Von Wolodimir Usatenko, Tschernobyl-Liqiudator und ehemaliger Abgeordneter des ukrainischen Parlamentes
Am 13. April 2011 veranstaltete der Umweltausschuss des Bundestages ein Anhörung zu Tschernobyl. Die grüne Bundestagsfraktion benannte als Gast Herrn Wolodimir Usatenko. Der ehemalige Tschernobyl-Liquidator legte diesen schriftlichen Bericht zur Situation in Tschernobyl vor.
Soziale Folgen der Tschernobyl-Katastrophe
Mit Stand vom April 2010 haben in der Ukraine 2,3 Millionen Personen den Status von Geschädigten der Tschernobyl-Katastrophe, über eine halbe Million von ihnen sind Kinder. Während der vergangenen 12 Jahre verringerte sich die Zahl der Geschädigten um 26 Prozent; dabei erhöhte sich die Zahl der Personen der Kategorie 1, das heißt der Invaliden, um fast 80 Prozent. Über die Hälfte von ihnen war unmittelbar an der Beseitigung der Havariefolgen beteiligt.
Es ist zu beobachten, dass die Zahl der Invaliden tendenziell stark steigt, sowohl unter den an der Beseitigung der Havariefolgen Beteiligten als auch unter den Geschädigten. Während es 1991 circa 2.000 Invaliden gab, sind es heute bereits über 110.000 Erwachsene und 2.600 Kinder.
Medizinisch-demografische Folgen der Tschernobyl-Katastrophe
1994 begann sich der Umfang der Ausgaben für die Liquidation der Katastrophenfolgen zu verringern, was sich negativ auf die Durchführung von Maßnahmen zum Schutz vor Radioaktivität sowie zur sozialen und medizinischen Absicherung der Geschädigten auswirkte. Nach verallgemeinerten Daten des Wissenschaftlichen Zentrums für Strahlenmedizin des Gesundheitsministeriums der Ukraine sind von den Geschädigten, die sich in therapeutisch-prophylaktischen Einrichtungen des staatlichen Gesundheitssystems der Ukraine unter ärztlicher Aufsicht befanden, zwischen 1987 und 2004 504.117 Personen verstorben, darunter 497.348 Erwachsene und Jugendliche (34.499 von ihnen waren Liquidatoren) und 6.769 Kinder.
Dabei sinkt allmählich die Sterblichkeit betroffener Kinder, was als eine positive Errungenschaft der medizinischen Wissenschaft und Praxis sowie der im Land durchgeführten Maßnahmen zum Schutz vor Radioaktivität und zur sozialen und medizinischen Absicherung betroffener Kinder gewertet werden kann. Gleichzeitig aber steigt die Sterblichkeit unter Personen mittlerer und älterer Jahrgänge. Das ist ein beunruhigendes Symptom, denn es betrifft diejenigen, die im Kindes- und Jugendalter verstrahlt wurden. Diese Generation war bis zum Übergang ins Fertilitätsalter ständiger Strahlungsbelastung ausgesetzt. Das sind die Eltern der kommenden Generation.
Ökologisch-biologische Folgen
Die ökologischen Folgen werden durch zwei Hauptfaktoren charakterisiert – die Verstrahlung von natürlichen Objekten und deren radioaktive Kontamination. Es sind zwei Hauptstrahlungsquellen hervorzuheben, eine innere und eine äußere.
Während der Havarie erreichte die äußere Strahlung praktisch nur innerhalb der 30-Kilometer-Zone biologisch kritische Werte, wo ein kompliziertes Spektrum biologischer Effekte verschiedenen Ausmaßes zu beobachten war. Ein erheblicher Teil der radioaktiven Emissionen aus dem zerstörten 4. Reaktorblock setzte sich in der Nahzone ab. Heute ist diese bedingt durch die Grenzen der Sperrzone festgelegt (in einem Radius von 10 und 30 Kilometer). In der akuten Havariesituation erreichte die Strahlung Größen von Hunderten Röntgen pro Stunde allein an Gammastrahlung. Die Stärke der Betastrahlungsdosis war um das Zehn- bis Hundertfache höher, was zu akuten Reaktionen bis hin zum Absterben einiger auf Radioaktivität besonders empfindlich reagierender Pflanzen und Organismen führte.
Während der seit der Havarie vergangenen Zeit sind nicht nur die kurzlebigen, sondern auch die mittelfristigen Radionuklide vollständig zerfallen. Die Stärke der äußeren Strahlungsdosis verringerte sich wesentlich, um einige Größenordnungen. In der Umwelt sind praktisch nur noch langlebige und extrem langlebige Radionuklide von Zäsium, Strontium und Transuranen verblieben.
