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So wie es ein Fukushima geben musste, damit endlich eine Wende in der Atompolitik stattfinden konnte, musste es auch ein Tschernobyl geben, damit die Menschen die Gefahren der Atomkraft erkannten. Für die umweltpolitische Sprecherin Dorothea Steiner war Tschernobyl Grund für ihren Eintritt bei den Grünen.

Wer in seinem Leben schon so viele sechste Stunden gehalten hat wie Dorothea Steiner, den schockt nichts mehr. Auch keine Bundestagsrede vor ständig zwischenrufenden Abgeordneten. "Geschichte vor einer Klasse zu unterrichten, um deren Aufmerksamkeit man sich echt bemühen muss, weil es spät ist oder weil ein paar Schülerinnen und Schüler nur schwer für das Thema zu begeistern sind, ist das beste Training für eine Karriere als Politikerin", findet die frühere Gymnasiallehrerin. "Das härtet ab."

Nicht, dass sie Abhärtung nötig gehabt hätte. Tough und kämpferisch war Doro Steiner eigentlich schon immer. Als Teenager hat sie gern heftig mit ihrem Vater, einem CSU-Mitglied, über Politik diskutiert. Als Klosterschülerin protestierte sie gegen den Vietnamkrieg und zog nach dem Abitur gegen den Willen der Familie mit ihrer Freundin aus dem beschaulichen Franken ins wilde Berlin. Ende der Siebziger kämpfte die junge Lehrerin dann an einer konservativen Schule in Osnabrück als GEW-Vertreterin im Personalrat.

Ihren gewaltigsten Gegner aber fand Doro Steiner in der Atomkraft. "Als Wahlniedersächsin musste ich mich einfach gegen AKWs engagieren", sagt sie. Sie ging zu Anti-Brokdorf-Demonstrationen, empörte sich über die Missachtung der Bürgerproteste beim Bau des Zwischenlagers in Gorleben, bejubelte die Freie Republik Wendland. Auch im Lehrerzimmer stellte sie sich den Diskussionen. "Von den Kollegen, die Physik oder Chemie unterrichteten, wurde ich belächelt. Atomkraft ist total sicher, sagten die immer. Bis zur Reaktorkatastrophe von Tschernobyl."

Tschernobyl brachte Steiner zu den Grünen: "Mir wurde da klar: Nur demonstrieren reicht nicht. Du musst mit anderen zusammen an einem Strang ziehen, wenn du wirklich etwas erreichen willst." Weil der Ausstieg aus der Atomkraft Grund für ihren Eintritt in die Partei war, brachte sie es diesen Sommer nicht fertig, gegen Merkels Ausstiegsplan zu stimmen, sagt sie. Auch wenn Steiner eigentlich zu denen gehört, die mehr und schneller wollen.

Als niedersächsische Landtagsabgeordnete, zu der Steiner 1998 gewählt wurde, nach fünf Jahren als Vorsitzende der Grünen-Fraktion in Osnabrück, wollte sie vor allem eins: Gorleben stilllegen. "Ich war bei jedem einzelnen Castor-Transport draußen. Und da ging manchmal ganz schön die Post ab."

2009 zog sie in den Bundestag ein, wurde umweltpolitische Sprecherin der Fraktion. Atompolitik ist dabei nur ein Teil ihres breiten Aufgabengebietes. Besonders engagiert sich Steiner derzeit im Bereich Bodenschutz und Abfallpolitik. Als nächstes wird sie den Plastiktüten den Kampf ansagen, erzählt sie. Das Thema Elektroschrott will sie gleich danach angehen. Und dann gibt es da noch Diskussionsbedarf in Sachen Biomasse, Stichwort: Maiswüste Oldenburg, und, und, und. Doro Steiners Agenda ist übervoll: "Aber ich verzettele mich nicht. Ich packe das an!"

Und dann wäre da ja auch noch dieses eine Thema, das sie konstant verfolgt: Steiner sitzt im Untersuchungsausschuss Gorleben. Wenn sie von ihrer Arbeit dort erzählt, hört sich das an wie ein Krimi. Da tauchen Zeugen auf, die bei der Vernehmung unter plötzlichem Gedächtnisschwund leiden und welche, die den Ausschuss belügen. Dabei soll doch endlich geklärt werden, ob die Wahl des Salzstocks in Gorleben als Atommüll-Zwischenlager eine politisch getriebene und keine wissenschaftlich begründete Entscheidung war. Steiner ist sich sicher. "Ich behaupte sogar, dass Gorleben für die Lagerung von Atommüll ungeeignet ist." Und das hätte Auswirkungen auf die Jetzt-Zeit. Dann nämlich dürfte die Regierung keine Sekunde mehr über einen Ausbau des dortigen Lagers nachdenken und müsste endlich und sofort nach Alternativen suchen. Genau das will die Niedersächsin erreichen. Dafür kämpft sie.

in: profil:GRÜN, Ausgabe Dezember 2011

Dorothea Steiner MdB

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