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Immer schnellere Produktionszyklen und ein immer größer werdendes Informationsangebot fordern Beschäftigte zunehmend heraus: Sie müssen sich ständig neues Wissen und Know How aneignen. Gleichzeitig werden infolge der deutschen Bildungsmisere und des demografischen Wandels bald Fachkräfte fehlen, in einigen Branchen wird dies bereits lautstark beklagt. Diese Herausforderungen können wir nur meistern, wenn wir das Lebenslange Lernen stärken. Lernen wird uns ein Leben lang begleiten. Weiterbildung muss als Schub für Innovation begriffen werden. Dafür müssen aber auch Beschäftigte und Unternehmen innerlich bereit sein und ihr Bewusstsein schärfen. Schwerpunkt der Tour-Etappe in Mannheim und in der Metropolregion Rhein-Neckar war daher die betriebliche Weiterbildung.
Wie bereiten sich die Betriebe auf den demografischen Wandel vor? Welche internen und externen Weiterbildungsangebote bieten Unternehmen ihren Beschäftigten an? Wie bereitet sich die Metropolregion auf den demografischen Wandel vor und wie begegnet sie dem Fachkräftemangel? Dies waren Fragen, mit denen Priska Hinz, bildungspolitische Sprecherin der Grünen Bundestagsfraktion und Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher und zuständiger Wahlkreisabgeordneter nach Mannheim anreisten.
Der Chemie-Konzern BASF in Ludwigshafen hat vor rund zwei Jahren ein Lernzentrum auf seinem Betriebsgelände errichtet. In einer angenehmen Lernumgebung können sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Auszubildende über neues Wissen und gefragte Kompetenzen informieren, individuell oder in Gruppen lernen und sich weiterbilden. Neben einer individuellen Lernberatung bietet das Lernzentrum auch Fachbücher, Fachzeitschriften und CD-ROMs sowie Seminare an. Um auf den demografischen Wandel vorbereitet zu sein, läuft bei der BASF zurzeit das Projekt "Generation@work", das die Entwicklung des Humankapitals und den Bedarf an Fachkräften für die nächsten Jahre ermittelt.

Der Personalchef der BASF, Hans-Carsten Hansen, erläuterte, dass Frühverrentung in Zukunft nicht mehr möglich sein werde. Nötig sei auch ein Mentalitätswandel: Die Mitarbeiter müssten bereit sein, lebenslang zu lernen. Diese Bereitschaft fehle aber noch vielen Menschen. Lernbereit seien vor allem Beschäftigte in technischen Berufen, weil diese Berufe aufgrund des technologischen Wandels ein ständiges Lernen notwendig machten. Ein Stellenwechsel befördere die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen ebenfalls. Denn eine neue Stelle erfordere die Bereitschaft, sich auf neue Kollegen, neue Arbeitsabläufe und neue Themen einzulassen.
Einen anderen Ansatz der Weiterbildung verfolgt die Bäckerei Grimminger aus Mannheim mit rund 280 Mitarbeitern. Ein systematisches Konzept zur Weiterbildung gibt es hier nicht. Nur bei Bedarf und unternehmerischem und Mitarbeiterinteresse werden Kurse der IHK gebucht. Lehrlinge werden aber so ausgebildet, dass sie im Bäckerei- und Konditoreibetrieb jede Position besetzen können (bis auf die Teigherstellung, die aus Gründen des Betriebsgeheimnisses nur wenigen Mitarbeitern vorbehalten ist). Weiterbildung geschieht hauptsächlich durch "training on the job". Verkäuferinnen werden sukzessive zu Filial- und Bezirksleiterinnen "on the job" weitergebildet, weitere interne Bildungsmöglichkeiten bestehen durch Seminare in der eigens dafür eingerichteten "Trainings-Filiale". Theoriekurse an der IHK oder sonstigen Weiterbildungsinstitutionen gibt es bis auf Ausnahmen nicht.
