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Weiterbildungstour

4. Juli 2008

Weiter bilden - weiter kommen!

 

Weiterbildung als zweite Chance

5. Etappe der grünen Weiterbildungstour: Hamburg

Was müssen und können wir für diejenigen tun, die einen Fehlstart in der Bildung hatten? Welche Weiterqualifizierung brauchen Menschen, damit sie nach Arbeitslosigkeit oder Kindererziehungszeit wieder in den Beruf kommen? Mit diesen Fragen reisten Krista Sager, stellvertretende Fraktionsvorsitzende, und Priska Hinz, Sprecherin für Bildungspolitik nach Hamburg.

Eine Schule, die nicht schulisch sein will: die Produktionsschule Altona

Eine zweite Chance für Schulabbrecher, Schulverweigerer oder Ausbildungsabbrecher bietet die Produktionsschule Altona (PSA). Das Besondere daran: Das Lernen erwächst aus dem Arbeitsprozess, aus der produktiven Handlung in verschiedenen Werkstätten. So tüfteln die Jugendlichen z.B. in der Grafik-Werkstatt am neuen Logo einer Schule, in der Tischlerei werden Büromöbel für einen Kunden gefertigt. Wenn besprochen wird, wie viel Holz man dafür benötigt, kommt die Mathematik ganz selbstverständlich und be-greifbar bei den Jugendlichen an. Zudem werden Verantwortungsbewusstsein, Selbständigkeit und Kundenorientierung gefördert. Leistung zählt: Wer immer pünktlich kommt und gute Ergebnisse bringt, erhält einen Bonus auf das in Produktionsschulen gezahlte Schülergeld.

Grüne Weiterbildungstour HamburgGanz links: Krista Sager, Henning Scharringhausen, Priska Hinz; mittleres Bild: Übungsgelände des Fortbildungszentrums Hafen Hamburg; rechts: Worklife: Antje Fischer, Krista Sager, Dr. Susanne A. Dreas, Priska Hinz

44 Jugendliche haben zurzeit an der PSA die Chance, ihren Hauptschulabschluss nachzuholen und fit für eine Ausbildung zu werden. Durchschnittlich schaffen 60 Prozent den Abschluss, eine sehr gute Quote im Vergleich mit den Hamburger Hauptschulen. Das Klima ist gut, die Lerngruppen klein, die Schülerinnen und Schüler motiviert, wie Priska Hinz und Krista Sager bei ihrem Rundgang feststellen konnten.
Eingebettet war der Besuch in eine Vorstandssitzung des neu gegründeten Bundesverbandes Produktionsschulen. Den Vorsitzenden und zugleich Leiter der PSA, Herrn Thomas Johanssen, beschäftigt vor allem die Frage, wie man die Strahlkraft des Produktionsschulprinzips vergrößern kann. Hier sicherten ihm die beiden grünen Abgeordneten Unterstützung zu. Andere Produktionsschulleiter wiesen darauf hin, wie wichtig es sei, die lokale Wirtschaft einzubinden, um deren Sorge vor "Billigkonkurrenz" zu zerstreuen. In Mecklenburg-Vorpommern gelänge dies z.B. durch einen Wirtschaftsbeirat.

Weiterbildung modular: das Fortbildungszentrum Hafen Hamburg e.V.

Auch im Hamburger Hafen gibt es ein erstklassiges Projekt für die zweite Chance. Im Fortbildungszentrum Hafen Hamburg e.V. (FZH) werden ca. 200 Arbeitslose pro Jahr zum "Hanselogistiker" weitergebildet, wie der Geschäftsführer des FZH, Henning Scharringhausen, erläuterte. Da beim Be- und Entladen riesiger Containerschiffe heutzutage mehr Köpfchen als Muckis gefragt ist und in Hafenwirtschaft schon jetzt Fachkräftemangel herrscht, haben sich 12 Unternehmen zusammengetan. Sie rekrutieren ihr Personal ausschließlich aus der Gruppe der Arbeitslosen.

Gemeinsam mit der Arbeitsagentur finden zwei Trainingsmaßnahmen statt, die wie eine Art "Assessment Center" inklusive einiger Nachtschichten ausgestaltet sind. Wer im Anschluss daran noch Interesse hat und das Bewerbungsgespräch beim Unternehmen erfolgreich durchläuft, kommt in eine 12-wöchige Qualifizierungsmaßnahme. An deren Ende steht dann für 98 Prozent ein Arbeitsvertrag und die Chance, durch die weitergehende Ausbildung am Ende den Abschluss zum Hanselogistiker zu machen. Die Vorstellung des modular aufgebauten Ausbildungskonzepts bestärkte die beiden Bundestagsabgeordneten in ihrer Forderung nach einer Strukturreform der Ausbildung. Herr Scharringhausen erläuterte die Vorteile, wie z.B. die Möglichkeit, einzelne Module neuen Entwicklungen schnell anpassen oder vorher erworbene Kompetenzen anrechnen zu können. Man sei auch schon dabei, eine Kompetenzdatenbank aufzubauen, die sich am Europäischen Qualifikationsrahmen orientiere. Das Beispiel des FZH zeigt, dass Unternehmen unabhängig von der Blockadehaltung bestimmter Tarifpartner und Kammern bei der Modularisierung vorangehen.

