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Fachgespräch

2. Juli 2007

Delfintherapie

Grüne für Förderung von Alternativen zur Delfintherapie

Die Delfintherapie gerät zunehmend in die Kritik, da die dafür eingesetzten Delfine in den Delfinarien nicht artgerecht gehalten werden können und unter den Bedingungen in der Gefangenschaft besonders leiden. Zudem müssen ständig Große Tümmler aus der Natur "nachgeliefert" werden, um den Bestand der Delfinarien zu sichern, obwohl diese Art streng geschützt ist. Nachzuchten in Gefangenschaft gelingen so gut wie nie. Diese Wildfänge wiederum bedrohen den Bestand der Delfine ernsthaft.

Zwei Kernfragen standen im Zentrum der Diskussion des grünen Fachgespräches: Zum einen ging es in der Gesprächsrunde um Probleme des Tier- und Artenschutzes im Zusammenhang mit der Delfinhaltung. Zum anderen wurde über die therapeutischen Erfolge von Delfintherapien im Vergleich zu Tiertherapien mit domestizierten Tieren diskutiert. Das große Interesse an diesem Fachgespräch hat uns bestätigt, dass wir ein wichtiges Thema zur richtigen Zeit aufgegriffen haben.

Fachgespräch Delfintherapie

An der Diskussion beteiligten sich VertreterInnen von verschiedenen Forschungseinrichtungen, von Tier- und Artenschutzorganisationen RepräsentantInnen von Behindertenorganisationen ebenso wie Befürworterinnen und Befürworter der Delfintherapie.

Probleme des Tier- und Artenschutzes

Unter den DiskussionsteilnehmerInnen herrschte breiter Konsens darüber, dass die Haltung von Delfinen in Delfinarien aus der Sicht des Tier- und Artenschutzes nicht zu verantworten ist. Delfine erleben in ihrem natürlichen Lebensumfeld vielfältige Sinneseindrücke, die ein Betonbecken niemals bieten kann, so dass sie in Gefangenschaft "zum Stumpfsinn" verurteilt sind. Außerdem legen sie im Meer große Strecken zurück, tauchen täglich mindestens einmal in beträchtliche Tiefen ab, leben in Gruppen und bauen enge Sozialkontakte untereinander auf. Unterstrichen wurde diese Erkenntnis durch den eindrucksvollen Vortrag von Herrn Richard O'Barry, der sich vom Profiteur der Delfinhaltung zu einem erklärten Gegner von Delfinarien gewandelt hat. Der ehemalige Tiertrainer der Tiere der US-TV-Serie "Flipper" berichtete von seinen Erfahrungen mit Delfinen und von seinem heutigen Engagement gegen Haltung von Delfinen in Gefangenschaft am Earth Island Institute in Florida.

Darüber hinaus berichteten sowohl O'Barry als auch Dr. Karsten Brensing, Whale and Dolphin Conservation Society (WDCS), von den äußerst brutalen "Beschaffungsmethoden" von Delfinen für Delfinarien. Es handelt sich hier oftmals um illegale Schieber, die Wildfänge von Japan und den Salomon Inseln in die Delfinarien verkaufen. Diese "Nachlieferung" aus dem Meer ist notwendig, um den Bestand der Delfinarien zu sichern, da Nachzuchten in Gefangenschaft so gut wie nie gelingen. Diese Wildfänge wiederum bedrohen den Bestand der Delfine ernsthaft.

In diesem Kontext sprachen sich die Befürworterinnen und Befürworter der Delfintherapie für Therapieeinrichtungen aus, in denen Delfine als "freiwillige Partner" einen Zugang zum offenen Meer haben - der sogenannten Semifreilandhaltung. In diesem Modell wird die Delfintherapie an Küstenstandorten angeboten und die Delfine müssen nicht in viel zu kleinen Wasserbassins ihr Dasein fristen. Aber auch hier werden Wildfänge eingesetzt.

Allerdings ist auch dort, wo Delfine freien Zugang zum Meer haben, sowie in geschlossenen Delfinarien eine Interaktion mit Menschen problematisch. Denn nicht alle Bedenken im Vergleich zur Haltung von Delfinen in Delfinarien konnten die Befürworter Semifreilandhaltung ausräumen. Die Kritiker verwiesen auf die Unfallgefahr bei der Mensch-Delfin-Interaktion und berichteten von teilweise aggressivem Verhalten der Meeressäuger gegenüber Menschen. Dieses aggressive Verhalten ist auch auf die Stresssituation der Tiere zurückzuführen.

Therapeutischer Nutzen der Delfintherapie

Das Fachgespräch sollte unter anderem helfen herauszufinden, ob Delfintherapien im Vergleich zu anderen Tiertherapien zu wesentlich besseren Erfolgen führen; ob es Therapieerfolge gibt, die nur durch Delfintherapien erreicht werden können – oder ob andere, kostengünstigere und artenschutzrechtlich unproblematischere Tiertherapien ebenso erfolgreich seien können.

