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Frauenpolitik | 03.03.2011

Nach der Schule: die Schlipsbarriere?

von Priska Hinz

Bei der Bildung haben Frauen die Nase vorn. Nirgendwo konnten sie in den letzten 40 Jahren mehr aufholen. Heute ziehen die Mädchen in der Schule an den Jungen vorbei. Doch der berufliche Erfolg bleibt aus.

Der Nationale Bildungsbericht 2010 schreibt den Trend der letzten Jahre fort: Danach erreichen junge Frauen im Durchschnitt höhere und bessere Schulabschlüsse als junge Männer. 55 Prozent der Abiturienten sind weiblich, 51 Prozent der Hochschulabsolventen sind Frauen. Mittlerweile gelten die Jungen schon als Sorgenkinder und Bildungsverlierer, Konzepte zur gezielten Jungenförderung müssen her. Während es vielen Jungen schwerfällt, in der Schule mitzuhalten, kommt für die Mädchen das dicke Ende aber erst hinterher: Vielen gut ausgebildeten jungen Frauen gelingt es nicht, ihre Bildungserfolge in berufliche Erfolge umzumünzen.

Schaut man sich an, wie junge Frauen bei der Berufswahl vorgehen, dann kommt man der Misere auf die Spur. In der dualen Berufsausbildung finden sich deutlich weniger Frauen als Männer. Im Jahr 2009 lag der Anteil der Frauen mit neu abgeschlossenem Ausbildungsvertrag bei knapp 43 Prozent, der der Männer  hingegen bei 57 Prozent. Das bedeutet: Weniger junge Frauen steuern überhaupt einen Ausbildungsberuf an. Die jungen Frauen aber, die eine Ausbildung oder ein Studium anstreben, schränken sich in ihrer Berufswahl zu sehr ein. Zum einen konzentrieren sie sich auf „typisch weibliche“ Berufsfelder, wählen Sozial- und Dienstleistungsberufe und kultur- oder sprachwissenschaftliche Fächer, die häufig geringer bewertet und bezahlt werden. Zum anderen nehmen sie aus dem großen Spektrum der Berufe nur einen Bruchteil in die engere Wahl. Dies gilt besonders für Migrantinnen: 2009 fanden sich 75,8 Prozent aller Ausbildungsanfängerinnen in nur 25 Berufen wieder. Besonders beliebt und zugleich besonders schlecht bezahlt sind die Spitzenreiter: Verkäuferin, Arzthelferin, Friseurin und Bürokauffrau.

Warum sind diese altbekannten Phänomene nur so beharrlich? Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss des nächsten Umfeldes, also der Familie. Ein Korrektiv, um den Horizont zu öffnen und neue Optionen ins Spiel zu bringen, kann und sollte daher die Berufsorientierung und -beratung sein. Doch die Beratenden orientieren sich offenbar selbst immer noch zu stark an traditionellen Geschlechterrollen. Und die meisten Personalchefs stellen sich als Sekretärin oder Krankenschwes­ter eben auch eine nette junge Frau vor. So landen sie nach „Schema F“ weiter in den typischen Sozial- und Büroberufen. Die geringen Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten sind vorprogrammiert.

Was also tun? Entscheidend ist, die Mädchen selbst so früh wie möglich zu stärken, um dieser eingleisigen Entwicklung vorzugreifen. Eine gendersensible Pädagogik in den Schulen kann den jungen Frauen helfen, ihr Potenzial möglichst breit auszuschöpfen, auch Interesse an naturwissenschaftlichen und technischen Berufen zu finden. Frühere und bessere Information über mögliche Ausbildungs- und Studienwege ist wichtig. Ein Girls‘ Day pro Jahr reicht dazu nicht aus. Schon während der Schulzeit sollten mehrere Praktika möglich sein, um eigene Vorstellungen zu überprüfen und neue Erfahrungen zu sammeln.

Auch im Erwerbsleben stellen sich Gerechtigkeit und Chancengleichheit nicht von alleine ein. Für bestimmte Berufe oder Positionen geben Personalchefs Männern den Vorzug, statt sich für eine gleich oder sogar besser qualifizierte Frau zu entscheiden. In den Führungspositionen ist das offenkundig, hier sind Frauen nach wie vor deutlich unterrepräsentiert. Das ist nicht nur ungerecht für jede einzelne Frau, sondern auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht ein Fehler: Angesichts des demografischen Wandels und des bevorstehenden Fachkräftemangels ist die Wirtschaft mehr denn je auf gut ausgebildete Frauen angewiesen. Deshalb ist die Quote für Frauen in Führungspositionen unumgänglich. Im Bereich der Weiterbildung müssen mehr Angebote für Frauen geschaffen werden, die sie auf spätere Führungsaufgaben vorbereiten. Mit unserem grünen Konzept eines Erwachsenen-BAFöG wollen wir mehr Weiterbildungsangebote in Teilzeit ermöglichen und flexible Kurszeiten schaffen. Wir sind sicher: Wenn Familie und Beruf vereinbar sind, werden mehr Frauen diese Qualifizierungschancen nutzen. Frauen sind keineswegs das schwache Geschlecht, sie sind stark. Vor allem bei der Bildung stellen sie es unter Beweis. Das sollte sich endlich für sie auszahlen.

in: profil:Grün, Ausgabe März 2011

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