Bundesbildungsministerin Schavan lobt öffentlich das deutsche System der dualen Ausbildung. In ihrer bisherigen Amtszeit hat sie allerdings noch nichts dafür getan, dass das System zukunftsfester wird. In anderen EU-Staaten mag die Arbeitslosigkeit der jungen Menschen zwischen 20 und 29 Jahren um ein Vielfaches höher sein als in Deutschland. Mittlerweile sind aber auch hierzulande anderthalb Millionen Menschen in dieser Altersgruppe ohne Ausbildungsabschluss. Es zeugt daher von einer gewissen Realitätsverweigerung, dass die Bilanz der Partner des Ausbildungspaktes so kurz greift.
Frau Schavan zeigt weder ein Konzept noch die Durchsetzungskraft, gemeinsam mit den Paktpartnern den dringenden Handlungsbedarf bei der Reform der Dualen Ausbildung anzugehen. Dazu mag beitragen, dass bei der Verlängerung des Paktes im Jahr 2010 in letzter Minute die Gewerkschaften aus dem Pakt gedrängt wurden. Auch wenn die Zahlen in diesem Jahr dank der guten Konjunktur besser klingen, so ist doch kein Konzept erkennbar, wie vor allem leistungsschwächeren Jugendlichen und Betrieben in strukturschwachen Regionen zukünftig die Ausbildung ermöglicht werden kann. Die Initiativen der Bundesregierung sind noch immer ein Aneinanderreihen von unverbundenen Einzelschritten.
Erklärtes Ziel der Partner des Ausbildungspaktes war für das Jahr 2011, die zahllosen und unübersichtlichen Maßnahmen beim Übergang von der Schule in die Ausbildung zu einem tatsächlichen „System“ umzugestalten. Dies ist jedoch nicht geschehen. Stattdessen ist ein weiteres Jahr ohne Reform verstrichen, während dessen die Bundesregierung gleichzeitig den Fachkräftemangel in den dunkelsten Farben an die Wand malt. Trotzdem führt die Politik genau dieser Bundesregierung dazu, dass ein weiterer Jahrgang von SchulabgängerInnen nicht die Chancen hat, die er braucht. Statt endlich beherzt den Dschungel der Warteschleifen strukturell zu reformieren, setzt die Bundesregierung weiter auf zahllose Einzelschritte und -programme. Damit wir die Lebenszeit der jungen Leute vergeudet. Nach neuesten Zahlen, die ausgerechnet die Konrad-Adenauer-Stiftung kurz vor der Pakt-Bilanz veröffentlichte, geben Bund, Länder und Bundesagentur jährlich bis zu 7 Mrd. € für dieses sog. Übergangssystem aus. Diese Mittel müssen dringend effizienter eingesetzt werden.
Unser Dual Plus zeigt einen Weg auf, wie aus den bisherigen vielfältigen Sackgassen und Warteschleifen des so genannten „Übergangsdschungels“ ein breiter Weg zum erfolgreichen Ausbildungsabschluss werden kann. Im Jahr 2011 hat die gute Konjunktur die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze ansteigen lassen. Wie sich die Konjunktur im Jahr 2012 entwickeln wird, weiß niemand. Deswegen wäre es verheerend, wenn die Bundesbildungsministerin weiterhin ausschließlich auf die Konjunktur setzt, statt endlich die notwendige Strukturreform in der beruflichen Bildung anzugehen.
Das derzeitige Übergangsunwesen beschönigt die Lage per Statistik, die Perspektiven der Jugendlichen ohne Schulabschluss bleiben bescheiden. Seit 2005 verspielt Ministerin Schavan Jahr für Jahr die Chance, aus dem Wirrwarr perspektivloser Einzelprogramme ein anschlussfähiges und transparentes System von Ausbildungsbausteinen zu machen.

