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Wolfgang Wieland über den 7.Oktober
Dieser Tag ist mir aus zweierlei Gründen für immer im Gedächtnis. Zum Einen war es der letzte Republiksgeburtstag, zum Anderen fiel hier Gorbatschows historischer Satz "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Auch wenn Gorbatschow im Russischen wörtlich nur gesagt hatte "Schwierigkeiten lauern auf den, der nicht auf das Leben reagiert" entwickelte sich dieser Spruch bald zur verkürzten Erklärung des Scheiterns der SED.
In gewisser Weise zu spät kamen leider auch wir Bündnisgrünen. Viele erkannten nicht, das Ausmaß der dramatischen Veränderungen in ganz Osteuropa. Der Parteivorstand der Berliner Alternativen Liste blamierte sich noch in diesem Herbst mit dem Vorschlag, die Flüchtlinge aus der DDR nach den "Regelungen für außereuropäische Flüchtlinge" zu behandeln. Dies hätte bedeutet, sie ins Asylverfahren zu schicken und entsprach der kruden Überlegung, dass diese Menschen gefälligst in der DDR zu bleiben hätten und dort zum Widerstand zwangsverpflichtet wären. Der Druck im Kessel sollte bleiben, egal ob die Menschen ihm standhalten konnten oder nicht. Dies löste einen Aufschrei der Empörung aus. Nicht nur in der Szene der "exilierten DDR-Bürger" in West-Berlin äußerte sich Unmut, sondern auch ich fühlte mich gedrängt, in einem Zeitungskommentar zu zeigen, dass es auch Grüne gab, die anders über die sich immer drängender abzeichnenden Veränderungen in der DDR dachten.
Nach der Öffnung der Grenze in Ungarn verblüffte ich meinen gesamten Bekanntenkreis mit der Ansage, dass demnächst die Mauer fallen werde. Es mache keinen Sinn die Vordertür zu verrammeln, wenn die Hintertür geöffnet sei. Geglaubt hat mir das buchstäblich niemand. Zu verfestigt war der Beton der Teilung auch in den Köpfen im Westen.
Die Alternative Liste ist West-Berlin war entsprechend auch die letzte politische Partei, die sich im März 1990 zur Gestaltung der Deutschen Einheit bequemte. Noch auf der entsprechenden Mitgliedervollversammlung wollte die Gruppierung um den Stasi-Spitzel Dirk Schneider und den heutigen Linkspartei-Wirtschaftssenator Harald Wolf die Deutsche Einheit so wörtlich "als reaktionäres Projekt" verurteilt sehen. Dies zu einer Zeit, als Übergangsministerpräsident Hans Modrow schon von einem "Deutschland einig Vaterland" sprach. Ganz zu schweigen von den Zehntausenden auf den Straßen Leipzigs, Dresdens und Berlins.
Im Übrigen ist es heute kaum noch vorstellbar, dass seinerzeit am 7. Oktober auf der Karl-Marx-Allee noch eine große Militärparaden und Unter den Linden ein Fackelzug der sogenannten Freien Deutschen Jugend (FDJ) abgehalten wurden. Dass mit soviel Angst besetzte "Großdeutschland" sollte im Ergebnis wesentlich weniger militaristisch als die sozialistische Heimat aller Werktätigen werden.
