Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Als letzter Redner zu diesem Tagesordnungspunkt hat das Wort der Kollege Dr. Gerhard Schick von Bündnis 90/Die Grünen.
Dr. Gerhard Schick (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Uns liegen heute zwei Anträge – einer von den Koalitionsfraktionen und einer von Bündnis 90/Die Grünen – vor. Der Gesetzentwurf der SPD steht heute nicht zur Diskussion. Über ihn werden wir demnächst im Ausschuss diskutieren.
Was den Antrag der Koalitionsfraktionen betrifft: Sie waren sehr fleißig und haben auf zehn Seiten eine umfassende Zusammenschau gemacht. Ich wünschte mir, dass auch Kleine Anfragen so ausführlich beantwortet würden. Aber Sie schreiben eigentlich nichts Entscheidendes zu dem, was die Bundesregierung auf nationaler Ebene vorhat. Dort, wo es um nationale Angelegenheiten geht, schreiben Sie plötzlich etwas über Umsatzsteuerbetrug. Das hat mit Einkommensteuerhinterziehung überhaupt nichts zu tun. Im Endeffekt handelt es sich bei Ihrem Antrag um eine Fleißaufgabe mit angehängtem Prüfauftrag. Das ist für Regierungsfraktionen schwach.
Ihr Antrag geht aber auch inhaltlich an der Sache vorbei. Die strafbefreiende Selbstanzeige hat sich in der vorhandenen Form doch nicht bewährt. Sie hat vielmehr falsche Anreize gesetzt und dazu geführt, im Zweifelsfall zuzuwarten. Bevor der Ermittler vor der Tür steht, erhalten die Betreffenden häufig Hinweise von den geprüften Kreditinstituten oder – wie bei den Steuer-CDs – aus der Öffentlichkeit. Die Möglichkeit, Reue zu zeigen, wird häufig instrumentalisiert, um noch besser Steuern zu hinterziehen. An dieser Stelle besteht Korrekturbedarf. Als wir vor kurzem eine Kleine Anfrage gestellt haben, war noch nicht die Rede davon, dass Sie korrigieren wollen. Nun wollen Sie das prüfen. Ich sage an die Adresse der Bundesregierung: Es ist notwendig, hier sehr genau zu präzisieren. Es reicht nicht aus, wie Herr Wissing zu argumentieren, dass es ein gewisses Aufkommen durch die strafbefreiende Selbstanzeige gibt. Vielmehr muss man schauen, wo die strafbefreiende Selbstanzeige vielleicht dem guten Anreiz entgegensteht, steuerehrlich zu sein. Diese beiden Sachverhalte sind gegeneinander abzuwägen. Wir jedenfalls sehen erheblichen Korrekturbedarf.
In unserem Antrag geht es allerdings nicht nur darum. Wir schlagen darüber hinaus eine ganze Reihe von Maßnahmen vor, von denen bei Ihnen nicht die Rede ist, obwohl an den entsprechenden Stellen dringend etwas getan werden müsste.
Erstens. Das Steuerhinterziehungsbekämpfungsgesetz ist immer noch ein stumpfes Schwert, ein Schwert, das nicht wirkt, weil Sie es nicht anwenden. Das muss korrigiert werden.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Zweitens. Was die Bundessteuerverwaltung angeht, ist es nicht so, wie Sie es schreiben: dass steuerlich relevante Informationen ohne Mithilfe der Beteiligten nicht aufgeklärt werden können. Die Frage ist, ob wir unsere Verwaltungen in die Lage versetzen, Aufklärung zu betreiben. Die Vorkommnisse in Hessen zeigen uns, wie CDU/FDP-Regierungen manchmal mit denjenigen umgehen, die Aufklärung leisten wollen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Steffen Bockhahn [DIE LINKE])
Auch die CDU/FDP-Regierung in Baden-Württemberg will Möglichkeiten, eine Sache ohne die Mithilfe der Betroffenen aufzuklären, anscheinend gar nicht nutzen, weil es nicht in ihrem politischen Interesse ist.
Ich will noch auf einen anderen Punkt eingehen. Alle schweigen zu der Rolle deutscher Banken in dieser Frage. Wir Grüne tun es nicht. Ich glaube, es täte uns in der Diskussion mit unseren Nachbarstaaten gut, einmal zu sagen, dass deutsche Banken mit ihren Tochtergesellschaften auf diesem Gebiet ebenfalls aktiv sind. Dann wäre man ehrlich, und dann müsste man in Deutschland beim Kreditwesengesetz ansetzen. Man sollte dafür sorgen, dass es sowohl bei uns als auch in anderen Staaten unmöglich ist, mithilfe unserer Kreditinstitute Steuern zu hinterziehen. Das gehört zur Ehrlichkeit dazu.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der LINKEN)
Auch an dieser Stelle zeigt sich, ob man dem Sachverhalt ernsthaft gegenübertritt oder ob es nur darum geht, der Aufregung in der Bevölkerung und sinkenden Umfragewerten kurzfristig etwas entgegenzusetzen.
In unserem Antrag werden weitere Vorschläge gemacht. Der Ausschuss wird eine Anhörung zu dem Gesamtkomplex durchführen. Ich glaube, das ist nötig. Ich fordere Sie auf, ehrlich der Frage nachzugehen, was in unserem Land eigentlich passiert. Gerade die Eliten, gerade die Leistungsträger entziehen sich häufig über Jahre in großem Umfang der Beteiligung an unserem Gemeinwesen.
(Dr. Daniel Volk [FDP]: Das ist schon übertrieben!)
Es passiert das Gegenteil dessen, was Sie, Herr Kolbe, gesagt haben. Häufig schreien manche Personen, auch aus Ihren Fraktionen und Parteien. Sie sind zwar hart im Ton, aber leider sehr moderat in der Sache. Wir wollen das ändern und in der Sache klar vorankommen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