Internationale Zusammenarbeit
Die Tschernobylkatastrophe zeigte, dass schwere Atomhavarien globale Auswirkungen haben und die Lebensinteressen vieler Länder berühren. Die zur Beseitigung der Folgen solcher technischen Katastrophen benötigten Ressourcen überschreiten die wirtschaftlichen und technischen Möglichkeiten eines einzelnen Landes bei Weitem und erfordern vereinte Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft.
Im Dezember 1995 wurde in Ottawa (Kanada) die Vereinbarung zwischen den Regierungen der G7-Länder, der Kommission der Europäischen Gemeinschaften und der Regierung der Ukraine über die Stilllegung des Kernkraftwerks Tschernobyl unterzeichnet. Am 15. Dezember 2000 erfüllte die Ukraine die übernommenen Verpflichtungen und legte das AKW Tschernobyl still. Allerdings wurde von den ausländischen Partnern keines der internationalen Projekte zur Errichtung von Infrastrukturobjekten abgeschlossen, die für die Durchführung der Arbeiten zur Stilllegung des AKW Tschernobyl benötigt werden, obwohl in der genannten Vereinbarung festgelegt worden war, dass diese Arbeiten innerhalb von 5 Jahren abzuschließen sind.
Im April 2006 fand in Kiew eine internationale wissenschaftliche Konferenz "Zwanzig Jahre Tschernobylkatastrophe - ein Blick in die Zukunft" statt, die nochmals die Notwendigkeit der Erhöhung der gemeinsamen Anstrengungen zur Minderung der Havariefolgen, der Erhöhung der Atom- und Strahlensicherheit und der weiteren Entwicklung der internationalen Zusammenarbeit zur Tschernobylproblematik bestätigte.
2009 rief die Internationale Atomenergiebehörde folgende neue technische Hilfsprojekte für die Ukraine ins Leben: UKR 3003 "Stilllegung der Reaktorblöcke des AKW Tschernobyl und Umgang mit dem radioaktiven Material auf dem Gelände einschließlich des Objekts 'Ummantelung'" und UKR 9027 "Komplexbewertung der Sicherheit der radioaktiven Abfälle in der Ukraine (Klassifizierung, Charakteristik, Bewertung der Auswirkungen auf die Umwelt)", deren Begünstigter das Ministerium für außerordentliche Situationen und zum Schutz der Bevölkerung vor den Folgen der Tschernobylkatastrophe ist.
Das Außenministerium bereitete gemäß dem Gesetz "Über internationale Verträge der Ukraine" die Unterzeichnung einer Zuschussvereinbarung zwischen der Regierung der Ukraine, dem staatlichen Spezialunternehmen "AKW Tschernobyl" und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung vor. Diese Unterzeichnung wurde am 16. Februar 2009 im Ministerkabinett der Ukraine vorgenommen. Gemäß den Bestimmungen dieser Vereinbarung wies die EBWE der Ukraine einen nicht rückzahlbaren Zuschuss in Höhe von 135 Millionen Euro zur Realisierung internationaler Projekte im AKW Tschernobyl zu.
Im März 2010 nahm eine ukrainische Delegation an der Sitzung der Geberversammlung des Tschernobylfonds "Sarkophag" (CSF) und der Sitzung der Anlegerversammlung des Nuklearen Sicherheitsfonds (NSA) der EBWE (London, Großbritannien) teil. Während der Sitzung der Geberversammlung des Tschernobylfonds galt das Hauptaugenmerk der Prüfung des weiteren Arbeitsprogramms zur Projektrealisierung, dem Erfüllungsstand der Arbeiten zur Errichtung eines Atommüllzwischenlagers und anderem. Seitens der ukrainischen Delegation wurde betont, dass eine Kostensenkung für die Realisierung der Projekte möglich sei, was die Beschaffung der Finanzmittel von den Gebern vereinfachen würde. Während der Sitzung der Geberversammlung des Tschernobylfonds wurde der Realisierungsplan für das Projekt "Sarkophag" erörtert, insbesondere die Errichtungssituation der neuen sicheren Schutzhülle.
Das Objekt "Sarkophag"
Der unter Extrembedingungen nach der Havarie errichtete "Sarkophag" erfüllt bereits seit über 20 Jahren seine Schutzfunktionen. Die wichtigste Besonderheit des "Sarkophags" bleibt seine potenzielle Unsicherheit, die erheblich über den zulässigen Werten für Objekte liegt, die gefährliche nukleare und radioaktive Materialien enthalten.
