Springe direkt zu: Contentbereich, Hauptnavigation, Suche
Sie sind hier:
Im Mittelpunkt der siebten und vorläufig letzten Etappe der Weiterbildungstour standen Beratungsangebote und Weiterbildungsmaßnahmen speziell für Frauen. Priska Hinz MdB, Sprecherin für Bildungspolitik besuchte gemeinsam mit Renate Künast MdB, Vorsitzende der Bundestagsfraktion, zwei besonders innovative Projekte in Berlin. Ebenfalls mit dabei waren die Bezirksstadträtin für Soziales und Gesundheit in Wilmersdorf-Charlottenburg, Martina Schmiedhofer, sowie Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus Berlin.
"Keine Angst vor Computern", so hieß die erste Computerfortbildung für Frauen, die 1984 im Frauen Computer Zentrum Berlin (FCZB) startete. Noch heute richtet sich das Lernangebot des FCZB an Frauen aus Büro- und Verwaltungsberufen. Doch war der Beginn des Projekts nicht leicht. Das Zentrum musste
v.l.: Angelika Mundt, Gitta Stieber, Pia Keukert (alle Raupe und Schmetterling e.V.), Priska Hinz, Renate Künast, Martina Schmiedhofersich in den Gründungsjahren wegen der Ausrichtung auf Computertechnologie mit so manchen Anfeindungen aus der Frauenbewegung auseinandersetzen. Mittlerweile sei es jedoch schon lange nicht mehr "eine Akzeptanzfrage, sondern eine Frage des sozialen Zugangs", betonte Renate Wielpütz, Geschäftsführerin des FCZB.
Die Angebote richten sich an Berufsrückkehrerinnen, arbeitslose oder von Arbeitslosigkeit bedrohte sowie berufstätige Frauen. Zugleich werden mit den Fortbildungsprogrammen insbesondere Migrantinnen, Frauen mit Behinderung und auch Frauen im Strafvollzug erreicht. Stets ist die Qualifizierung auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen Zielgruppen ausgerichtet. Ohne eine ständige Aus- und Fortbildung von Multiplikatorinnen wäre die Diversifizierung der Angebote nicht möglich.
Am Ende des Besuchs gab es die Gelegenheit, bei einem Rundgang einigen Fortbildungsteilnehmerinnen über die Schulter zu schauen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Viele Frauen berichteten davon, dass sie hier nach ihren individuellen Bedürfnissen lernen könnten und die Fortbildung ihr Selbstbewusstsein stärke, vor allem wenn sie in der Familie als "Computerexpertin" um Hilfe gebeten würden.
Ehe Frauen sich für eine bestimmte Weiterbildung entscheiden, nehmen sie häufig ein Beratungsgespräch wahr. Der Verein Raupe und Schmetterling bietet als Bildungs- und Beratungszentrum so professionelle Unterstützung, um die Arbeits- und Lebenssituation von Frauen zu verbessern. Die Beratung richtet sich insbesondere an Berufsrückkehrerinnen, erwerbslose und von Arbeitslosigkeit bedrohte Frauen sowie an sozial benachteiligte und gesundheitlich beeinträchtigte Frauen. In Einzelgesprächen werden die Kompetenzprofile der Frauen herausgearbeitet und individuelle Handlungsperspektiven entwickelt, die sowohl die persönlichen Bedürfnisse als auch die gesellschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Anforderungen berücksichtigen.
Gitta Stieber, Vorstandsmitglied des Vereins Raupe und Schmetterlingverwiesallerdings auf zahlreiche strukturelle Defizite. Vor allem die Arbeitsagenturen erschwerten oftmals die Umsetzung hilfreicher Handlungsstrategien für die betroffenen Frauen. Im Ausland erworbene Berufsabschlüsse von Migrantinnen würden selten anerkannt, Umschulungen oder eine erneute Berufsausbildung seien ab dem 40. Lebensjahr kaum möglich. Trotz der bestehenden Probleme sei die Arbeit des Vereins Raupe und Schmetterling jedoch sehr erfolgreich, weil sie den Frauen neue Hoffnung und Perspektiven verleihe und sie dazu ermuntere, ihre eigenen Lebensentwürfe und Ziele zu verwirklichen.
Priska Hinz ließ bei der abendlichen Veranstaltung mit ca. 80 Gästen die grüne Weiterbildungstour noch einmal Revue passieren. Ihr besonderer Dank galt vor allem den vielen Projekten und Unternehmen, die sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen während der Tour besuchen konnte und von denen sie viele interessante Anregungen mitnahm. Sie betonte noch einmal, dass ein Mentalitätswandel nötig sei, um eine weiterbildungsaktive Gesellschaft Wirklichkeit werden zu lassen. Die Politik müsse vor allem die Weiterbildungsberatung ausbauen und ein Erwachsenenbafög einrichten.
Unter der Moderation von Bärbel Krauß von der Stuttgarter Zeitung diskutierten anschließend Renate Künast, Prof. Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a.D. und Präsidentin des Deutschen Volkshochschulverbandes und Prof. Gerhard Bosch, Direktor des Instituts für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen über das Thema Potenziale nutzen – Weiterbildung stärken. Wie kann eine hohe Weiterbildungsbeteiligung durch die Politik strukturell und finanziell gefördert und unterstützt werden? Wie erreichen wir bisher unterrepräsentierte Gruppen besser?
Renate Künast und Bärbel Kraus (re).
Prof. Gerhard Bosch legte zunächst die großen Veränderungen im Weiterbildungssektor dar, insbesondere verwies er auf den Rückgang der Förderung durch die Bundesagentur für Arbeit. So finanziere die Bundesagentur für Arbeit keine Facharbeiterausbildung im Land der Facharbeiter. Ferner betonte er, dass das Bafög nicht altersbegrenzt sein dürfe, denn das sei ein Widerspruch zur Rente mit 67. Prof. Bosch stellte zugleich ein Bündel von Maßnahmen vor, die der Staat unternehmen sollte, sofern er Weiterbildung als einen öffentlichen Auftrag begreife. Notwendig seien vor allem flächendeckende, verlässliche und dauerhafte Strukturen, insbesondere bei der Weiterbildungsberatung. Ebenso bräuchte man ein Erwachsenenbildungsförderungsgesetz, das Weiterbildungsmaßnahmen in allen Lebensphasen unterstützt.
Renate Künast sah das zentrale Problem in der fehlenden Weiterbildungskultur in Deutschland. Eine Weiterqualifizierung sei nun einmal notwendig, um z. B. den Anforderungen der Technik selbstbewusst zu begegnen. Doch neben der individuellen Frage, ob jemand eine Weiterbildung aus eigenem Antrieb wahrnehme, gebe es ein strukturelles Defizit. So fehle es oftmals an geeigneten Angeboten für Weiterbildungswillige. Derzeit würde Weiterbildung zudem noch nicht als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen, die dementsprechend finanzielle Mittel verlange. Renate Künast verwies in diesem Zusammenhang auf grüne Vorschläge zur Finanzierung der Weiterbildung. Sie nannte hier u. a. die staatliche Förderung des Bildungssparens und auch die Fortführung und gleichzeitige Umwandlung des Solidaritätszuschlags in einen "Bildungssoli".
Rita Süssmuth und Gerhard Bosch.