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Energiewirtschaft | 09.08.2011

AKW-Kaltreserve ist unnötig

Gaskraftwerkszubau in den kommenden Jahren höher als angenommen

Eine aktuelle Recherche der grünen Bundestagsfraktion hat ergeben, dass bereits jetzt neun flexible und klimafreundliche Gaskraftwerke mit fast 3 Gigawatt (GW = 3.000 Megawatt) Leistung in Deutschland im Bau sind oder die Bauentscheidung gefallen ist, und sie absehbar ans Netz gehen werden. Zusammen mit den in Bau befindlichen Kohlekraftwerken mit einer Leistung von 11 GW wird die durch den Atomausstieg weggefallende Kapazität der acht Atomkraftwerke damit schon innerhalb der nächsten drei Jahre mehr als kompensiert.

Gaskraftwerkszubau in den kommenden Jahren höher als angenommen

Darüber hinaus sind weitere 23 Gaskraftwerke mit einer Leistung von über 18 GW geplant. Hinzu kommt der weiterhin schnell voranschreitende Ausbau der erneuerbaren Energien. Das zeigt: Die Energieversorgung ist entgegen einiger interessensgeleiteten Äußerungen in Deutschland auch weiterhin gesichert. Ein weiteres Ergebnis der Recherche: Die im Bau befindlichen und geplanten Gaskraftwerke sind überwiegend Projekte von kommunalen Stadtwerken und neuen Energieunternehmen. Die vier großen Energiekonzerne mit ihrem gescheiteren Geschäftsmodell Atom/Kohle haben auch diese Entwicklung verpasst.

Die projektscharfen Rechercheergebnisse aus Antworten der Bundesministerien auf parlamentarische Anfragen und Abfragen bei den einzelnen Unternehmen zum geplanten Neubau von Gaskraftwerken in den kommenden Jahren finden sich hier.

Entgegen diesen Fakten wird von der Bundesregierung und Bundesnetzagentur immer wieder eine Stromlücke herbeigeredet - wie erst jüngst vom Präsidenten der Bundesnetzagentur Matthias Kurth - um die "atomare Kaltreserve" zu rechtfertigen oder den Neubau von weiteren Kohlekraftwerken zu fordern. Dabei können die Bundesregierung und Bundesnetzagentur trotz vielfacher Nachfragen seit Monaten immer noch nicht sagen, wie hoch die Leistung der vorübergehend stillgelegten, das heißt in "Kaltreserve" zur Verfügung stehenden, Kraftwerke in Deutschland denn überhaupt ist. Und dies, obwohl die Netzbetreiber verpflichtet sind, nach Paragraf 9 der Kraftwerks-Netzanschlussverordnung (KraftNAV) ein Register über Erzeugungsanlagen zu führen - auch über die vorübergehend stillgelegten Anlagen, also die Kaltreserve.

Transparenz statt AKW-Kaltreserve

Statt eine atomare Kaltreserve zu planen, sollte die Bundesregierung für die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen sorgen. Dann bräuchte es keine monatelagen Recherchen und damit einhergehende Verunsicherung, über welche Reserven der deutsche Kraftwerkspark verfügt.

Die Ausbauzahlen zeigen: Die Energiebranche - vor allem die Stadtwerke - sind längst dabei, zu investieren. Ein Förderprogramm wie es die Bundesregierung plant, das zu allem Überfluss auch noch unflexible und klimaschädliche Kohlekraftwerke einschließen soll, würde höchstens Mitnahmeeffekte produzieren. Das Geld brauchen wir viel dringender vor allem für mehr Energieeffizienz und den Ausbau dezentraler Kraft-Wärme-Kopplung und für Forschung und Entwicklung von Speichertechnologien. Statt eines Förderprogramms braucht die Energiebranche Planungssicherheit. Die könnte für flexible Gaskraftwerke durch Kapazitätsmärkte geschaffen werden. Doch die Chance dafür hat die Bundesregierung mit der beschlossenen Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes im Rahmen des Energiepakets vor der Sommerpause erst einmal vertan.

Eine Liste der in Bau beziehungsweise geplanten Kohlekraftwerke finden Sie auf den Internetseiten der Deutschen Umwelthilfe (DUH).

 

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