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Synthetische Biologie | 20.05.2010

Kunst-Lebewesen nach dem Baukastenprinzip

Mitte Mai 2010 publizierte der US-Forscher Craig Venter in der Zeitschrift Science, dass er das Erbgut eines Bakteriums mit einzelnen Erbgutstückchen nachgebaut und dieses "Kunstgenom" in eine andere Bakterienart eingesetzt habe. Versuche wie die von Venter zeigen, wohin die Reise langfristig gehen soll: Wissenschaftler bemühen sich nicht mehr darum, einzelne oder auch mehrere Gene in Lebewesen einzubringen und daraus dann mit langwierigen Züchtungsmethoden ein gentechnisch verändertes Lebewesen zu konstruieren. Sondern sie nehmen sich einfach einzelne Gene und konstruieren daraus nach dem Baukastenprinzip einen ganz neuen Organismus – künstliches Leben sozusagen.

Ethische Aspekte und Sicherheitsfragen - ungeklärt

Die Möglichkeiten dieser im Fachjargon genannten "Synthetischen Biologie" scheinen unbegrenzt und werden zum Teil ähnlich euphorisch wie vor rund vierzig Jahren bei der Gentechnik propagiert: Maßgeschneiderte Bakterien, die Biodiesel oder Medikamente produzieren können, oder "Kunst"-Mikroben, die Gifte im Boden aufspüren und am besten gleich vernichten können. Noch steckt die Synthetische Biologie zwar noch in den Kinderschuhen und man muss nicht alles glauben, was euphorisch von Wissenschaftlern versprochen wird. Aber: Es gibt gute Gründe, rechtzeitig darauf zu dringen, dass sicherheitsrelevante, ethische und regulatorische Fragen umfassend geprüft werden. Dies sah im übrigen auch der ehemalige Ethikbeirat so, der im Sommer 2009 eine Studie zur Synthetischen Biologie beim Büro für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages anregte.

Zunächst stellen sich vor allem sicherheitsrelevante Fragen: Wie kann die Sicherheit von künstlichen Mikroorganismen bewertet werden? Welche Wechselwirkungen zwischen synthetischen Mikroorganismen und der Umwelt oder anderen in der Umwelt vorkommenden Organismen können ausgelöst werden? Zumindest müsste geprüft werden, in wieweit die Schutzregelungen des deutschen und europäischen Gentechnikrechts hier ausreichend sind – oder eben nicht. Denn die Methoden zur Bewertung gentechnisch veränderter Organismen beruhen auf einem Vergleich des veränderten Organismus mit den natürlichen Organismen, die ihnen als "Vorbilder" dienen.  Die Synthetische Biologie kann potentiell Organismen hervorbringen, die es in dieser Form noch nicht in der Natur gibt, da sie aus einer Vielzahl von Quellen "zusammengesetzt" wurden und deren Eigenschaften sich dementsprechend auch nur schwer vorhersagen lassen.

Neuer Bioterrorismus und Verschärfung der Patentdebatte?

Ende 2009 legte die Ethikberatergruppe der EU-Kommission (EGE) eine Stellungnahme zur Synthetischen Biologie vor. Darin empfiehlt sie, dass dringend ein solider Rahmen für die Regulierung im Bereich der Synthetischen Biologie erarbeitet werden müsse. Allein die Vertrauensbasis, dass Forscher oder interessierte Konzerne hier sorgfältig arbeiten, würde nicht ausreichen. Eine große Gefahr – so die EGE – sei auch, dass bei Informationen beispielsweise über die Herstellung potenzieller synthetischer Viren eine neue Welle des Bioterrorismus ausgelöst werden könne. Problematisch sei auch der Bereich der Patentierung. Durch die enorm hohe Zahl von Patentanmeldungen in Verbindung mit genetischem Material und biologischen Methoden könnten langfristig zur Behinderung der Forschung führen. Schon heute führen überbordende Patentansprüche auf Gensequenzen, Pflanzen, Tiere und biologische Züchtungsverfahren zu Monopolansprüchen einzelner Konzerne oder Forscher. Der oben erwähnte Craig Venter, der die "Kunst"-Mikrobe erschuf, ist in dieser Hinsicht im übrigen kein unbeschriebenes Blatt: Er wurde unter anderem in den 1990er Jahren dadurch bekannt, dass er sich Tausende Gene von Lebewesen "prophylaktisch" patentierten ließ, ohne dass er überhaupt eine Ahnung hatte, welche Funktion diese Gene hatten.

 

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