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Von Agnes Steinbauer

Er lässt sich hinter seinem Schreibtisch nieder und strahlt bayerische Ruhe aus. Der letzte Termin hat länger gedauert als geplant, der nächste wartet schon. Jerzy Montag ficht das nicht an, er ist freundlich, humorvoll und abwartend-neugierig. "Wir gestalten Rechtspolitik," sagt er und dieses "Wir" taucht im folgenden Gespräch noch häufig auf. Montag ist ein ausgesprochener "Wir"-Mensch. Er spricht gern über die soziale Verantwortung der Politik, ist beseelt von ihrer Grundaufgabe, "den Schwächeren in der Gesellschaft Chancen auf Gleichberechtigung und auf ein erfülltes Leben zu geben". Sätze wie diesen könnte man eigentlich als Politikerrhetorik abtun. Bei Montag fällt das schwer, seine Begeisterungsfähigkeit ist einfach ansteckend.

Womit beschäftigt sich ein grüner Rechtspolitiker? Er hat zum Beispiel die Reform des Urheberrechts mitgestaltet, des "Urheberrechts in der modernen Informationsgesellschaft", präzisiert der Jurist und bittet um Nachsicht wegen des "knochigen Titels für eine sehr handfeste Sache". Ein anderes wichtiges Thema: Mit seinen Koalitionskollegen will er den Opferschutz im Strafprozess so verändern, dass Hinterbliebene und noch lebende Betroffene möglichst wenig belastet werden. Gleichzeitig soll aber eine detaillierte Beweisführung die Rechtsstaatlichkeit des Prozesses gewährleisten. Einfach wird das nicht.

Jerzy Montag ist gern Politiker - vor seinem Bundestagsmandat war er Landesvorsitzender der bayerischen Bündnisgrünen - und er ist gern Jurist. In seinem früheren Leben führte er eine Rechtsanwaltskanzlei in München. Dort hat er - ebenso wie in Heidelberg und Mannheim - studiert und dort ist auch seit über dreißig Jahren sein Lebensmittelpunkt. In Berlin habe er "die Politik und einen Koffer", zwinkert er. Seine Frau, eine Grundschullehrerin, und zwei Teenager-Töchter leben weiterhin in München.

"Politik mache ich, seit ich denken kann", resümiert Montag, lehnt sich zurück und streicht die Krawatte mit den gelben Streifen glatt. Eine Prise "Patriarch" ist jetzt nicht zu übersehen und zu überhören auch nicht. Seine Sätze sind klar und sicher. Er lässt sich beim Sprechen Zeit, betont die einzelnen Worte.

Bereits während seiner Schulzeit am Gymnasium in Mannheim setzte er seine rhetorischen Fähigkeiten als stellvertretender Schulsprecher und Kämpfer für die freie Presse an der Schule ein. 1966, an der Uni, gesellte er sich an die Seite des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Als er in die Grundschule ging, umgab Jerzy Montag noch eine völlig andere Welt. Das war in Katowice, in Polen, wo er 1947 geboren wurde. Polnisch war seine Muttersprache. Das Land verließ er 1957 mit seinen Eltern, die damals aus politischen Gründen gehen mussten.

An Politiker-Selbstbewusstsein mangelt es Montag nicht: "Ich habe Lebenserfahrung, Standfestigkeit und ein gutes Auge dafür, was möglich ist", schätzt er sich selbst ein. Außerdem scheue er keine Kompromisse. Im Gegenteil: Eigene Positionen zu hundert Prozent durchzusetzen, ist für ihn "kein erstrebenswertes Ziel", Kompromisse seien ein "ganz wesentliches Element der Demokratie". Ein fähiger Politiker, so Montag, müsse in der Lage sein, "Brücken zwischen seinen Idealen und dem in der Realität Machbaren zu bauen". Das klingt gut, ist aber kompliziert, vor allem wenn bestimmte Strukturen etabliert sind. Über die Frage, wo er besonders deutlich erlebt habe, dass Macht stärker sei als Argumente, runzelt Montag erstaunt die Stirn. Dann sagt er : "Ich komme aus Bayern", um danach sehr bildhaft zu erklären: Die bayerische Gesellschaft sei von der CSU durchzogen, wie der Waldboden von einem Pilzgeflecht. Er sei aber auf keinen Fall deshalb nach Berlin geflohen, sondern immer noch ein bayerischer Politiker.

Als wichtigste politische Aufgabe betrachtet er es, an der Gestaltung einer friedlicheren Welt mitzuarbeiten und "eine ökologisch und sozial nachhaltige Politik für die nachfolgenden Generationen zu betreiben". Die Kanzlerpläne zum Umbau des Sozialstaates gehen für Montag in die richtige Richtung, sind ihm aber nicht entschieden genug. Nach seiner Auffassung ist Sozialpolitik nicht mehr "sozialfürsorgerisch" zu verstehen, vielmehr soll sie den Menschen die Möglichkeit geben, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Was immer das auch für den Einzelnen bedeutet - durch die Maschen des sozialen Netzes soll niemand fallen, betont er. Nicht zuletzt treibt ihn die Vision an, ein "tief gehendes Verständnis für Ökologie" in der Gesellschaft zu verankern. Auch dafür ist er angetreten.

Der Stress eines Politikerlebens ist für ihn durchaus Antrieb. Denn er hat die Erfahrung gemacht, dass er in Stress-Situationen oft am besten ist. Wenn es selbst ihm mal zu viel wird, gibt es ja noch die Krimis von Mankell. Die findet er richtig grandios; besonders aus professioneller Sicht, weil die Figuren in all ihren Schattierungen gezeigt würden. Außerdem sind da noch die Sauna und die bayerischen Berge, in denen er von Zeit zu Zeit ganz stressfrei herumwandert. Am liebsten mag er die Blauberge in der Nähe von Wildbad Kreuth. Jerzy Montag schmunzelt, wenn er von diesem "magischen Ort" erzählt: "Jedes Mal, wenn ich dorthin gehe, mache ich der herrschenden Partei ein wenig das Terrain streitig."

aus: profil: GRÜN, 06/03