Block 4 explodiert
LiquidatorInnen
Desinformation
Wind und Regen
Unfassbar
Wer nicht fühlen kann, muss messen
Vorsichtsmaßnahmen
Mehrheit gegen Atom
Hilfe wird immer schwieriger
Opfer
Ein bisschen Krebs
Neue AKW in der Ukraine?
Pripjat – Geisterstadt
Block 4 explodiert
Atomkraftwerk Tschernobyl, 26. April 1986, 1 Uhr, 23 Minuten, 40 Sekunden. In dem 120 Kilometer nördlich von Kiew gelegenen sowjetischen Atomzentrum gerät ein Testzyklus außer Kontrolle. Eine nukleare Kettenreaktion baut sich auf, die durch nichts mehr zu stoppen ist. Der Reaktor explodiert und gerät in Brand. Gewaltige Mengen Radioaktivität, 200 Mal so viel wie bei den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki, gelangen in die Umwelt.
LiquidatorInnen
Ein Heer von Menschen, Feuerwehrleute und zwangsrekrutierte junge Männer, wird eingesetzt. Sie holen die Kohlen aus dem atomaren Feuer. Ausgerüstet mit Schaufeln und Arbeitshandschuhen versuchen sie, den Brand auszutreten – anfangs sogar ohne Schutzanzüge. Später räumen sie die Unglücksstelle auf und sichern die Ruine durch eine Ummantelung. Die Strahlung ist mörderisch. Einige überleben nur kurze Zeit, andere schleppen bis heute die Folgen der Strahlung mit sich herum. Etwa 800.000 LiquidatorInnen sollen es insgesamt gewesen sein. Wie viele dieser "Helden von Tschernobyl" an den Schädigungen durch ihren Einsatz leiden oder gestorben sind – darüber streiten Fachleute bis heute.
Desinformation
"Die sowjetischen Kraftwerke sind die sichersten der Welt." Lange versuchen die sowjetischen Behörden, die Katastrophe zu vertuschen. Als es nicht mehr anders geht, wird beschönigend "eine Havarie" eingestanden – die Lage sei unter Kontrolle. Desinformation verlangsamt auch die Rettungsmaßnahmen. Viel zu spät beginnen energische Gegenmaßnahmen am Reaktor, mit folgenschwerer Verzögerung kommt die Evakuierung der Bevölkerung im Einzugsbereich des Katastrophenreaktors in Gang.
Wind und Regen
Wetterprognosen – im April 1986 haben sie existenzielle Bedeutung. Wohin werden Wind und Regen den radioaktiven Fallout tragen? Der strahlende Cocktail aus Cäsium, Strontium und weiteren Isotopen bedroht ganz Europa. Am Ende verteilt sich die Hauptlast auf den Süden Weißrusslands, den Norden der Ukraine und die angrenzenden Gebiete Russlands. Am härtesten betroffen ist die Gomel-Region nördlich von Tschernobyl. Die mit mindestens einem Curie Cäsium 137 pro km2 belastete Fläche ist so groß wie Österreich und die Schweiz zusammen.
Unfassbar
Der Schock kommt auch in Deutschland erst mit einiger Verzögerung an. Die BauchrednerInnen der Atomlobby reagieren mit dem eingeübten Verharmlosungsreflex: "Atomkraft ist sicher." Offizielle Stellen in Deutschland sehen zunächst keinen Anlass für konkrete Verhaltensempfehlungen und Warnungen – Ruhe bewahren. In der Bevölkerung wächst die Angst.
Wer nicht fühlen kann, muss messen
In den höheren Luftschichten zirkulieren bald auch über Westeuropa radioaktiv belastete Wolken. Niederschläge verteilen den Fallout. Man sieht ihn nicht, man riecht ihn nicht, man schmeckt ihn nicht. Aber er ist da. Und er ist eine Gefährdung. Eine Unbedenklichkeitsgrenze gibt es bei radioaktiver Strahlung nicht. An vielen Orten in der Bundesrepublik finden sich plötzlich Strahlenmesslabors. Angesichts der anfänglichen Untätigkeit offizieller Stellen hilft sich die Zivilgesellschaft selbst.
