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20 Jahre

18. März 2010

Die friedliche Revolution

Bündnisgrüne erinnern an Wegmarken des Jahres 1989/90.

Michael CramerMichael Cramer erinnert sich an 1989 und wie er die Maueröffnung erfahren hat.

Das Jahr 1989 begann für mich schon mit einer bedeutsamen Erfahrung. Am 29. Januar war ich für die "Alternative Liste für Demokratie und Umweltschutz" (AL) zum ersten Mal in das Abgeordnetenhaus von Berlin gewählt worden. Und dazu, völlig unerwartet, hatten SPD und AL eine Mehrheit bekommen.

Als verkehrspolitischer Sprecher diskutierte ich am Abend des 9. November in Berlin-Charlottenburg über die Berliner Verkehrspolitik. Ein räumlich sehr kleiner Ansatz, wie sich Stunden später zeigen sollte.

Nach der Veranstaltung fuhr ich nach Berlin-Steglitz, wo ich damals in einer Vierer-Wohngemeinschaft wohnte. Als ich spät abends die Wohnung betrat, sagte meine WG-Bewohnerin Marlis zu mir: "Na, also ditt is ja n Ding, wa, die Mauer is auf". Ich dachte, sie wollte mich veräppeln, und erst den Nachrichten im Fernsehen vertraute ich. Kurz darauf klingelte auch das Telefon - ein Handy hatten wir damals noch nicht - und mein Fraktionsgeschäftsführer informierte mich über eine Sondersitzung des Abgeordnetenhauses am folgenden Tag.

Wir blieben bis weit nach Mitternacht vor dem Fernseher und verfolgten die Ereignisse des Abends - bald konnten wir die berühmten Worte der Schabowski-Aussage schon auswendig. "Wahnsinn", das Wort war auch für uns in dieser Nacht das Einzige, was uns einfiel, um unsere Emotionen über die Lippen zu bringen.

Denn die ersten Fotos mit meiner ersten Kamera machte ich 1963 auf einer Sportreise nach Berlin von dem Podest am Ende der Bernauer Straße. In dieser Straße gehört der Bürgersteig noch zum westlichen Wedding, die Häuser standen aber im östlichen Bezirk Mitte. Regine Hildebrandt, später langjährige Sozialministerin von Brandenburg, wohnte dort einst und beschrieb die Situation in der ihr eigenen Deutlichkeit: "Wenn wa zuhause aussem Fenster kiekten, warn wa mit dem Kopp im Westen und mit dem Hintern im Osten". Jedes Mal, wenn ich nach Berlin kam, bin ich zur Bernauer Straße gegangen und konnte beobachten, wie sich die Mauer veränderte und die Grenzanlagen immer weiter perfektioniert wurden.

Meine Mitbewohnerin war, als die Mauer am 13. August 1961 gebaut wurde, in West-Berlin und blieb mit ihrer Mutter dort, während ihr Bruder bei der Oma in Güstrow aufwuchs. So hatte sie auch weiterhin ständigen Kontakt in die DDR. Auch ihren 40. Geburtstag feierte sie im August 1986 bei ihrem Bruder in Güstrow. Mit Hilfe des Bruders, der die Einreisegenehmigungen beantragte, hatte sie dazu auch uns, die Mitglieder der WG eingeladen. Leider konnte ich nicht daran teilnehmen. Wie viele Grüne und DDR-Kritiker hatte ich seit 1982 Einreiseverbot in die DDR und nach Ost-Berlin.

Die Sondersitzung des Abgeordnetenhauses am 10. November wurde von einer Menschenmenge auf dem John-F.-Kennedy-Platz verfolgt. Vor dem Rathaus Schöneberg, wo einst Kennedy gesagt hatte: "Ich bin ein Berliner", sprachen dann der Regierende Bürgermeister Walter Momper, Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, der aus Polen vorzeitig zurückgekehrte Bundeskanzler Helmut Kohl und Willy Brandt, der Regierende Bürgermeister zur Zeit des Mauerbaus (1957–1966) und der erste sozialdemokratische Bundeskanzler der Nachkriegszeit (1969–1974) war.

Als hätte Willy Brandt geahnt, wie sehr der Umgang mit der Mauer später die Gemüter bewegen würde - die meisten wollten nämlich, dass sie möglichst schnell aus dem Stadtbild verschwindet, damit Gras über die Geschichte wachsen könnte - dachte er auch in dieser Stunde "über den Tag hinaus" und forderte "ein Stück von jenem scheußlichen Bauwerk (...) als Erinnerung an ein historisches Monstrum stehen (zu) lassen. So wie wir seinerzeit nach heftigen Diskussionen in unserer Stadt uns bewusst dafür entschieden haben, die Ruinen der Gedächtniskirche stehen zu lassen".

