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Weiterbildungstour

4. Juli 2008

Weiter bilden - weiter kommen!

 

Orte des Lernens – Weiterbildung für unterschiedliche Zielgruppen

3. Etappe der grünen Weiterbildungstour: Stuttgart

Wie schafft man es, dass lebenslanges Lernen auch für An- und Ungelernte kein leeres Versprechen bleibt? Welche besonderen Herausforderungen stellen sich für Ältere beim Thema Weiterbildung? Worin bestehen die Unterschiede zwischen Weiterbildung in einem mittelständischen Betrieb und in einem Großunternehmen? Mit diesen und anderen Fragen machten sich Fritz Kuhn, Fraktionsvorsitzender der  Bundestagsfraktion, und Priska Hinz, bildungspolitische Sprecherin, auf die Reise nach Stuttgart und Umgebung.

Besuch beim Weiterbildungsträger BBQ

Weiterbildung in Betrieben wird immer häufiger auch von externen Bildungsanbietern durchgeführt. Ein solcher Bildungsanbieter ist die BBQ Berufliche Bildung gGmbH in Esslingen am Neckar. Das von ihr initiierte Programm IFFA (Innovative Maßnahmen zur Förderung der Beschäftigungsfähigkeit älterer Fachkräfte) bietet eine Konzept- und Toolentwicklung für berufsbegleitende Maßnahmen, die die  Beschäftigungsfähigkeit fördern sollen. BBQ hilft Unternehmen, Weiterbildung umzusetzen und zu evaluieren.

Projektleiter Björn Beyer erläuterte die Methodik des Projekts: "Über eine Netzwerkbildung von Bildungsträgern sensibilisieren wir Unternehmen für das Thema Weiterbildung. Wir wenden daraufhin Bildungskonzepte unter besonderer Berücksichtigung der Umfeldbedingungen von älteren Fachkräften an." Weiterbildung müsse immer ganzheitlich gesehen werden und dürfe sich nicht nur auf die Qualifikation der Beschäftigten ausrichten, sondern solle auch persönliche Entwicklungsziele und das Thema Gesundheit einschließen. Er betonte, dass noch viel Sensibilisierungsarbeit geleistet werden müsse. Dazu bedürfe es auch einiger Anstöße von außen, wie zum Beispiel eine Belohnung jener Firmen, die konsequent auf Weiterbildung setzen.

Weiterbildung im Weltkonzern: Das Beispiel Bosch

Einen Namen beim Thema Weiterbildung hat sich auch die Robert Bosch GmbH in Stuttgart gemacht. Ihr internes Weiterbildungskonzept war Inhalt des zweiten Projektbesuchs, zu dem auch Birgitt Bender, grüne Bundestagsabgeordnete vor Ort in ihren Wahlkreis hinzukam. Gerade für ein Unternehmen wie Bosch ist eine funktionierende Weiterbildung essentiell, damit es seine hohe Innovationsfähigkeit bewahrt und im internationalen Wettbewerb bestehen kann.

Weiterbildungstour Stuttgart

Wie Dr. Wolfgang Malchow, Geschäftsführer und Arbeitsdirektor der Robert Bosch GmbH, darstellte, leitet das Unternehmen auf Grundlage seiner strategischen Ausrichtung notwendige fachliche Kompetenzen für seine MitarbeiterInnen ab. "Für uns ist es wichtig, dass die Entwicklung von neuen Produkten und Technologien konsequent durch kompetente Mitarbeiter vorangetrieben wird. Hier setzt unsere Weiterbildung an." Außerdem wird über die "hauseigene Universität" - das Robert-Bosch-Kolleg - gemeinsam mit externen Wissenschaftlern sichergestellt, dass der aktuelle Wissensstand der Forschung ins Unternehmen getragen wird.

Einen besonderen Stellenwert misst Malchow auch der Führungskräfteentwicklung bei. Diese sei weltweit ausgerichtet, zielgruppen-spezifisch und orientiert sich an konkreten Fragestellungen im Unternehmen. In interdisziplinären Teams werden dann im Sinne einer Projektarbeit konkrete Problemstellungen bearbeitet.

Im Zuge des demografischen Wandels ist für Bosch zudem die Identifikation geeigneter Maßnahmen wichtig, damit Mitarbeiter auch im höheren Alter flexibel bleiben, um sich beispielsweise an sich verändernde Arbeitsanforderungen besser anpassen zu können. Dazu wird zusammen mit der Robert Bosch Stiftung und dem Institut für Gerontologie in Heidelberg, namentlich Herrn Prof. Kruse, ein Pilotprojekt durchgeführt.

In der Diskussion mit den Bundestagsabgeordneten plädierte Malchow für eine spezifische Weiterbildung der Beschäftigten. "Eine unspezifische, allgemeine Weiterbildung ist  teuer - und der Nutzen bleibt letztendlich fraglich. Die Ressourcen werden hierbei häufig nicht optimal genutzt", so Malchow. Er betonte, dass in Betrieben Strukturen geschaffen werden müssen, die dazu führen, dass sich nicht nur wenige, sondern möglichst alle Arbeitnehmerinnen und -arbeitnehmer an Weiterbildungsangeboten beteiligen.

