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Den demografischen Wandel zu akzeptieren, heißt anzuerkennen, dass weniger Menschen da sein werden, die den Herausforderungen der Wissensgesellschaft gegenüberstehen und sie bewältigen. Sie darauf optimal vorzubereiten, ist daher von großer Bedeutung für sie selbst und gleichzeitig auch im Interesse aller. Bildung ist der zentrale Schlüssel. Die Teilhabe an Bildung darf daher nicht erschwert werden und nicht von der sozialen Herkunft abhängen. Viele Kinder haben in Deutschland noch immer keine gerechte Chance auf Bildung. Das gegliederte Schulwesen sortiert zu früh aus, integriert und fördert zu wenig. In kaum einem anderen entwickelten Land hängen Bildungschancen und familiärer Hintergrund so eng zusammen wie bei uns. Das muss sich ändern. Die Chance auf eine umfassende Persönlichkeitsentwicklung und der Bildungserfolg aller Kinder und Jugendlichen stehen im Zentrum unserer Politik.
Bildungs- und damit auch Lebenschancen braucht man bereits in frühester Kindheit. Deshalb muss die frühkindliche Bildung stärker in den Fokus unseres Bildungs- und Fördersystems gerückt werden. Dazu gehören für uns der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung und eine hohe (fachliche) Qualität in der Kinderbetreuung. Das heißt gerade auch, dass Aus- und Fortbildung von Erzieherinnen und Erzieher hochwertig sein muss. Schwerpunkte sollten vor allem in der Wissensvermittlung (frühkindliches Lernen) und der Begegnung von Ungleichheit (sozial- und kultursensible Erziehung) gelegt werden. Kinderbetreuungseinrichtungen und Grundschulen müssen enger als bisher zusammenarbeien, so dass ein reibungsloser Übergang von Vorschule zur Grundschule gelingt.
Unser mehrgliedriges Schulsystem ist nicht geeignet, die bildungspolitischen Herausforderungen des demografischen Wandels zu bewältigen, da es weder in der Spitze noch in der Breite leistungsfähig genug ist. Noch immer produziert es eine große Risikogruppe, die ohne Basisfertigkeiten, manchmal auch ohne Schulabschluss auf den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt entlassen wird. Gerade Kinder und Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten und mit Migrationshintergrund sind davon überdurchschnittlich häufig betroffen. Ihre Potenziale bleiben ungenutzt. Gleichzeitig haben wir im internationalen Vergleich eine sehr geringe Abiturientenquote. Anstelle des mehrgliedrigen Schulsystems brauchen wir individuelle Förderung und längeres gemeinsames Lernen in der "rhythmisierten" Ganztagsschule.
Wir müssen einen breiteren Zugang zum beruflichen Erstausbildungssystem schaffen. Für ein ausreichendes Ausbildungsplatzangebot sind als erstes die Unternehmen gefragt: Wir brauchen eine höhere Verbindlichkeit bei den Zusagen für die Schaffung von Ausbildungsplätzen und einen gerechten Lastenausgleich zwischen denen, die ausbilden, und denen, die nicht ausbilden.
Auch wenn Unternehmen an ersten Stelle in der Pflicht sind, wenn es um die Schaffung von Ausbildungsplätzen geht, so brauchen wir doch daneben mehr Anerkennung für und die Weiterentwicklung von qualitätsvollen Alternativen zu der jetzigen Ausbildung im dualen System. Eine Stiftung zur beruflichen Bildung könnte als Mittlerstelle zwischen privat und öffentlich finanzierter Weiterbildung die regionale Vernetzung von Weiterbildungsaktivitäten unterstützen und Kontaktaufnahme zu Nachfragern herstellen
Neben der Ausbildungsquote gilt es, eine höhere Absolventnenquote zu erreichen und einen Ausbau der Studienkapazitäten voranzutreiben, bevor der demografische Wandel auch unsere Hochschulen erreicht. Damit die im Zuge des Bologna-Prozesses umgesetzte Modularisierung des Studiums tatsächlich auch zu kürzeren Studienzeiten ohne Qualitätsverlust führt, ist eine bessere Betreuungsrelation zwischen Studierenden und Lehrenden an den Hochschulen unbedingt notwendig.
Um auf den demografischen Wandel angemessen reagieren zu können, muss es zunehmend eine bessere Verschränkungen zwischen Erst- und Zweitausbildung, akademischer, betrieblicher und außerbetrieblicher Bildung und dem gesamten Bereich des informellen Lernens geben. Denn: Eine Erstausbildung wird nicht mehr fürs ganze Leben reichen. Gerade ältere ArbeitnehmerInnen müssen durch betriebliche und außerbetriebliche Weiterbildung länger in Beschäftigung bleiben. Außerdem brauchen die Risikogruppen unseres Bildungssystems eine zweite Chance. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf bisher weiterbildungsbildungsferne Gruppen wie gering qualifizierte Ältere, Menschen mit Migrationshintergrund, alleinerziehende und teilzeitarbeitende Mütter und Väter. Für sie sind attraktive Strategien und Angebote zu entwickeln. Passgenaue Angebot brauchen außerdem die jüngeren männlichen Bildungsverlierer, die heute vielfach nach gebrochenen Bildungskarrieren in der Arbeitslosigkeit landen.
Neben der Aktivierung bildungs- und weiterbildungsferner Bevölkerungsgruppen bedarf es zur Stärkung des Humankapitals generell einer erhöhten Bildungs- und Weiterbildungsbeteiligung. Leitbild und Ziel bildungspolitischer Anstrengungen ist nicht mehr länger die einmalige Ausbildung, die mit einem speziellen berufsbefähigenden Abschluss endet und für das gesamte Berufsleben ausreicht. Vielmehr geht es um optimale Rahmenbedingungen für immer wiederkehrende Lernphasen durch ein reformiertes Schul-, Hochschul- und Erstausbildungssystem, das ergänzt wird durch flexible Weiterbildungsmöglichkeiten nach dem Prinzip des lebenslangen Lernens.
Die Politik muss sich stärker um die Entwicklung von Anreizen wie Bildungssparen, Bildungsdarlehen, Bildungskonten, bildungswirksame Leistungen kümmern. Aber auch die Bereitschaft von Unternehmen, in die Mitarbeiter-bezogene Weiterqualifizierung zu investieren, muss verstärkt werden.