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Monika Lazar über den 9. Oktober
Über diesen entscheidenden Tag in Leipzig ist schon vielgeschrieben und gefilmt worden. Nach meiner letzten Montagsdemo am 2.10. hatten mir meine Eltern die ganze Woche ins Gewissen geredet, nicht wieder hin zu gehen. Das sei gefährlich und ich kann inhaftiert werden. In der Lokalzeitung LVZ gab es eine unglaublich aufgeheizte Stimmung in den Artikeln, es wurde regelrecht gehetzt. Ich habe mir die Artikel aufgehoben, damit ich das nicht vergesse.
Es wurde in der Zeitung, im Radio und im Fernsehen berichtet, dass alle Krankenhäuser in Leipzig und Umgebung alle Kapazitäten zur Verfügung stellen mussten, Notbetten wurden aufgestellt, Blutkonserven wurden herangeholt. Die Kasernen waren voller Soldaten und Bereitschaftspolizei. Alle rechneten mit dem Schlimmsten, dass heute Blut fließt und es Verletzte gibt.
Ich war hin und her gerissen. Zum Glück war ich schon tagsüber in Leipzig in der Innenstadt beim Studium. Es war eine Geisterstimmung. Die Menschen bewegten sich wie in Zeitlupe, in den Seitenstraßen standen Einsatzfahrzeuge der Polizei, die Polizei war voll ausgerüstet, es war beängstigend. Jeder, der an dieser Demo teilnahm, wusste nicht, ob er abends wieder heil nach Hause kommt. Nie werde ich das vergessen. In den Kirchen war eine besondere Stimmung.
Danach ist das meiste bekannt: Es wurde die "Erklärung der sechs" verlesen, u.a. war der damalige Gewandhauskappellmeister Kurt Masur dabei, die alle aufriefen, friedlich zu bleiben. Und was keiner geglaubt hat: Wir konnten um den Innenstadtring laufen und es gab keine Ausschreitungen von Staatsseite aus. Nach diesem Erlebnis war alles anders. Es war für uns alle unfassbar, dass wir dies geschafft hatten. Ich bin froh, in dieser Zeit in Leipzig dabei gewesen zu sein.
