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Berufsbildungsbericht | 06.04.2011

Kein Konzept in Sicht

Berufsbildungsbericht 2011 macht den deutlichen Reformbedarf sichtbar

Der Berufsbildungsbericht zeigt, dass trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs das Ausbildungsplatzangebot noch lange nicht ausreichend ist. Zwar haben sogenannte „Altbewerberinnen und Altbewerber“ mehr Chancen als früher, weil die demografische Entwicklung dazu führt, das weniger junge Menschen um einen Ausbildungsplatz konkurrieren, aber viel zu viele fallen weiterhin durchs Rost:

Im Ausbildungsjahr 2010 gab es 185.000 Altbewerberinnen und Altbewerber, das heißt Jugendliche, die trotz Einschaltens der Bundesagentur für Arbeit (BA) in den Jahren 2009 oder sogar schon früher keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Die Zahl dieser „unversorgten“ Bewerber ist laut Statistik der BA in 2010 im Vergleich zum Vorjahr gesunken, jedoch gibt es weitere 72.342 Jugendliche, die zwar irgendwie „versorgt“ sind, aber noch immer einen Ausbildungsplatz suchen. Hinzu kommen fast 96.000 Jugendliche, die in der Statistik nicht mehr als Ausbildungssuchende auftauchen, weil sie keine weitere Hilfe bei der Bundesagentur nachfragen. Außerdem sind ca. 320 000 Jugendliche im Berichtsjahr neu in Maßnahmen des Übergangssystems eingetreten.

Wenn man all diese jungen Menschen ohne betrieblichen Ausbildungsplatz zusammenzählt, dann fehlten in den letzten Jahren rund 670.000 betriebliche Ausbildungsplätze. Dazu kommen rund 1,5 Millionen junge Erwachsene zwischen 20 und 29 Jahren, die keinen Berufsabschluss haben, aber auch nicht in einer Ausbildung oder einem Studium sind. Diese jungen Leute brauchen eine Perspektive. Es ist befremdlich, dass das Bundesbildungsministerium diese jungen Menschen auf seiner Website als „eine weitere „Reserve“, die für eine Steigerung der künftigen Zahl junger Fachkräfte genutzt werden kann“, schreibt.

Besonders erschreckend sind die Zahlen des Berufsbildungsberichtes bei den Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Deren Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind nach wie vor nicht einmal halb so gut wie die ihrer Altersgenossen. So lag die Ausbildungsbeteiligungsquote junger Ausländer im vergangenen Jahr bei 31,4 Prozent Bei den gleichalten jungen Menschen ohne Migrationshintergrund liegt die Ausbildungsbeteiligung bei 64,3 Prozent. Natürlich fängt das Problem schon in der Schule an, da Jugendliche mit Migrationshintergrund die Schule doppelt so häufig ohne Abschluss verlassen wie deutsche Jugendliche. In Sonntagsreden und im Ausbildungspakt behauptet die Bundesregierung, dass sie sich besonders um diese Gruppe kümmere. Die Wirklichkeit sieht nun so aus, dass die Länder die Schulabschlüsse verbessern sollen und die Wirtschaft angesprochen werden soll, mehr Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine Chance in einem Ausbildungsverhältnis zu geben.

Was tut die Bundesregierung?

Im Bereich der beruflichen Bildung wird deutlich, wie konzeptionslos die Bundesregierung handelt. Das Nebeneinander von Angeboten in der Berufsorientierung, das unabgesprochene Kürzen von erfolgreichen Angeboten, all das verstärkt den Eindruck, dass gerade die Unions-Ministerinnen in Merkels Kabinett nicht miteinander reden. Bildungs-, Jugend- und Arbeitsministerium arbeiten nicht nur nicht miteinander, sondern in der Wirkung sogar gegeneinander.

Die Bildungsministerin stockt bei den Angeboten zur Berufsorientierung im Haushalt für 2011 auf. Im Juni 2010 verstärkte sie im Ausbildungspakt die Einstiegsqualifizierungen, allgemein und für besonders förderbedürftige Jugendliche. Die Jugendministerin sieht derzeit ungerührt zu, wie ein wichtiges Programm zur Kompetenzsteigerung bei Jugendlichen zurückgefahren wird. Die Arbeitsministerin steht wiederum unter großem Spardruck und legt im April 2011 eine Reform des „Instrumentenkastens“ der Bundesagentur für Arbeit vor. Darin streicht Frau von der Leyen mit der betrieblichen Einstiegsqualifizierung (EQJ) ein zentrales Element des Ausbildungspaktes, auf den Frau Schavan immer so stolz ist. Zukünftig sollen statt des maximal einjährigen Betriebspraktikums nur noch kleine Praktikumsteile ohne feste Anbindung an einen Betrieb unterstützt werden. Gerade für junge Menschen mit Migrationshintergrund werden solche gestückelten Praktika ohne schulische Ergänzung leicht zur verlorenen Lebenszeit, weil z.B. die Bildungssprache Deutsch in der Zeit nicht kontinuierlich weiter vermittelt wird.

Das Einstiegsqualifizierungsjahr (EQJ) war kein Wunderwerk. Wir haben es zum Beispiel kritisiert, wenn jungen Menschen mit Realschulabschluss in diesem Praktikum einem Arbeitgeber ein Jahr lang kostenlos zur Verfügung standen. Richtig angewandt hat das EQJ aber für einige zehntausend Jugendliche eine Chance eröffnet, weil sie nach einer ausgiebigen Kennlernphase in „ihrem Betrieb“ quasi „klebenblieben“, weil sie im Alltag besser waren, als der Betrieb es aufgrund der „Papierform“ gedacht hat. Die nun von Frau von der Leyen vorgesehenen gestückelten Praktika in unterschiedlichen Unternehmen können keine solchen positiven „Klebeeffekte“ haben.

Auf Nachfrage sagt das Bundesbildungsministerium, dass in diesem Bereich noch nichts entschieden sei, da eine Arbeitsgruppe dazu noch tage. Offenbar weiß unter schwarz-gelb das eine Ministerium nicht was das andere macht.

Was sollte die Bundesregierung tun?

Ministerin Schavan darf sich nicht länger allein auf den Ausbildungspakt und die demographische Entwicklung verlassen. Sie darf auch nicht wahllos weitere Instrumente hinzufügen, sondern sie muss endlich eine abgestimmte Strukturreform einleiten. Unser Konzept DualPlus zeigt wie der Übergang von der Schule in die Ausbildung gelingen kann:

  • durch Umgestaltung des „Übergangssystems“ in eine echte Eingangsphase zur beruflichen Ausbildung;
  • durch stärkere Einbeziehung auch kleinerer und spezialisierter Unternehmen in die betriebliche Ausbildung;
  • durch Weiterentwicklung und Stärkung von Überbetrieblichen Ausbildungsstätten als drittem Ausbildungsort.

 

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