Weiterbildung für BerufsrückkehrerInnen: Beratung durch WORKlife

Eine zweite Chance brauchen auch jene, die nach längerer Auszeit wieder in den Beruf einsteigen wollen. Dies sind meist Frauen, die wegen der Kindererziehung zu Hause geblieben sind. Sie finden bei der Beratungsstelle WORKlife, einem Projekt der Koordinierungsstelle Weiterbildung und Beschäftigung (KWB), kompetente Ansprechpartnerinnen zu Fragen über Weiterbildungsmöglichkeiten und den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt.

Ziel sei vor allem, das Selbstwertgefühl und die Motivation der Rückkehrerinnen zu steigern, denn viele Frauen scheinen nach längerer Pause vergessen zu haben, was sie eigentlich können, erläutert Projektleiterin Dr. Susanne A. Dreas. Oft leiste WORKlife aber auch Beistand bei der Lösung ganz einfacher, praktischer Dinge wie z.B. der Suche nach einer Kinderbetreuung oder vermittelt an weitere Anlaufstellen, wie z.B. eine Schuldnerberatung. Um bildungsferne Schichten und Migrantinnen anzusprechen, findet auch eine aufsuchende Beratung in Mütterzentren usw. statt.
WORKlife berät nicht nur 300 Frauen pro Jahr, die in den Beruf zurück wollen, sondern unterstützt auch Unternehmen bei der Umsetzung einer familienfreundlichen Personalpolitik. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen sollen durch Schulungen für die Belange von Familien sensibilisiert werden und Instrumente für mehr Familienfreundlichkeit kennen lernen, wie z.B. die Einführung eines ergebnisorientierten Arbeitsstils. Inzwischen ist ein Netzwerk von Unternehmen entstanden, in dem ein Austausch über familienfreundliche Maßnahmen stattfindet, aus dem heraus aber auch Stellenangebote an WORKlife gemeldet werden.

Zweite Chance für Analphabeten: Film und Diskussion im Abaton-Kino

Zum Abschluss der Weiterbildungstour in Hamburg wurde der Film "Das G muss weg – drei, die auszogen, schreiben und lesen zu lernen" von Renate Günther Greene gezeigt. Der Film zeigt sehr eindrücklich die Ausgrenzung, Angst und Scham der Menschen, die die wichtigen Kulturtechniken Lesen und Schreiben nicht beherrschen. Analphabetismus macht einsam: Über die Hälfte der ca. vier Millionen funktionalen Analphabetinnen und Analphabeten in Deutschland lebt allein. Nur  20.000 besuchen sogenannte "Grundbildungskurse", um es noch einmal mit dem Lesen und Schreiben zu versuchen. Dies ist oft mühselig und mit vielen Rückschlägen verbunden.

Im Anschluss an den Film diskutierten Priska Hinz und Krista Sager mit dem Erwachsenenpädagogen Prof. Arnulf Bojanowski von der Universität Hannover über Bildung für Benachteiligte. Prof. Bojanowski berichtete von den Lehramtsstudierenden für Berufsschulen in seinem Bereich, die sich überhaupt nicht bewusst seien, dass sie in ihrem späteren Job mit etwa einem Drittel sog. Benachteiligter umgehen müssten. Es würden Ihnen hierfür auch viel zu wenig Kompetenzen vermittelt. Dabei spiele eine Rolle, dass die Sonderpädagogik völlig abgekoppelt vom Rest des Bildungssystems sei. Dies habe man auch im Film deutlich gesehen. Nötig sei daher eine größere Vernetzung zwischen der Grundbildung (meist an Volkshochschulen), den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen. Zudem fehle es an ausreichend qualifiziertem Personal für die Grundbildung. Auch "normale" Lehrerinnen und Lehrer sowie Sozialpädagoginnen und -pädagogen müssten dafür ausgebildet werden, funktionale Analphabetinnen und Analphabeten besser zu fördern.

Aus dem Publikum wurde die Frage aufgeworfen, wie eigentlich Erfolg gemessen werde. Es sei doch widersinnig, einen Kurs für das Nachholen des Hauptschulabschlusses aus Geldmangel zu schließen, wenn überdurchschnittlich viele nach diesem Kurs den Abschluss schafften. Auch würden viel zu selten die Folgeschäden für das System aufgrund von schlechten oder nicht vorhandenen Bildungsangeboten berücksichtigt. Krista Sager kritisierte, dass in Hamburg die Mittel für Weiterbildung von 75 auf 30 Millionen Euro gekürzt worden seien. Sie lobte die Produktionsschulen, die auf vorbildliche Weise Benachteiligte förderten. Priska Hinz betonte, wie wichtig es sei, Kinder von Anfang an zu fördern, um die Gruppe der Perspektivlosen gar nicht erst weiter anwachsen zu lassen. Sie forderte außerdem ein Erwachsenenbildungsförderungsgesetz, um jene, die im ersten Anlauf im Bildungssystem gescheitert seien, auch als Erwachsene noch zu einem Schul- oder Berufsabschluss zu bringen.

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