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Beim Erdbeben vom Januar 2010 kamen 230.000 Menschen ums Leben. 300.000 EinwohnerInnen wurden schwer verletzt, 1.6 Millionen wurden obdachlos. Das Erdbeben traf das Land, das bereits vor der Naturkatastrophe auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen war, hart.
Von den Menschen, die durch das Erdbeben obdachlos wurden, sind inzwischen 1,1 Millionen wieder in Häusern, Hütten oder so genannten „Sheltern“ – Übergangsquartieren in Leichtbauweise – untergebracht und mit dem Nötigsten versorgt. Doch 500.000 Menschen leben in der Hauptstadt Port-au-Prince noch immer sehr beengt in den Zelten der Flüchtlingslager.
Da vielen Hilfsorganisationen das Geld ausgegangen ist,kann in zahlreichen Lagern noch nicht einmal die Trinkwasserversorgung und der Abtransport der Fäkalien aus den Latrinen aufrecht erhalten werden. Die katastrophalen hygienischen Bedingungen haben vor einigen Monaten zur Ausbreitung der Cholera geführt, der inzwischen fast 7000 Menschen zum Opfer gefallen sind.
Unmittelbar nach dem Erdbeben war ist die Spendenbereitschaft überall auf der Welt groß und die Regierungen haben sich mit scheinbar großzügigen Hilfszusagen überbieten wollen. Doch nach jüngsten Berechnungen der Vereinten Nationen sind im Jahr 2011 bisher nur 59 Prozent der von den wohlhabenden Staaten zugesagten Hilfsgelder tatsächlich gezahlt worden. Auch die Mittel, die 2010 sofort zugesagt wurden, sind nicht vollständig geflossen. Da darüber hinaus die Spendenbereitschaft zu schnell wieder abgeflaut ist, mussten sich einige Hilfsorganisationen bereits wieder aus den Flüchtlingslagern zurückziehen. Und dies, obwohl die Not vor Ort noch sehr groß ist.
Auch die Bundesregierung hat sich in Bezug auf Haiti bisher nicht mit Ruhm bekleckert und angesichts des von OCHA (Office for the Coordination of Humanitarian Affairs) angegeben Bedarfes von fast 2 Milliarden Euro nicht ausreichend Mittel zur Bewältigung der humanitären Krise und zum Wiederaufbau des Landes bereitgestellt. Während wir GRÜNE allein für 2011 100 Millionen Euro in einem Sondertitel für Haiti gefordert haben, hat die Bundesregierung insgesamt bisher lediglich 52,7 Millionen für 2010 und 2011 bereitgestellt. Besonders in der ländlichen Entwicklung und in der Förderung der beruflichen Bildung könnte und sollte Deutschland in Haiti eine größere Rolle spielen.
Erst kürzlich war eine Delegation des Entwicklungsausschusses vor Ort und konnte sich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass zwar beachtenswerte Erfolge im Wiederaufbau der vom Erdbeben fast völlig zerstörten Hauptstadt geleistet worden sind, dass Haiti aber noch lange nicht auf einem zukunftsweisenden Entwicklungspfad ist. Zu den Folgen der Naturkatastrophe, von Armut und Ernährungsunsicherheit, fehlender sanitärer Basisversorgung und Müllentsorgung kommt die zunehmende Kriminalität und die Straflosigkeit. Angesichts der permanenten politischen Krise und der bislang schwachen Initiative der Regierung Martelly erscheinen die Hoffnungen, die in sie gesetzt wurden, noch lange nicht erfüllt.
In einem Gespräch mit dem neuen haitianischen Premierminister Conille mahnten die Bundestagsabgeordneten auch von der haitianischen Regierung größere Eigenanstrengungen an. Angesichts der bedrückenden Not müssen Regierung und Opposition stärker kooperieren. Die Delegationsmitglieder gewannen insbesondere den Eindruck, dass die Ärmsten der Armen vernachlässigt werden und dass Konzepte für eine selbsttragende nachhaltige Entwicklung bisher kaum erkennbar sind.