Berufliche Bildung bedarf einer dringenden Strukturreform
Auf den ersten Blick bietet der Ausbildungsmarkt ein erfreuliches Bild: Mehr Ausbildungsplätze in Betrieben und weniger Jugendliche, die unversorgt blieben. Wer genau hinsieht, entdeckt aber noch immer einen gravierenden Mangel: Vermeintlich schwächere Jugendliche haben noch immer keine Chance. Fast 400.000 sind noch immer in teuren staatlichen Fördermaßnahmen, statt in einer betrieblichen Ausbildung. Ministerin Schavan muss endlich eine Strukturreform der beruflichen Bildung angehen, die allen Jugendlichen den Übergang in eine qualifizierte Ausbildung ermöglicht.
Im Ausbildungsjahr 2011 wurden der Bundesagentur für Arbeit (BA) fast 470.000 betriebliche Ausbildungsplätze gemeldet. Das sind 12 Prozent mehr als im Jahr 2010. Im Handwerk wurden 5 Prozent, bei den Industrie- und Handelskammern 6 Prozent mehr Verträge abgeschlossen. Bei den Suchenden macht sich der demografische Wandel bisher nur wenig bemerkbar: Ihre Zahl nahm um 3 Prozent auf 520.000 ab. Das liegt sowohl an doppelten Abiturjahrgängen als auch an der Aussetzung der Wehrpflicht, durch die mehr Jugendliche suchen, als von der Kultusministerkonferenz (KMK) prognostiziert. Die Differenz zwischen Angebot und Nachfrage bei der BA, die so genannte „rechnerische Lücke“ beträgt mit 26.400 nur noch ein Drittel im Vergleich zum Vorjahr mit 88.000. Diese gute Statistik hat aber eine gravierende Schattenseite: Im Laufe des Ausbildungsjahres 2010 haben mehr als 160.000 Jugendliche keine Ausbildung begonnen, sondern sind im Übergangssystem gestrandet.
Sackgasse Hauptschule
Es nützt den Jugendlichen nichts, dass die Bundesbildungsministerin publikumswirksam mit ihren Parteifreunden über die Abschaffung der Hauptschule diskutiert. Diese Schulform ist auch deswegen zur Sackgasse geworden, weil es von ihr aus kaum noch Wege in einen Beruf gibt. Wer allen Jugendlichen die Chance auf ein selbständiges und gesichertes Leben geben will, muss den Übergang zwischen Schule und Ausbildung endlich erleichtern und von perspektivlosen Warteschleifen befreien. Dazu kann auch der Bund viel beitragen. Unser Konzept DualPlus baut die unnützen und teuren Warteschleifen um zu Brücken in die Ausbildung. Überbetriebliche Ausbildungsstätten kooperieren mit Betrieben und Berufsschulen, so dass die Ausbildungsangebote für die Bedürfnisse der Jugendlichen differenziert werden können. Dann finden auch vermeintlich schwächere Jugendliche den Weg in eine betriebliche Ausbildung.
Die Zahlen der BA haben im Jahresverlauf gezeigt, dass vielen Unternehmen der drohende Fachkräftemangel langsam bewusst wird. Sie bieten ihre Ausbildungsplätze früher an und schließen auch die Verträge früher ab. Ministerin Schavan setzt allein auf die Zauberkräfte eines wirtschaftlichen Aufschwungs. Natürlich hat der Aufschwung für mehr Ausbildungsangebote der Betriebe im Vergleich zu den Vorjahren gesorgt. So lange aber noch weiterhin zehntausende von Schulabgängerinnen und Schulabgängern von vielen Betrieben ignoriert werden, hat die vermeintlich strahlende Bilanz der beruflichen Bildung einen dunklen Fleck.

