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15. Dezember 2006

Mit Herz und Verstand

Brigitte Pothmer im Porträt

Ein Jahr ist es jetzt her: Haushaltsdebatte. Brigitte Pothmer hält ihre erste Rede im Bundestag. Schneller Puls, Herzklopfen. Ihr gegenüber: schwarz-rote Koalitionspolitiker auf blauen Sesseln. "Sitzen die Argumente, bin ich zu frech?", schießt es ihr durch den Kopf. Arbeitsminister Franz Müntefering hat seinen Etat vorgestellt, Pothmer gibt die arbeitsmarktpolitische Antwort der Grünen.

Kurz zuvor hatte sie mit Tesastreifen ihr Foto mit Visitenkarte an die Bürotür heften lassen. Die Türschilder für "die Neue" waren noch nicht fertig. Ein Jahr und 20 Bundestagsreden später ist der Weg ans Rednerpult Routine. Die Nervosität ist verflogen, das kleine Foto hängt immer noch.

Fehlende Jobs und anhaltende Arbeitslosigkeit sind ein Dauerthema im Parlament, das bedeutet Dauereinsatz für die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion. "Ja", lächelt die 51-Jährige durchaus selbstbewusst, "die KollegInnen haben mir eine verantwortungsvolle Aufgabe anvertraut". Ihren Ruf als Fachpolitikerin hat sie sich zuvor als Landtagsabgeordnete und später als Parteivorsitzende in Niedersachsen erarbeitet. Die Presse bescheinigt ihr "Sachverstand" und den "Blick für Realitäten".

Bei aller gebotenen Nüchternheit – "Politik muss auch Herzenssache sein", findet die studierte Sozialpädagogin. Wenn zum Beispiel ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn gestört wird, gibt es kein Halten. "So war es schon früher", berichtet sie. Brigitte Pothmer wächst auf in der 70-Seelen-Gemeinde Teichlosen im niedersächsischen Wendland. Die Eltern sind Bauern. "Die Perspektive war klar: Auf meinen Bruder wartet der Hof und auf mich eine frühe Hochzeit." Im Nachhinein wirkt sie fast erstaunt über ihren späteren Lebensweg. "Meine Mutter hat von vier Uhr morgens bis spät abends gearbeitet, sehr viel von der Last des Hofes hat wirklich sie getragen und sie war trotzdem nicht gleichberechtigt." Ihre Stimme lässt noch den Unmut spüren: "Als kleines Mädchen habe ich ihr schon gesagt: Das würde ich mir nicht gefallen lassen."

Zwei Jahrzehnte später wird in Hildesheim die Freie Frauenliste gegründet. Es werden Veranstaltungen organisiert und Plakate geklebt. Wenige Frauen stemmen einen kompletten Wahlkampf, Pothmer ist dabei. "Geld hatten wir nicht, aber es war total aufregend. Wir haben auf einen Schlag eine Vertreterin in den Stadtrat gebracht. Einfach phänomenal!" Begeisterung, ein ansteckendes Lachen, mit ihrem Charme nimmt sie auch heute andere Menschen für ihre Ideen ein.

Ein zweites Erlebnis wirkte mindestens ebenso nachhaltig. In einem Ort, nicht weit vom elterlichen Hof entfernt, sieht man in den späten 70er Jahren immer häufiger die Leute vom Fernsehen. Ministerpräsident Ernst Albrecht plant hier in Gorleben ein atomares Endlager. Plötzlich ist nichts mehr so, wie es immer war. Pothmers Eltern, bis dahin treue CDU-Wähler mit konservativen Idealen, denken um. Wie viele andere. Haben sie bisher noch geglaubt, was man ihnen sagte und was in der Zeitung stand, so finden sie es jetzt richtig, wenn die Tochter in Gorleben demonstriert und dafür ihrem Studienort Hamburg kurzzeitig den Rücken kehrt. Bis heute hat sich der Widerstand nicht gelegt. "Dort wird gekämpft, weil der Strahlenmüll das Leben aller bedroht!"

Bei den Grünen tritt Brigitte Pothmer erst viel später ein. Hildesheim ist mittlerweile zu ihrer zweiten Heimat geworden, als Frauenreferentin ist sie in der grünen Landtagsfraktion in Hannover beschäftigt. In einer der ersten rot-grünen Koalitionen arbeiten sieben grüne Abgeordnete hart daran, sich gegen den Ministerpräsidenten, Gerhard Schröder, durchzusetzen. "Für eine vernünftige Asylrechtspolitik, für mehr Umweltschutz, für Bürgerbeteiligung und mehr Frauenrechte – die Erwartungen waren unglaublich hoch. Manche wendeten sich ab", erinnert sie sich. "Ich wollte mit meinem Parteieintritt auch gegen die Strömung schwimmen: Wenn andere austreten – ich trete ein, um diese Ziele zu unterstützen."

Und worum geht es ihr heute? Gerechtigkeit ist ihr Thema geblieben. Aktuell beschäftigen sie die Debatten der großen Koalition um Missbrauch von Arbeitslosengeld. "Nehmen Sie die Menschen mit schlechteren Lebenschancen wie die gering Qualifizierten und die Langzeitarbeitslosen", gibt sie ein Beispiel. "Statt ihnen reale Chancen zu eröffnen, zettelt man solche Kampagnen an. Mich stört die Arroganz, mit der man den berechtigten Ängsten vieler Leute begegnet. Das macht mich wütend. Politik ist dazu da, Lösungen zu finden. Auch wir haben zu lange die Mängel von Hartz IV gesehen, statt sie zu beheben." An der Fähigkeit zur Selbstkritik und dem Mut, die Dinge beim Namen zu nennen, fehlt es Brigitte Pothmer nicht.

Klarheit, Offenheit – Wesenszüge, die sich in ihrem persönlichen Politikstil widerspiegeln. Dazu kommt ein guter Schuss Respektlosigkeit. Vor nicht allzu langer Zeit sorgte die Diskussion um die Nebeneinkünfte und Diäten der Abgeordneten für öffentlichen Wirbel. Offenlegung oder nicht? Für Pothmer keine Sache, um die man viel Aufhebens macht, man tut es einfach. Nachzulesen auf ihrer Homepage. Sie nennt es "Brigitte-Diät".

in: profil:GRÜN 12/2006

Zusätzliche Information

Brigitte Pothmer, Sprecherin für Arbeitsmarktpolitik