Am 12. November war ich dann dabei, als die Mauer am Potsdamer Platz geöffnet wurde. Es war für alle ein sehr bewegender Augenblick, als die Mauersegmente von einem Kran versetzt wurden und die beiden Bürgermeister der geteilten Stadt, Walter Momper (west) und Erhard Krack (ost) sich begrüßten und so die Maueröffnung zelebrierten. Der Berliner Bausenator Nagel wurde vor Freude weinend von einem Fernsehsender interviewt. Unbekannte Menschen aus Ost- und West-Berlin fielen sich um den Hals und niemand von uns schämte sich im Geringsten seiner Freudentränen.

Die Worte von Willy Brandt sollten mir nicht aus dem Gedächtnis weichen. Auch mich ließ der Erhalt von Spuren der Geschichte nicht mehr los. Nur wenige Monate vorher, im Sommer 1989, hatte ich zum ersten Mal den 160 Kilometer langen "Zollweg" rund um West-Berlin abgeradelt. Man konnte sich nicht verfahren, denn es ging ja auf West-Berliner Seite immer an der Mauer entlang. Nach dem Fall der Mauer wiederholte ich diese Umrundung im Frühjahr 1990 auf dem Ost-Berliner "Kolonnenweg" zwischen Vorder- und Hinterlandmauer, der 28 Jahre nur von den Grenztruppen benutzt werden konnte. Bei diesen Radeltouren wurde auch die Idee vom Berliner Mauerweg geboren.

Allerdings dauerte es noch zehn Jahre, bis sie Gestalt annahm. Denn nach dem Fall der Mauer lautete die Parole in Berlin: "Die Mauer muss weg", was die Grenztruppen der DDR, die bis zum 2. Oktober 1990 nun dafür die Verantwortung trugen, mit preußisch-sozialistischer Gründlichkeit auch realisierten. Nur wo Bezirke, Organisationen oder Einzelpersonen sie daran hinderten, blieben Mauerreste bestehen. Eine dieser Personen war Michaele Schreyer, damals grüne Senatorin für Stadtentwicklung und Umweltschutz. Sie setzte sich über den Zeitgeist hinweg und stellte die Mauer in der Niederkirchnerstraße unter Denkmalschutz. Damals wurde sie heftig angefeindet - "die Grünen wollen die Mauer wieder aufbauen" - heute sind alle dankbar für die authentischen Mauerreste gerade an dieser Stelle.

Endlich im Jahr 2001, anlässlich des 40. Jahrestages des Mauerbaus. konnten wir Grünen mit einem Antrag erreichen, dass Senat und Abgeordnetenhaus beschlossen, die verbliebenen Mauerreste unter Denkmalschutz zu stellen, den Berliner Mauerweg auszuschildern und ihn fahrradfreundlich auszubauen.

Orientiert an diesem Vorbild haben sich dann auch der Deutsche Bundestag und das Europäische Parlament für den Ausbau des 7.000 km langen "Europa-Radwegs Eiserner Vorhang" ausgesprochen. Entlang der ehemaligen Blockgrenzen können nun - wie von Willy Brandt gefordert - auch künftige Generationen Geschichte, Politik und Kultur im wahrsten Sinne des Wortes erfahren.

Der innerdeutsche Todesstreifen hat sich in den letzten 20 Jahren wieder zu einem Lebensraum entwickelt. Dennoch gilt es, Pflanzen- und Tierarten, die andernorts längst ausgestorben sind und nur im Schatten des Todesstreifens überlebt haben, im Rahmen des Projektes "Grünen Band" genau so zu schützen, wie es die Erinnerung an die ehemalige Grenze und das nationale Glücksgefühl bei ihrer Öffnung wach zu halten gilt.

Jetzt nach 20 Jahren im EU-Parlament mit europäischer Verkehrspolitik befasst, habe ich mich nicht nur darüber gefreut, dass ich von Minister Dr. Daehre eingeladen wurde, in einem Beirat an der Auswahl der Gedenktafel mitzuwirken, wichtig ist für mich der Ansatz des Geschichtsprojektes "Brocken-Erklärung" der Verkehrsminister, über das Ereignis der Grenzöffnung in Deutschland hinaus auf den Tafeln auch auf die Bedeutung des Ereignisses für den Fall der übrigen Grenzen in Europa und sein Zusammenwachsen hinzuweisen.

Wir brauchen in Europa solche Initiativen "wider das Vergessen", um uns bei den Mühen des Zusammenwachsens immer wieder daran erinnern zu können, was wir 1989 im Ergebnis der friedlichen Revolutionen in Mittel- und Osteuropa gewonnen haben. Als passionierter Fahrradfahrer zitiere ich in solchen Zusammenhängen immer den ehemaligen Kommissionspräsident der Europäischen Union, Jacques Delors. Der hatte einst gesagt: "Die EU ist wie ein Fahrrad, wenn es stehen bleibt, kippt es um."

Zusätzliche Information

Foto: Copyright by denk