Vorsichtsmaßnahmen
Kinder nehmen alles in den Mund. Wenn sie nun auf einem kontaminierten Spielplatz verstrahlte Erde in den Körper aufnehmen? Ein Albtraum. Stadtoberhäupter lassen – nur zur Vorsicht – öffentliche Spielplätze sperren, den Sand untersuchen und gegebenenfalls austauschen. Sollen die Kinder jetzt auch nicht mehr im Garten spielen, zumindest die ganz kleinen? Messungen von Lebensmitteln legen es nahe, Wild und Pilze zu meiden. Sie scheinen das radioaktive Material in den Wäldern regelrecht einzusammeln.
Mehrheit gegen Atom
Spätestens jetzt ist es entschieden: Die Deutschen wollen keine Atomkraftwerke. Der GAU, der größte anzunehmende Unfall, ist keine abstrakte Größe der Versicherungsmathematik mehr. Er hat jetzt einen Namen – Tschernobyl. Nach der Katastrophe wird in Deutschland kein einziges AKW mehr genehmigt. Als Jahre später die erste rot-grüne Bundesregierung mit der Energiewirtschaft den Atomausstieg vereinbart, kann sie auf eine stabile Zustimmung in der Bevölkerung bauen.
Hilfe wird immer schwieriger
Auch im Jahr 24 nach der Katastrophe reißt die Hilfe nicht ab. Zahlreiche Initiativen in Europa laden Kinder aus der besonders belasteten Region zu Ferienaufenthalten ein, besuchen diese Gegend und versorgen die BewohnerInnen mit Hilfsgütern. Nicht zuletzt halten sie die Erinnerung wach. Doch im autokratisch regierten Weißrussland sind Hilfsorganisationen aus Westeuropa nicht gern gesehen. Hilfsgüter für die Tschernobyl-Region sollen sie bei der Regierung abgeben. Sie wisse am besten, wer bedürftig sei. Ferienaufenthalte von Kindern aus der verstrahlten Region bei deutschen Familien versucht das Regime noch heute zu erschweren.
Opfer
Von der ausgetretenen Radioaktivität trugen schätzungsweise sieben Millionen Menschen Schäden davon, heißt es in einer AP-Meldung von 2004. Nach offiziellen Angaben starben 31 Menschen an den unmittelbaren Folgen des Unfalls. In der Umgebung des Unglücksreaktors häufen sich bis heute Krebserkrankungen und Missbildungen.
Ein bisschen Krebs
Durch ihre zentrale Rolle in der Auseinandersetzung um Irans Atomprogramm ist die IAEO 2005 in den Blickpunkt gerückt. Nicht so berühmt ist ihr Wirken bei der Aufarbeitung der Tschernobyl-Katastrophe. Sie will als anhaltende Gesundheitsbelastung lediglich eine leicht erhöhte Rate von Schilddrüsenkrebs gelten lassen. Kein großes Problem, der sei heute gut zu behandeln. Ähnlich die UNO – für die Weltorganisation ist Tschernobyl kein Thema mehr.
Neue AKW in der Ukraine?
Russische GaslieferantInnen legen der Ukraine 2005 die Daumenschrauben an und drehen zwischenzeitlich den Gashahn ab. Kiew reagiert: Um die Abhängigkeit vom Gas zu verringern, plant die Regierung den Bau neuer AKW. "In den neu gebauten Atomkraftwerken werden wir die Kapazitäten erhöhen müssen", so Ministerpräsident Jechanurow (ntv.de, 6.1.06).
Pripjat – Geisterstadt
Eine Stadt mit vormals 50.000 EinwohnerInnen, gebaut für die ArbeiterInnen des Atomkomplexes von Tschernobyl – nur vier Kilometer von ihrem Arbeitsplatz entfernt. 2006 ist Pripjat verlassen. Die Strahlenbelastung ist zu hoch, als dass hier jemand leben könnte. Pripjat bleibt ein Freilichtmuseum sowjetischer Baukultur, bis die Natur sich das Terrain zurückerobert hat.

