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26. Mai 2006

Wenn die Uhren anders ticken

"Stress?" Kerstin Müller runzelt kurz die Stirn. "Stress ist, wenn man sich als Fraktionsvorsitzende in der Elefantenrunde vor einem Millionenpublikum schlagen muss", lacht die bündnisgrüne Außenpolitikerin. "Aber Franka Marie, nee, die macht keinen Stress, das ist eine ganz wunderbare Erfahrung." Seit dem 2. Januar ist Kerstin Müller eine sichtlich glückliche Mutter. Behutsam legt sie ihr Baby wie etwas sehr Zerbrechliches auf das extra breite Sofa im Mutter-Kind-Büro der Fraktion. Auf der hellen Giraffen-Decke hat Franka Marie genügend "Strampelfreiheit" und die nimmt die Kleine ausgiebig wahr. Gut, dass Mama Kerstin den grauen Elefanten und die Stoff-Ente mitgebracht hat. Franka Marie goutiert das mit fröhlichem Quietschen und einem zahnlosen, aber ausgesprochen charmanten Lächeln.

Vorbei die Zeiten, in denen Müller als Fraktionsvorsitzende und später als Staatsministerin im Auswärtigen Amt, als "grüne Promi" rund um die Uhr Politik machte. Jetzt gehen ihre Uhren erst einmal anders. Sie ticken in Franka Maries Rhythmus: aufwachen und Hunger anmelden, mindestens einmal pro Nacht, die Mutter frühmorgens im Bett erwarten, um sie freundlich, aber hin und wieder mit durchaus nachdrücklichem Geschrei an ihre Pflichten zu erinnern. Kerstin Müller nimmt es gelassen und freut sich auf jede Minute mit ihrer  Tochter. "Franka war eine gelungene Überraschung", schmunzelt sie und streichelt zärtlich über das noch etwas spärliche Haupthaar der Kleinen, "nicht geplant, aber von Anfang an freudig erwartet."

Wie sich Baby und Bundestag miteinander vereinbaren lassen?

Kerstin Müller sieht den kommenden Monaten entspannt entgegen. "Alles eine Frage der Organisation", sagt sie. Die wichtigste Strategie sei, "dass man mit seiner Zeit noch effizienter und disziplinierter umgehen muss". Den anderen Blick für Prioritäten habe Franka sie schon gelehrt. Als sehr hilfreich betrachtet die außenpolitische Sprecherin den Raum, den die Fraktion für Mutter und Kind extra zur Verfügung stellt – direkt neben ihrem Büro. So kann sie Franka Marie wenn nötig bei sich haben und sich mit ihr zum Wickeln und Stillen zurückziehen. "Ich weiß, ich bin im Vergleich zu anderen berufstätigen Frauen sehr privilegiert", räumt die 42-Jährige ein. In Anbetracht der immer noch schlechten Infrastruktur für Familien in Deutschland, der fehlenden Betreuungsplätze und der Tatsache, dass Kinder hier zu Lande ein Armutsrisiko darstellen und für Akademikerinnen einen Karriereknick, könne sie sich jetzt, wo Franka da ist, noch besser vorstellen, wie schwierig es erst für andere Frauen ist, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bekommen. "Ein echter politischer Skandal, dass das in Deutschland immer noch ein Problem ist!", sagt sie.

Ihre Arbeit als Außenpolitikerin soll in der neuen Lebensphase nicht zu kurz kommen. Dafür seien ihr bestimmteEntwicklungen zu wichtig; etwa im Sudan, wo – unbeachtet von der Weltöffentlichkeit – das Morden an der Zivilbevölkerung weiter gehe oder die Debatte um Friedenstruppen mit deutscher Beteiligung im Kongo. "Das ist klar, dass ich mich da weiter einmische", betont Kerstin Müller. Aber zu viele Abendtermine sind – zumindest in zurzeit – nicht mehr drin. Unterstützung bekommt Kerstin Müller, die sich ausdrücklich als allein erziehend sieht, auch von ihrer Mutter, die in den ersten Monaten häufiger vom Rhein an die Spree reist. Später will Müller eine Tagesmutter engagieren. Außerdem hat sie Franka Marie bereits in der Bundestagskita angemeldet. Ob dort rechtzeitig ein Platz frei wird, ist allerdings noch unklar. "Ich bin selbst gespannt, wie das alles so läuft.  'Learning by doing' ist das", lacht sie gut gelaunt und nimmt ihre Tochter auf den Arm, die schon seit einiger Zeit deutlich gemacht hat, dass jetzt essen angesagt ist. Kind und Karriere – für Kerstin Müller ist das eigentlich kein Thema. Schließlich habe sie vor Franka jahrelang ein Riesen-Arbeitspensum mit bis zu 70 Wochenstunden bewältigt. "Alle die mich kennen wissen das", sagt sie selbstbewusst und setzt auf Verständnis gerade bei den Grünen für ihre neue "Karriere" – als Mutter.

in: profil:GRÜN 06/2006

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