Zu Gast beim Mittelstand: Die Firma Balluff

Die Balluff GmbH ist einer der weltweit führenden Hersteller von Sensortechnik und beschäftigt in Neuhausen bei Stuttgart über 700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wie Rolf Hermle, geschäftsführender Gesellschafter, erläuterte. In dem Unternehmen sind zahlreiche an- und ungelernte Arbeitskräfte für Montagearbeiten beschäftigt. Über eine Veranstaltung der Agentur Q (ein Gemeinschaftsunternehmen des Verbands der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie und der IG Metall Baden-Württemberg zur Förderung der beruflichen Weiterbildung), wurde die Personalabteilung der Firma auf das Projekt WAP aufmerksam. Das Kürzel steht für "Weiterbildung im Prozess der Arbeit für Fachkräfte der Metall- und Elektroindustrie". Gerade für mittelständische Betriebe ist es nicht immer einfach, MitarbeiterInnen zur Weiterbildung freizustellen. Das Projekt WAP bot hierbei einen positiven Anreiz, da es gerade Weiterbildung im Prozess der Arbeit ermöglicht. Balluff entschloss sich, die Gruppenführerinnen und -führer im Montagebereich weiterzubilden. Ziel war und ist es, die Qualifikation der Beschäftigten zu verbessern, ihr Selbstwertgefühl zu steigern, ihnen zertifizierte Bildungselemente zu bieten und nicht zuletzt natürlich auch Arbeitsabläufe (wie z.B. Schichtübergaben) zu optimieren. Obwohl das Projekt WAP und damit auch die finanzielle Förderung der Weiterbildung demnächst ausläuft, ist Rolf Hermle entschlossen, auch andere Betriebsbereiche in die systematische Weiterbildung für An- und Ungelernte einzubeziehen.

Podiumsdiskussion im Kolping-Bildungswerk

Gemeinsam mit Vertretern aus der Wirtschaft, von Weiterbildungsanbietern und Arbeitnehmerverbänden diskutierten Priska Hinz und Fritz Kuhn im Anschluss an die Projektbesuche unter der Überschrift "Weiterbildung – Sonntagsrede oder Strategie gegen Fachkräftemangel?"

Der Vorstand des Kolping-Bildungswerks Württemberg e.V., Dr. Carsten Breyde, vermisste bei den Unternehmen ein Weiterbildungsbewusstsein. "Viele Unternehmen reagieren erst, wenn der Laden schon brennt!" Dabei sei Weiterbildung im beruflichen Prozess ungeheuer wichtig. Allerdings sieht Breyde auch die Weiterbildungsanbieter in der Pflicht. So müssen Angebote zum Beispiel sprachlich besser dargestellt werden. Außerdem müsse die Erkenntnis Fuß fassen, dass man Dienstleister sei und mit Kunden zu tun habe.

Weiterbildungstour Stuttgart

Auch Dr. Hilmar Döring, Leiter des Konzernpersonalwesens der Voith AG, erkennt Barrieren bei den Unternehmen. Es müsse oft erst betriebswirtschaftlich weh tun, bevor reagiert werde. Dabei dürfe man keine Zeit verlieren, denn: "Schon heute sinkt die Basisqualifikation der Arbeitnehmer." Man müsse allein schon Weiterbildung betreiben, um zu sichern was man habe. Allerdings mahnt Döring auch eine Aufgabenteilung an. "Das Recht auf Weiterbildung durchzusetzen kann nicht Aufgabe der Unternehmen sein."

Allerdings sei Aufgabe der Unternehmen, sicherzustellen, dass die Weiterbildung bei den Beschäftigten auch flächendeckend ankomme, bezog Jörg Hofmann, Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg, Stellung. Die Zugangswege und damit auch die Weiterbildungswege in der Industrie seien zu sehr segmentiert. "Weiterbildung findet praktisch nur für Hochqualifizierte, nicht jedoch für Un- und Angelernte statt." Dies müsse geändert werden, wolle man erfolgreiche Weiterbildung praktizieren.

Michael Lammersdorf, Geschäftsführer der Deutschen Weiterbildungsgesellschaft mbH - Klett Gruppe Stuttgart, wiederum stellte fest, dass das Problem des fehlenden Weiterbildungswillens auch etwas mit einem gewissen Lebensstil zu tun habe. "Diejenigen, die sich weiterbilden wollen, finden auch Wege, dies zu tun. Problematisch ist, dass diejenigen, die es am nötigsten haben, am schwersten zu erreichen sind." Er sieht bereits die Schulen in der Pflicht. Dort werde den Kindern die Lust am Lernen leider allzu oft ausgetrieben. Allerdings müssen seiner Meinung nach auch Weiterbildungsanbieter ihr Angebot anders bewerben. Es bedürfe mehr Beratung und einer aktiveren Bewerbung vor allem auch im Internet.

"Das Thema Weiterbildung ist in der Politik leider immer noch ein Sonntagsthema", kommentierte Fritz Kuhn die Weiterbildungsdebatte. Um das Thema vom Sonntag auf den Werktag zu verlegen, müsse auch in der Politik ein Bewusstseinswandel vonstatten gehen. Es müsse sich die Ansicht durchsetzen, dass jeder ein Recht auf Weiterbildung habe. Den Schlüssel hierzu sieht Kuhn schon in der Erstausbildung. "Heute hat man eben nicht mehr 'ausgelernt', wenn man die erste Ausbildung abgeschlossen hat." Man müsse bereits in der Erstausbildung darauf vorbereitet werden, dass eine ständige Weiterbildung unumgänglich sei. Dies unterstrich auch Priska Hinz und äußerte sich zuversichtlich, dass durch die Grüne Weiterbildungstour zumindest ein erster Schritt getan sei, um dem Thema die notwendige Aufmerksamkeit zu verschaffen. Nötig sei aber auch eine bundesweite Kampagne für Weiterbildung, eine Bündelung der Angebote und der Ausbau der individuellen Beratung für Unternehmen, Beschäftigte und Arbeitslose.

 

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