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In der Antwort auf unsere Kleine Anfrage unserer Fraktion zur Zunahme von psychischen Erkrankungenantwortet die Bundesregierung auf die Frage, welche Ziele die Bundesregierung bei der Versorgung von Menschen mit psychischen Störungen verfolgt sehr allgemein und ausweichend etwa indem sie auf die zunehmende Bedeutung von Prävention und Gesundheitsförderung im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung verweist. Dagegen ist nichts einzuwenden. Auch Maßnahmen zur Aufklärung und Sensibilisierung der Öffentlichkeit mit dem Ziel, psychische Erkrankungen zu enttabuisieren, werden noch lange erforderlich sein.
17,2 Prozent aller Behandlungstage im Krankenhaus entfallen auf die Hauptdiagnose "Psychische Störungen". Mindestens ein Viertel der Krankenhausbehandlungsfälle aufgrund von psychischen Störungen ist alkohol-assoziiert. Wie viele Doppeldiagnosen dabei sind, entzieht sich unserer Kenntnis.
Selbst in Ballungsregionen müssen viele Versicherte bis zu drei Monaten auf einen Termin beim Psychiater warten. Wenn diese Wartezeit zulange ist, bleibt im Akutfall der Ausweg eines längeren Aufenthalts in einer stationären psychiatrischen Einrichtung. Hinweise auf solche Herausforderungen fehlen bei den erfragten Zielen der Bundesregierung.
Heiner Melchinger hat in einer Expertise im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung errechnet, dass für die Basisversorgung weniger als 20 Prozent der Gesamtausgaben von fachärztlichen Psychiatern und Nervenärzten zur Verfügung stehen.
"Je größer der Hilfebedarf eines psychisch Kranken ist, desto weniger bedarfsgerechte Hilfen stehen zur Verfügung. Für schwere, oft mit komplexer Komorbidität verbundene psychiatrische Behandlungsfälle, die einer umfassenden und kompetenten nervenärztlichen Behandlung bedürfen, kann der niedergelassene Nervenarzt etwa 30 Minuten finanzierte Behandlungszeit/Quartal einsetzen (…)" (Melchinger, Strukturfragen der ambulanten psychiatrischen Versorgung).
Dass die Krankenhausfallhäufigkeit von psychisch kranken Patienten von 2000 bis 2009 um 70 Prozent gestiegen sind, darf vor diesem Hintergrund nicht verwundern.
Aus der Antwort der Bundesregierung wird aber deutlich, dass sie sich für diesen Zusammenhang nicht wirklich interessiert und sich ungeprüft auf Antworten aus der Selbstverwaltung verlässt. Die Problemlagen bleiben somit verschleiert. Unsere Fragen zur Häufigkeit von psychischen Erkrankungen und der Entwicklung in den letzten zehn Jahren wurden aufgrund fehlender Daten nicht beantwortet.
Auch zu den Kosten der Behandlung und den Behandlungsschwerpunkten kann die Bundesregierung nur punktuell Auskunft geben. Umso mehr verwundert es, wenn die einzige repräsentative Studie zur psychischen Gesundheit unterfinanziert ist und ihre Auswertung in den Sternen steht. Bei den zurückliegenden Forschungsschwerpunkten standen biologische und genetische Faktoren psychischer Erkrankungen im Zentrum, die sozialen Faktoren spielten eine untergeordnete Rolle.
Aus unserer Sicht muss die Psychiatriepolitik grundlegend überdacht werden. Wir brauchen eine Überprüfung der Behandlungsprinzipien, mehr umfassende ambulante Angebote, eine Stärkung der ambulanten Krisenbewältigung sowie bessere Angebote zur integrierten Versorgung.
Wer psychische Probleme hat, benötigt schnelle Hilfe, getragen von verschiedenen Berufsgruppen, damit aus der Befindlichkeitsstörung keine dauerhafte Erkrankung und bleibende Arbeitsunfähigkeit wird.
Für chronisch psychisch Kranke benötigen wir alltagsnahe Krisenhilfen, die nicht ausschließlich auf Psychopharmaka und Zwangseinweisungen setzen. Neue Ansätze könnten in Modellregionen erprobt werden; dazu zählen auch regionale Budgets für sektorübergreifende Behandlungsansätze.