Der Welternährungsgipfel, der vom 16. bis zum 18. November 2009 in Rom stattfand, ist den Erwartungen nicht gerecht geworden. Statt konstruktiv darüber zu streiten, was in den letzten Jahren falsch gelaufen ist und zu einem dramatischen Anstieg der Hungerzahlen geführt hat, haben die versammelten Staatsoberhäupter und Minister bereits am ersten Konferenztag eine weichgespülte Erklärung verabschiedet, die sich kaum von den Kommuniqués vorangegangener Gipfeltreffen unterscheidet. Doch Betroffenheitsbekundungen und Allgemeinplätze helfen den Hungernden nicht.
Von dem Ziel, bis 2015 die Zahl der Hungernden zu halbieren, ist die internationale Gemeinschaft weit entfernt. Mittlerweile sind 1,02 Milliarden Menschen bedrohlich chronisch unterernährt – ein Sechstel der Menschheit – obwohl genügend Nahrung für alle produziert wird.
Falsche Richtung
Anstatt endlich zu erkennen, dass der Hunger auf der Welt Folge von Politikversagen ist und es sich hier um ein eklatantes Gerechtigkeits- und Verteilungsproblem handelt, plädierten in Rom wieder einmal die meisten Staatsoberhäupter und Agrarminister vor allem für eine Ankurbelung der Nahrungsmittelproduktion.
Sicherlich muss mehr Nahrung produziert werden, damit eine wachsende Weltbevölkerung ernährt werden kann. Doch entscheidend ist die Frage, wo, auf welche Weise und vor allem für wen mehr produziert werden soll. In vielen Entwicklungsländern müssen die Hungernden mit ansehen, wie in zunehmendem Maße auf wertvollen Ackerflächen Futtermittel für die Massentierhaltung in den Industrienationen angebaut werden. Auch der Anbau von Energiepflanzen für die Agrotreibstoffproduktion und klassische Cashcrops wie Kaffee konkurrieren in vielen Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens mit dem notwendigen Anbau von Grundnahrungsmitteln für die heimischen Bevölkerung.
Notwendig wäre ein Paradigmenwechsel, eine umfassende Hungerbekämpfungsstrategie, die vor allem die Kleinbauern in den Entwicklungsländern in die Lage versetzt, auf nachhaltige Weise gesunde Nahrungsmittel für lokale und regionale Märkte anzubauen und dadurch einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssicherung zu leisten. Sie brauchen Zugang zu Land, Wasser, Saatgut, Kleinkrediten und Agrarberatung. Die Stärkung der ländlichen Infrastruktur und der Aufbau regionaler und nationaler Wertschöpfungsketten sind weitere notwendige Schritte, die den Entwicklungsländern helfen könnten, sich aus Abhängigkeiten und dem Teufelskreis von extremer Armut und Hunger zu befreien.
Ein Paradigmenwechsel, wie er auf der Konferenz in Rom auch vom Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung, dem belgischen Professor Olivier de Schutter, und dem Präsidenten von Paraguay, Fernando Lugo, zu Recht gefordert wurde. Doch solche Stimmen waren leider in der Minderheit. Viele Staatschefs und Agrarminister setzen nach wie vor einseitig auf Produktionssteigerung und verschließen die Augen – sowohl vor dem Verteilungsproblem als auch vor den ökologischen Verwüstungen und negativen Folgen für das Klima, die eine agroindustrielle Strategie (Großplantagen, massiver Einsatz von Kunstdünger, Herbiziden und Pestiziden) mit sich bringt.
Großes Gerangel und unklare Ergebnisse gab es auch in der Frage, welche internationalen Organisationen in der Hungerbekämpfung eine Führungsrolle einnehmen sollen. Die G8-Staaten, die auf ihrem letzten Gipfeltreffen 20 Milliarden US-Dollar für den Kampf gegen den Hunger versprochen (aber noch nicht gezahlt) haben, würden gern die Weltbank damit beauftragen. In der Schlusserklärung des Welternährungsgipfels von Rom wird dagegen eine Reform und Aufwertung des Komitees zur Ernährungssicherung (Comitee for Food Security, CFS) gefordert, dass bei der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) angesiedelt ist. Die FAO ist allerdings in den letzten Jahren durch den fast schon diktatorischen Führungsstil ihres Generaldirektors, Jaques Diouf, in Verruf geraten.
Überfällige Reformen
Fortschritte wird es nur geben können, wenn das CFS tatsächlich reformiert und von einem hochkarätigen Expertenteam in eine neue Richtung gelenkt wird: Stärkung des Rechts auf Nahrung statt einseitiger Fixierung auf Produktionssteigerung unter Missachtung ökologischer und sozialer Fragen. Dass Organisationen der Zivilgesellschaft im neuen CFS künftig Mitspracherechte bekommen sollen, weckt Hoffnungen.
Doch auch wenn es hier wirklich Fortschritte geben sollte und eine Reform des CFS gelingt, wird es nur dann spürbare Erfolge im Kampf gegen den Hunger geben, wenn die zugesagten Milliarden-Beträge tatsächlich gezahlt und den Kriterien des CFS entsprechend investiert werden.
Die Hoffnung, dass Reformen endlich in Angriff genommen werden und den Durchbruch schaffen, bleibt. Aber ebenso leider auch die Befürchtung, dass zusätzliche Milliarden letztendlich für wachsende Profite transnationaler Agrarkonzerne sorgen werden und die Zahl der Hungernden weiter steigt.

