trotz Prüfung nicht entdeckt,
- am 1. Juli kam es zu einer Turbinen-Schnellabschaltung, weil eine Handarmatur fehlerhaft geschlossen war,
- während der Abschaltung der Turbine fiel auch eine Speisewasserpumpe aus,
- am 4. Juli kam es dann zur Schnellabschaltung des Reaktors durch einen Kurzschluss am Maschinentransformator aus bisher ungeklärter Ursache. Zuvor hatte Vattenfall ein vorgeschriebenes Messgerät nicht installiert - ein profunder Beleg für die eklatanten Mängel an Zuverlässigkeit.
- Während der Schnellabschaltung kam es zu Anormalitäten. So fiel ein Steuerstabantrieb und die Kühlung des Reaktorreinigungssystems wegen eines fehlerhaft geschlossenen Ventils für vier Stunden aus. Auch dieser Defekt war bei einer kurz vorher durchgeführten Überprüfung nicht bemerkt worden.
Unser Fazit: Vattenfall hat aus dem Trafobrand im Jahr 2007 nicht das Geringste gelernt, die Sicherheitskultur ist immer noch katastrophal. Es ist unverantwortlich, dieses Unternehmen weiterhin Atomkraftwerke betreiben zu lassen. Einen entsprechenden Antrag haben wir in der heutigen Sondersitzung des Bundestages zur Abstimmung eingebracht.

