"Ja, ich kenne einen klassischen Fall von gelungener Weiterbildung" – Priska Hinz lacht verschmitzt. Ihr Ehemann hat als Krankenpflegehelfer angefangen und sich im Gesundheitsbereich fortgebildet. Jetzt ist er Personalmanager beim Klinikkonzern Vivantes. Aber: Was Manfred gelernt hat, lernen viele Deutsche nie. Das zeigen die Zahlen: Nur 42 Prozent der Berufstätigen bilden sich hierzulande weiter. In skandinavischen Ländern sind es doppelt so viele. Priska Hinz, bildungs- und forschungspolitische Sprecherin der Fraktion, will das ändern. Um "Weiterbildungsmuffel" aufzurütteln, tourt sie quer durch die Republik (als nächstes am 24.9. in Mannheim). Als erste Station besuchte sie im Mai Niedersachsen, im September wird sie in Mannheim sein, weitere Bundesländer folgen. "Ein Mentalitätswechsel ist angesagt", betont die ehemalige Erzieherin und runzelt streng die Stirn. Sätze wie: "Er hat ausgelernt", sollten die Deutschen schleunigst aus ihrem Vokabular streichen. Zwar biete das duale Ausbildungssystem eine solide Grundlage. "Aber, was danach kommt, muss deutlich besser werden", findet die 48-Jährige.
Als Politikerin will sie bei den Bedingungen für "lebenslanges Lernen" ansetzen. Präzise kommen ihre Vorschläge. Z. B. mit Zeitkonten für ArbeitnehmerInnen, die den Anspruch jedes einzelnen Menschen auf Weiterbildung dokumentieren. Auch zinsgünstige Bildungsdarlehen oder steuerliche Erleichterungen könnten Weiterbildungswilligen den "Ausstieg auf Zeit" vereinfachen. Das jetzige Meister-BAföG möchte sie umfunktionieren: Ein Gesetz zur Finanzierung von Erwachsenenbildung könnte an seine Stelle treten und die staatlichen Mittel deutlich effektiver verteilen. Extrem reformbedürftig findet sie auch die Förderpolitik der Bundesagentur für Arbeit – vor allem bei der Weiterbildung von gering Qualifizierten. Ihrer Ansicht nach wäre die Beratung für Weiterbildung bei den Verbraucherzentralen weit besser aufgehoben.
Beratung ist ein wiederkehrendes Stichwort, vor allem bessere Beratung. Ohne sie geht eigentlich nichts mehr. Denn die Arbeitswelt muss sich immer rascher verändern, um mit den Anforderungen der Wirtschaft und der Globalisierung Schritt halten zu können. Manche Berufswege enden schnell in der Sackgasse, anderswo tun sich dagegen neue Chancen auf. Wer hier den Durchblick behält, hat schon halb gewonnen.
"Meine Söhne haben mich darauf gebracht", sagt sie und verweist auf die Mängel bei der Berufsvorbereitung, die schon in den Schulen sichtbar würden. "Da gibt es z. B. viel zu wenige Praktika, auch die Informationen über Aus- und Weiterbildungswege in der späteren Berufswelt sind eher dürftig." Ob der 16-jährige Frederik – Berufswunsch: Schriftsteller – davon profitieren würde? Lukas, der bald ein Physikstudium beginnt, mit Sicherheit. Auf ihrer Tour durch die deutsche Weiterbildungslandschaft hat Priska Hinz aber nicht nur Schattenseiten gesehen. Sie konnte auch schon leuchtende Vorbilder entdecken – etwa die Volkshochschule Braunschweig. Da werde nicht nur getöpfert, sondern auch gewebt: an einem großen Netz, in dem Schulen, Firmen, Berufsverbände und Bildungsträger zusammenarbeiten. So sehen sie aus, die Silberstreifen am Horizont.