Während die Bildungsgipfel ergebnislos verstreichen, verlieren viel zu viele den Anschluss
Der neue Nationale Bildungsbericht zeigt es deutlich: Wenn nicht bald grundlegende Reformen zur individuellen Förderung und Unterstützung kommen, wird ein Großteil der kommenden Generation seiner Chancen auf eine sebstbestimmte Gestaltung ihres Lebens beraubt. Der Bericht zeigt auch, dass Geld gezielt dahin fließen muss, wo es die bildungsfernen und von vielen Lebensrisiken bedrohten Kinder und Jugendlichen erreicht:
- in die frühkindliche Förderung, wo es früh und gut wirken kann;
- in mehr gebundene Ganztagsschulangebote, wo es für individuelle Förderung sorgen kann;
- in gute Übergänge von der Schule in die Ausbildung, wo es ein sich Verirren im Maßnahmendschungel verhindern kann;
- in gute Studienbedingungen und eine gute Studienfinanzierung, so dass auch diejenigen an die Hochschulen gehen und erfolgreich studieren, die sich das bisher nicht zutrauen.
Der Bericht sagt auch klar, dass Bund und Länder nicht sparen dürfen, indem sie auf das Sinken der Kinderzahlen um fast 20 % bis 2025 setzen. In den letzten Jahren stiegen durch diesen Effekt zwar die Ausgaben pro Schüler, aber der Anteil am Bruttoinlandsprodukt, der etwa in der OECD als Vergleichsmaßstab gilt, sank. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass es dringend notwendig ist, die Bildungsausgaben zu steigern, um die Qualität zu verbessern. Wer das nicht tut, wird mittelfristig viel mehr für versorgende Sozialpolitik aufwenden müssen, als es jetzt kostet, in befähigende Bildungsangebote und gezielte Unterstützungsleistungen zu investieren.
Auf dem Weg in die Klassengesellschaft, nicht in die Bildungsrepublik
Die Kluft zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Menschen aller Altersstufen nimmt zu. Fast jedes dritte Kind unter 18 wächst in sozialen, finanziellen oder/und kulturellen Risikolagen auf. Bei Kindern von Alleinerziehenden ist es fast die Hälfte der Kinder. Bei immer mehr Kindern wird "Förderbedarf" festgestellt; ihr Anteil an inklusiven Schulen steigt, aber auch ihre Zahl in Förderschulen. Jungen sind dabei besonders stark vertreten. Bisher ist trotz verstärkter Bildungsnutzung keine Verbesserung bei den Geringqualifizierten festzustellen. Die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss sank von 8,5% im Jahr 2004 auf 7,5% im Jahr 2008. Diese Verbesserung trat aber allein in den alten Bundesländern ein. Bei den beruflichen Abschlüssen hat sich die Lage verschlechtert. Hatten 2006 immerhin noch fast 85 % der 20- bis 30-Jährigen einen Berufsabschluss, so sind es 2008 nur noch 83%.
Zwar sind die Bildungsausgaben von 2007 auf 2008 gestiegen. Im internationalen Vergleich gibt Deutschland noch immer zu wenig Geld für Bildung aus.
Migrationshintergrund erschwert häufig den Bildungserfolg
Auffallend sind die schlechten Zahlen über das Abschneiden von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Die Zahl der BildungsteilnehmerInnen mit nicht-deutscher Herkunft nimmt entgegen der allgemeinen Entwicklung zu, besonders in den Ballungsräumen und Stadtstaaten. 2007 waren über alle Bereiche gerechnet 25% der BildungsteilnehmerInnen nicht-deutscher Herkunft, gleichzeitig sind dies aber nur 7% des pädagogischen Personals.
Geschlecht, soziale Herkunft und Migrationsstatus führen noch immer zu unterschiedlichen Bildungsbiografien: Kinden mit Migrationshintergrund sind häufiger an niedrig qualifizierenden Schularten zu finden, obwohl in den letzten Jahren die Zahl der SchülerInnen an Hauptschulen sank. Ihre Beteiligung an außerschulischen Aktivitäten liegt mit 24% deutlich unter dem Durchschnitt von 36% (Altersgruppe 14 bis 19).Auch der Übergang von der Schule in die Ausbildung ist für MigrantInnen deutlich schwieriger: Ohne Hauptschulabschluss sind 88% ohne Ausbildungsplatz gegenüber 75% bei denen deutscher Herkunft. Auch mit Hauptschulabschluss ist der Unterschied mit 67% der MigrantInnen ohne Ausbildungsplatz gegenüber 48% bei deutscher Herkunft gravierend. Selbst wenn sie einen Ausbildungsabschluss haben, arbeiten sie in einem geringeren Maße in einem ausbildungsentsprechenden Beruf.
Einige Kernaussagen der Studie:
Im Hochschulbereich gibt der Bericht ein gemischtes Bild. Zwar hat der Hochschulpakt 1 gewirkt: Die Zahl der Studienanfänger hat die Zielmarke von 40% eines Altersjahrgangs übertroffen und im Jahr 2008 schon 43% erreicht. Allerdings müssen nach Auffassung der Fachleute 64.000 Studienplätze mehr geschaffen werden, als im Hochschulpakt 2 bis 2015 vereinbart worden sind.
Dieser 3. Nationale Bildungsbericht hatte das Schwerpunktthema "demografischer Wandel". Der Bericht hat alle Teile des Bildungssystems darauf hin untersucht, was die Herausforderungen durch die Bevölkerungsentwicklung für sie bedeuten und von ihnen fordern. Eines der Ergebnisse ist die Erkenntnis, dass freiwerdende Ressourcen zu Qualitätsverbesserungen im System bleiben müssen. Den Neuen Ländern bescheinigen die Fachleute, dass sie trotz Rückgangs der SchülerInnenzahl die Mittel im System belassen haben. Die Ausgaben je SchülerIn stiegen daher dort von 1995 auf 2007 um 17%, im Westen gingen sie hingegen im gleichen Zeitraum real um 7% zurück.
Bei der Analyse des Weiterbildungsbedarfs zeigt sich, dass Frauen und Ältere noch immer deutlich unterrepräsentiert sind. Aber selbst die AutorInnen der Studie zeigen sich alten Vorstellungen verhaftet: Für sie beschränkt sich die berufsbildungs- und hochschulrelevante Altersgruppe auf die bis 30-Jährigen.
Was wir Grüne wollen:
Der Bericht stärkt uns in unseren Forderungen für ein besseres Bildungssystem:
- Umsetzung des Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz ab 2013,
- bessere Förderung der frühkindlichen Bildung durch durchgehende Sprachförderung,
- ein inklusives Schulsystem mit individueller Förderung und dem Ausbau von Ganztagsschulen durch ein neues Ganztagsschulprogramm des Bundes,
- einen besser ausfinanzierten Hochschulpakt für 500.000 neue Studienplätze in den nächsten Jahren,
- einen Umbau des unübersichtlichen Maßnahmesystems im Übergang von Schule zu Beruf,
- mehr Weiterbildungsangebote und einen Rechtsanspruch auf Förderung durch ein Erwachsenenbildungsförderungsgesetz, das auch Geringqualifizierten und Teilzeitkräften die Weiterbildung ermöglicht.
Bund und Länder müssen aufhören, sich auf Bildungsgipfeln um des Kaisers Bart zu streiten, sondern müssen sofort das Kooperationsverbot aufheben, gemeinsam ihre Steuereinnahmen verbessern und Programme für die Verbesserung des Bildungsangebotes und seiner Qualität vereinbaren.
