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Ländervergleich | 23.06.2010

Standards allein reichen nicht

Weitere Anstrengungen für mehr Bildungsgerechtigkeit notwendig

Alle Jahre wieder taucht in den Untersuchungen zum deutschen Bildungssystem der gleiche Befund auf: "sozial ungerecht". Auch der erste veröffentlichte Ländervergleich zur Überprüfung des Erreichens der Bildungsstandards in Deutsch und in der ersten Fremdsprache zeigt für alle Bundesländer, dass Kinder nicht ihren Potenzialen gemäß gefördert werden. Alle Länder zeigen eine traurige Gemeinsamkeit: Das Bildungssystem ist noch immer sozial ungerecht. Ein Vergleich mit den anderen PISA-Teilnehmerstaaten ist noch nicht möglich, weil die Ergebnisse dieser Untersuchung erst im Dezember 2010 veröffentlicht werden. Dennoch liefern die vorliegenden Daten umfassende Erkenntnisse. Es bleibt beim verheerenden Prinzip: "Wer hat, dem wird gegeben."

Chancen nach Herkunft

Dabei ist die Debatte, ob Süd oder Nord bessere Ergebnisse zeigen, ein Scheingefecht, das an den Bedürfnissen von Kindern, Eltern und LehrerInnen vorbei geht. Die UnionspolitikerInnen auf Bundesebene sehen den Erfolg "ihrer" Bildungspolitik durch die Ländervergleiche bestätigt. Für sie wird alles gut, wenn es nur so wird wie im Süden. Wer sich die Studie genauer ansieht, sieht welcher Fata Morgana diese Grabenkämpfer der Schulpolitik aufsitzen. Sogar Bayerns Kultusminister Spänle (CSU) gibt die Defizite seines Bildungssystems offen zu. Für das messbare Spitzenergebnis der bayerischen SchülerInnen bezahlen Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Schichten: In Bayern ist das soziale Bildungsgefälle am extremsten. Zwar können die bayrischen Schülerinnen und Schüler gut lesen, ein Facharbeiterkind hat aber bei objektiv gleicher Leistung eine sechsmal geringere Chance auf den Besuch des Gymnasiums als ein Akademikerkind. Zieht man die Leistung nicht in Betracht, sondern betrachtet nur die Teilhabechance, weil die Leistungsfähigkeit bereits durch die soziale Herkunft mitgeprägt ist, so liegt der Chancenunterschied in Bayern bei dem astronomischen Wert von knapp 14. Das heißt, ein akademisch gebildeter Elternteil erhöht die Wahrscheinlichkeit auf den Hochschulzugang als Schulabschluss um den Faktor 14 gegenüber dem Facharbeiter-Kind.

Bei der Präsentation der Ergebnisse wies der führende Forscher, Professor Olaf Köller, auf eine weitere strukturelle Schwäche hin, die vor allem die Südländer betrifft: Wer eine geringe Gymnasialquote unter seinen Schülerinnen und Schülern hat, erhöht damit automatisch die soziale Ungerechtigkeit. Eine Bundesministerin, die öffentlich immer betont, dass sie die bisher ungenutzten Potenziale fördern will, sollte ihren Fraktionskollegen schnellstmöglich die Augen öffnen.

Jetzt sind Schavan und Merkel gefordert

Die Resultate des Ländervergleichs ergeben ein Bild, das das Gegenteil einer "Bildungsrepublik" zeigt. Statt jedem Kind durch frühe und individuelle Förderung eine Chance zu geben, wird früh ausgesiebt und entmutigt. Kanzlerin und Bundesbildungsministerin sind nun gefordert, endlich das umzusetzen, wovon sie seit fast zwei Jahren sprechen. Statt auf Konfrontationskurs mit den Ländern zu gehen, müssen sie deren finanzielle Basis durch eine Rücknahme ihres sogenannten Wachstumsbeschleunigungsgesetzes wieder verbessern. Zusätzlich sind gemeinsame Programme zwischen Bund und Ländern notwendig, um die Verbesserungen im Bildungsbereich zu ermöglichen. Das unselige Kooperationsverbot muss dringend aufgehoben werden. Die Länder müssen gleichzeitig ihre finanziellen Zusagen zur Verbesserung des Bildungssystems einhalten. Wenn einige Länder wie Hessen und Schleswig-Holstein anstatt zusätzliche Mittel einzuplanen, Einsparungen ankündigen und in ihren Haushalten umsetzen, dann ist das kurzsichtig und verantwortungslos. Es geht jetzt um Qualitätsverbesserungen. Und: Die Bildungsangebote werden nicht dadurch besser, dass die Länder die steigenden Pensionslasten für die ausscheidenden Lehrerinnen und Lehrer neuerdings als Bildungsausgaben mitrechnen. Nach drei gescheiterten Bildungsgipfeln müssen die Länder beweisen, dass sie nicht tricksen wollen, sondern dass es ihnen ernst ist mit der Zusage, bis 2015 sieben Prozent des BIP in Bildung zu investieren.

Investitionen an der richtigen Stelle nötig

Dabei müssen die Länder angesichts der nun wiederum nachgewiesenen Ungerechtigkeit viel mehr in Bildungsgerechtigkeit investieren. Der demografische Wandel gibt in den nächsten Jahren allen Ländern die Gelegenheit, mit den vorgesehenen Mitteln hier wirksame Verbesserungen voranzubringen. Die Liste der Aufgaben ist lang: Höhere Qualität der Kitas und Schulen, eine Reform der Ausbildung der pädagogischen Fachkräfte, mehr gebundene Ganztagsschulen, individuelle Förderung, längeres gemeinsames Lernen und die Inklusion von Schülerinnen und Schülern aus Förderschulen in die allgemeinbildenden Schulen. Hamburg hat unter der grünen Schulsenatorin Goetsch wichtige Schritte zur Reform seiner Bildungslandschaft unternommen. Auch in Nordrhein-Westfalen werden die individuelle Förderung und das längere gemeinsame Lernen hoffentlich bald Einzug halten.

Zum Hintergrund:

Am Ländervergleich haben sich insgesamt 1.466 Schulen aus allen 16 Ländern (im Fach Französisch 297 Schulen aus sechs Ländern) beteiligt. Pro Schule wurde eine komplette 9. Klasse getestet, im Falle der Schulen, die an PISA teilgenommen haben, zusätzlich die Klasse, die die internationalen Testinstrumente am ersten Testtag bearbeitet hat. Getestet wurden insgesamt rund 36.000 Schülerinnen und Schüler. Die Länderstichproben berücksichtigen alle Schularten und Bildungsgänge des allgemein bildenden Schulsystems. Aus methodischen Gründen sind die Ergebnisse nicht direkt mit den Ergebnissen von PISA-E vergleichen. (Download der Zusammenfassung)

 

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