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Das größte Medienereignis des Jahres, die Fußball-Weltmeisterschaft, findet in diesem Sommer erstmals in Afrika statt. Zum Beginn der WM und zum Tag gegen Kinderarbeit am 12. Juni hat die Bundestagsfraktion Bündnis90/Die Grünen mit einem Fachgespräch die Aufmerksamkeit auf nach wie vor bestehende Missstände gerichtet, die nur selten in die Öffentlichkeit geraten.
Der sportliche Wettkampf findet auch während dieser WM in Afrika meist fair und nach klaren Regeln statt. Für viele Beschäftigte in der Sportartikelindustrie gelten jedoch keine fairen Regeln. Arbeitnehmerrechtsverletzungen in dieser Branche sind nach wie vor die Norm. Viele mit Sport eng verbundene Produkte werden von Kindern und unter allgemein unwürdigen Bedingungen hergestellt.
Auf Einladung der grünen Bundestagsabgeordneten Viola von Cramon, Thilo Hoppe und Uwe Kekeritz diskutierten am 14. Juni 2010 Teilnehmende aus großen und kleinen Unternehmen, aus der Entwicklungszusammenarbeit und aus der Zivilgesellschaft mit den Abgeordneten über mögliche Lösungsansätze.
Mit den grünen Abgeordneten Viola von Cramon, Thilo Hoppe und Uwe Kekeritz diskutierten als Sachverständige
Um faire Arbeitsbedingungen bei der Produktion ihrer Sportartikel zu erreichen, müssen Unternehmen wie adidas mehr Einfluss auf ihre Zulieferbetriebe nehmen. Dies ist besonders schwierig, wenn ein Zulieferer für mehrere Unternehmen produziert und somit nicht auf einzelne Kunden angewiesen ist. Ein Problem ist auch, dass in großen Unternehmen die Sozialabteilungen, die Verhaltenskodizes zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen erarbeiten, oft nicht eng genug mit den Einkaufsabteilungen, die auf die Umsetzung dieser Standards achten müssen, zusammenarbeiten.
Manche Arbeitsstandards sind schwieriger zu überwachen als andere: Bei einer externen Überprüfung eines Zulieferbetriebs ist es relativ einfach festzustellen, ob ein Feuerlöscher und ein Erst-Hilfe-Kasten vorhanden sind. Schwieriger wird es allerdings herauszufinden, ob Gewerkschaften wirklich frei handeln können, wie viele Stunden pro Woche gearbeitet wird und ob angemessene Mindestlöhne gezahlt werden. Auch werden Arbeitnehmende bei Überprüfungen oft nicht befragt, obwohl sie direkt von der Einhaltung oder Nichteinhaltung von Arbeitsnormen betroffen sind und die entsprechenden Informationen haben. Eine weitere Schwachstelle freiwilliger Verhaltenskodizes anstelle von gesetzlichen Regelungen ist es, dass erstere keine einheitlichen Regeln darstellen und jeweils separat überwacht werden müssen, so dass jährlich mit viel Aufwand eine Vielzahl von Überprüfungen durchgeführt wird.
Kinderarbeit wurde von den meisten der anwesenden ExpertInnen als ein Symptom und nicht als Ursache der Probleme ungerechter Arbeitsbedingungen gesehen. Um das Problem umfassend anzugehen, müssen höhere Löhne für Erwachsene gezahlt werden, damit Kinder nicht mehr zum Familieneinkommen beitragen müssen. Zudem müsse zwischen Kinderarbeit und ausbeuterischer Kinderarbeit unterschieden werden. Ein Lösungsansatz ist hier der Asiatische Grundlohn ("Asia Floor Wage"), der für alle asiatischen Länder einen vergleichbaren Mindestlohn berechnet, der die Grundbedürfnisse der Arbeitenden sichert. Dabei werden Unterschiede in der Kaufkraft in verschiedenen Ländern berücksichtigt. Zum einen erhalten damit Unternehmen, die Wert auf ihre soziale Verantwortung legen, einen Anhaltspunkt für angemessene Mindestlöhne. Zum anderen würde eine flächendeckende, gesetzliche Einführung des Grundlohns in ganz Asien verhindern, dass Unternehmen ihre Produktion von einem Land, in ein anderes verlagern, in dem die Löhne niedriger liegen.
Als Alternative zu gesetzlichen Vorgaben wurde der Vorschlag diskutiert, dass sich Unternehmen zusammenschließen könnten, um sich auf gemeinsame Arbeitsstandards und Mindestlöhne zu einigen und diese dann bei ihren Zulieferern einzufordern. In der Expertenrunde gab es unterschiedliche Meinungen dazu, ob ein solches Vorgehen gegen Wettbewerbsrecht verstoßen würde oder ob dies bei entsprechendem guten Willen ein gangbarer Weg wäre.
Fair-Trade-Siegel wurden in der Diskussion kritisch analysiert. Zum einen stellen Siegel die Einhaltung bestimmter Produktionsstandards sicher, so werden zum Beispiel keine Produkte aus China zertifiziert solange es dort keine freien Gewerkschaften gibt. Auf der anderen Seite sind die Zertifizierungskosten oft hoch, insbesondere wenn bei Industrieprodukten mehrere Wertschöpfungsstufen zertifiziert werden müssen.
Zwar bieten auch einige große Marken bereits einzelne zertifizierte Produkte an und es kann davon ausgegangen werden, dass bei diesen Produkten die entsprechend Standards auch eingehalten werden. Damit wird die Nachfrage eine recht kleinen Gruppe bewusster Konsumenten bedient. Jedoch verbessern sich die Bedingungen damit nur in einem sehr kleinen Teil der Produktion. Über die Produktion dieser einzelnen zertifizierten Produkte kommt es nicht zu einer generellen Verbesserung der Situation. Die zeitgleich weit aufgestellten Imagekampagnen und Maßnahmen machen es den Käufern nicht leicht, zwischen reinem Marketing und echten Verbesserungen zu unterscheiden.
Speziell im Bereich der Sportartikel ist es für fair gehandelte Produkte besonders schwierig, sich auf dem Markt durchzusetzen, weil große Markenhersteller mit Sportvereinen Sponsorenverträge abschließen. Das heißt, die Vereine und SportlerInnen bekommen Geld dafür, dass sie nur Produkte einer bestimmten Firma nutzen und bewerben. Hersteller fair gehandelter Sportartikel sind in der Regel zu klein, um selbst entsprechende Summen für Sponsoring auszugeben.
VertreterInnen des organisierten Sports waren leider nicht bereit, sich aktiv an der Diskussion zu beteiligen, fanden sich aber als zuhörende Gäste im Publikum. Die Diskutierenden äußerten den Wunsch, auch diese Akteure in Zukunft stärker in die Debatte einzubinden und mit ihnen das Potential des organisierten Sports zu erörtern.
Sportartikelhersteller sehen bei Konsumenten die Erwartungshaltung, ein möglichst günstiges Textilprodukt zu erwerben. Für bessere Sozialstandards muss aber mehr bezahlt werden. Da Lohnkosten bei Textilien allerdings nur einen sehr geringen Anteil an den gesamten Herstellungs- und Vertriebskosten ausmachen, müssten fair gehandelte Kleidungsstücke nur 5 bis 10 Prozent mehr kosten. Zum Vergleich: Fair gehandelter Kaffee muss 10 bis 20 Prozent teurer verkauft werden. Außerdem kann vermieden werden, dass sich Mehrkosten durch höhere Löhne am Anfang der Lieferkette multiplizieren, indem man eine Fair-Trade-Prämie separat und damit direkt an die ArbeiterInnen bezahlt.