Mitte der 1990er Jahre litt der Traktorenhersteller John Deere unter einer schweren Krise. Um Entlassungen zu vermeiden, vereinbarten Betriebsrat und Geschäftsleitung das Konzept der Lerninsel, für Auszubildende, ältere Mitarbeiter und Geringqualifizierte. Die Lerninsel ist ein Projekt, bei dem ein aus sechs Mitarbeitern bestehendes Team einen von einem Händler oder Kunden bestellten Traktor unter Anleitung selbständig in Handarbeit herstellen – der Traktor kommt also nicht vom Fließband. Dabei wird nicht nur fachliches Know How geschult, sondern auch Sozial-, Personal- und Methodenkompetenz. Daneben steigen Arbeitsmotivation, Selbstbewusstsein und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Viele dieser Mitarbeiter qualifizieren sich weiter zum Meister oder Techniker. Die Kunden fragen gezielt solche Traktoren nach, da sie über eine bessere Fertigungsqualität verfügen als Traktoren vom Fließband. Weiterbildungen, die im betrieblichen Interesse sind, werden voll finanziert. Unter Umständen werden auch die Kosten für Bildungsmaßnahmen übernommen, die erst zu einem späteren Zeitpunkt oder nach Übernahme einer anderen Position für das Unternehmen zum Tragen kommen.
Nach den Unternehmensbesuchen diskutierten Priska Hinz und Gerhard Schick mit Fachleuten unter dem Motto "Fachkräftemangel – Weiterkommen durch Weiterbildung?" Prof. Dr. Franz Luzius, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar, war der Meinung, wer lebenslanges Lernen und Weiterbildung einfordere, müsse zunächst über Bildung und Ausbildung reden, denn: "Weiterbildung benötigt ein ganzheitliches Konzept." Es beginne bei frühkindlicher Erziehung, Kinderbetreuung, Schule, Hochschule und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dazu gehöre auch mehr Wettbewerb zwischen den Hochschulen. Nachteilig sei, dass viele kleine und mittlere Unternehmen noch nicht das nötige Problembewusstsein für Weiterbildung hätten.

Thomas Giessler, Bereichsleiter Berufliche Bildung beim DGB Baden-Württemberg, wies darauf hin, dass viele kleine und mittelständische Unternehmen bei einer schlechten wirtschaftlichen Situation nicht die Ressourcen hätten, ihre Mitarbeiter weiterzubilden. In florierenden Zeiten hätten die Unternehmen wiederum keine Zeit für Weiterbildung. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter benötigten niederschwellige Weiterbildungsangebote, am Arbeitsplatz und durch externe Anbieter. Insgesamt seien neue Konzepte, Rahmenbedingungen und Jobrotation gefragt.
Die Abendakademie (Volkshochschule) richtet sich laut ihrer Geschäftsführerin Frau Dr. Wera Hemmerich hauptsächlich an niedrig Qualifizierte, die Schulabschlüsse nachholen, Deutsch- und Integrationskurse belegen. Mit dem Einzugsgebiet der gesamten Metropolregion ist die Mannheimer Abendakademie eine wichtige Weiterbildungs- und Qualifizierungsinstitution im Rhein-Neckar Raum. Eine Erkenntnis aus der täglichen Arbeit sei, dass in den letzten Jahren die Nachfrage nach individueller Beratung gestiegen ist: Die Menschen seien angesichts der zahlreichen Weiterbildungsmöglichkeiten überfordert und wüssten nicht, welche Angebote bei welchen Institutionen sie beruflich weiterkommen lassen. So berät die Abendakademie über Angebote anderer Weiterbildungsträger. Auch Thomas Giessler wies darauf hin, dass sowohl Beschäftigte als auch Unternehmen eine bessere Beratung benötigten. Für sich stehende Angebote seien nicht ausreichend.
"Vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen", fasste Gerhard Schick das unübersichtliche Weiterbildungsangebot und die Ratlosigkeit vieler Unternehmen und Beschäftigten zusammen. Auch müsse das Problembewusstsein für Weiterbildung geweckt werden. Priska Hinz forderte deshalb eine bundesweite Kampagne für Weiterbildung, eine Bündelung der Angebote und den Ausbau der individuellen Beratung für Unternehmen, Beschäftigte und Arbeitslose. Schließlich ging es noch darum, wie Weiterbildung finanziert werden soll. Hier schlug Priska Hinz vor, das Meisterbafög zu einem Erwachsenenbafög auszubauen, damit mehr Menschen finanzielle Zuschüsse zu Weiterbildung erhielten. Dabei solle der Grundsatz gelten: Je höher der private Nutzen der Weiterbildung desto höher der eigene Beitrag zur Finanzierung. Außerdem fordern die Grünen eine staatliche Förderung des Bildungssparens, mehr Mittel für die Bildungsberatung, Unterstützung für Kleine und Mittlere Unternehmen bei der Erarbeitung von Weiterbildungsstrategien sowie einen besseren Insolvenzschutz für Lernzeitkonten.