Im Rahmen eines sechsjährigen Forschungsprojektes der Universität Würzburg zur Wirksamkeit der Delfintherapie wird diese Tiertherapie im Nürnberger Tiergarten seit dem Jahre 2000 angeboten. Die Ergebnisse sind unter dem Titel "Delfintherapie für Kinder mit Behinderungen – Analyse und Erklärung der Wirksamkeit" 2006) veröffentlicht. Es herrschte aber die einhellige Meinung vor, dass diese Studie neben den wenigen anderen zu diesem Thema nicht ausreichen kann, um die Wirksamkeit der Delfintherapie zu belegen – oder die Wirkmechanismen bei der Mensch-Delfin-Interaktion zu verstehen.

Es stand auch die Frage nach der Finanzierbarkeit von Delfintherapien ungeklärt im Raum. Kosten von bis zu 10.000 € für eine zweiwöchige Therapie an einem maritimen Standort sind nur von wenigen privilegierten Familien aufzubringen. Die gesetzlichen Krankenkassen sind – wie Dr. Sonntag als Vertreter des Gemeinsamen Bundesauschusses der Ärzte und Krankenkassen verdeutlichte – auch auf absehbare Zeit aufgrund des nicht bewiesenen Nutzens der Delfintherapie, nicht bereit, die Kosten zu übernehmen.

FG Delfintherapie

Maria Kaminski, die Vorsitzende des Vereins "Autismus Deutschland e.V.", sowie weitere Vertreter von Behindertenverbänden sprachen sich gegen die Delfintherapie aus und betonten, dass ein flächendeckendes Netzwerk von Therapieangeboten und Beratungsstellen für betroffene Familien und Angehörige weitaus hilfreicher sei. Dadurch könnten die Familien und Betroffene über einen langen und regelmäßigen Zeitraum Hilfe bekommen. Therapien mit domestizierten Tieren seien zudem kostengünstiger und damit auch einer breiten Bevölkerungsschicht zugänglich. Leider sind auch noch bei den Tiertherapien mit domestizierten Tieren Forschungsdefizite zu beklagen.

Kaminski war hinsichtlich der Wirksamkeit von Delfintherapien sehr skeptisch, während andere Anwesende von herausragenden Erfolgen der Delfintherapie berichteten. Oftmals sprachen die Befürworterinnen und Befürworter aus eigener Erfahrung. Dem gegenüber stand jedoch die Tatsache, dass es bis heute keine wissenschaftlichen Belege für einen eindeutigen therapeutischen Erfolg der Delfintherapie gibt.

Die Teilnehmer regten an, nach weiteren alternativen Tiertherapien mit domestizierten Tieren zu suchen. Interessante Denkanstöße lieferte hierzu Elke Otto mit ihrer Inititaive "water-dog-therapy", die ihren Patienten die Möglichkeit zur Interaktion mit Hunden im Wasser anbietet. Ebenso angesprochen wurde die Hippotherapie (Therapie mit Pferden) und eine Therapieform im Wasser unterstützt durch Delfinlaute als mögliche Substitutionstherapie.

Grüne Forderungen

Wir betrachten es als großen Fortschritt, dass sich alle anwesenden Fachleute eindeutig gegen die Haltung dieser großen, intelligenten Meeressäuger in Delfinarien ausgesprochen haben, die nicht einmal entfernt ihren natürlichen Lebensraum nachbilden können. Auch BefürworterInnen der Delfintherapien haben betont, dass diese Therapie nur dort durchgeführt werden kann, wo die Tiere freien Zugang zum Meer haben.

Bündnis 90/Die Grünen fühlen sich durch den breiten Konsens in der Ablehnung der Haltung von Delfinen in Gefangenschaft unter den Gästen des Fachgesprächs in ihrer Position zu Delfinarien bestätigt. Eine artgerechte Haltung der Meeressäuger ist außerhalb ihres natürlich-maritimen Umfelds nicht möglich, daher sind wir eindeutig gegen den geplanten Ausbau des Nürnberger Delfinariums, sowie den Neubau eines Delfinariums auf Rügen.

Die Einfuhr von Wildfängen für kommerzielle Zwecke unter dem Deckmantel der Forschung muss gestoppt werden und der Neu- und Ausbau von Delfinarien untersagt werden. Die Haltungsbedingungen für die in deutschen Delfinarien verbleibenden Delfine, die nicht wieder ausgewildert werden können, müssen verbessert werden – was nicht ein Ausbau von Delfinarien bedeutet, da auch durch Umsetzen der Tiere in bessere Haltungsbedingungen Abhilfe geschaffen werden kann. Die Semifreilandhaltung betrachten wir Grünen nicht als Ausweg, zumal dieses nicht in Deutschland möglich ist. Auch in diesem Umfeld ist eine Haltung von Delfinen problematisch.

Bund und Länder müssen deutlich mehr Mittel zur Verfügung stellen, um alternative Tiertherapien zu erforschen und Voraussetzungen für ein flächendeckendes Angebot an Tiertherapien zu schaffen.

Zusätzliche Information