Es wurden zwei Geberkonferenzen zum Einwerben von Finanzmitteln für die Realisierung des SIP durchgeführt. Die ursprünglich veranschlagten Projektkosten betrugen 768 Millionen USD, etwa 90 Prozent dieser Summe konnten aufgebracht werden. Entsprechend der präzisierten Schätzung durch internationale Experten wird die Realisierung des Projekts erheblich höhere Mittel erfordern (ungefähr 1,3 bis 1,4 Milliarden USD). Im Mai 2005 sagten die Geberländer neue Beiträge über insgesamt 185 Millionen USD zu. Geldgeber für den Tschernobylfonds wurde auch die Russische Föderation, die einen Beitrag von 10 Millionen USD zusagte. Die Gebermittel werden auf dem Konto des Tschernobylfonds bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung gesammelt, die als Fondsverwalterin fungiert.
Im September 2007 wurde zwischen dem staatlichen Spezialunternehmen "Atomkraftwerk Tschernobyl" und dem französischen Konzern "Novarka" der Vertrag über die Ausführung des Projekts "Neue sichere Schutzhülle" (NSC) abgeschlossen, die den Sarkophag isolieren soll. Der Vertrag über den Abschluss der Bauarbeiten eines Atommüllzwischenlagers für das AKW Tschernobyl wurde mit den amerikanischen Konzern "Holtec International" abgeschlossen. Leider ist festzustellen, dass die Realisierung der SIP-Projekte erheblich langsamer als erwartet erfolgt.
Stilllegungsetappen des AKW Tschernobyl
Die Etappe der Außerbetriebnahme ist das letzte Stadium des Betriebs der Reaktorblöcke (die Vorbereitungsetappe der Stilllegung). Während dieser wird der Kernbrennstoff aus den Reaktorblöcken entnommen und in ein Atommülllager verbracht, das für eine langfristige Aufbewahrung vorgesehen ist. Der Abschlusstermin ist nicht vor 2013.
Die 2004 angenommene Stilllegungskonzeption für das AKW Tschernobyl sieht folgende Stilllegungsetappen vor:
- endgültige Schließung und Konservierung der Reaktoranlagen. In dieser Etappe wird die Konservierung der Reaktoren und der am stärksten radioaktiv verseuchten Ausrüstungen durchgeführt (voraussichtlich bis 2022).
- Lagerung der Reaktoranlagen über einen Zeitraum, während dessen die radioaktive Strahlung auf natürliche Weise bis auf ein annehmbares Niveau absinken soll (voraussichtlich bis 2045).
- Demontage der Reaktoranlagen. In dieser Etappe werden die Demontage der Ausrüstungen und die Beräumung des Geländes durchgeführt, um Einschränkungen und die regulierende Kontrolle weitestgehend reduzieren zu können (voraussichtlich bis 2065).
Planung und Organisation der Arbeiten
Zum Abschluss der Stilllegungsarbeiten am AKW Tschernobyl und dessen Umwandlung in ein ökologisch sicheres System in Übereinstimmung mit dem angenommenen Stilllegungsprogramm für das Kraftwerk werden 70 Jahre benötigt.
Planung und Organisation der Arbeiten in der Außerbetriebnahmeetappe des AKW Tschernobyl werden derzeit gemäß dem Komplexprogramm zur Stilllegung des Kraftwerks durchgeführt.
Die Außerbetriebnahmeetappe ist hinreichend detailliert ausgearbeitet und in Form von Programmen dargestellt, die für jeden der Reaktorblöcke entsprechend bestätigt wurden. Jährlich wird ein zusammengefasster Zeitplan der Arbeiten aufgestellt, in dem die für seine Umsetzung benötigten Mittel, Fristen und Verantwortlichen vermerkt sind.
Somit ist das Arbeitsprogramm für die nächsten 5 Jahre bekannt. Dieses ermöglicht eine jährliche Komplexplanung der Tätigkeiten und die Verbesserung der ökologischen Sicherheit auf dem Kraftwerksgelände.
Internationale Veranstaltungen in der Ukraine im Zusammenhang mit dem 25. Jahrestag der Tschernobylkatastrophe
Am 19. April 2011 fand in Kiew die jüngste Geberkonferenz statt. Ziel war es, die Mittel aufzubringen, die bisher noch nicht ausreichend für die Realisierung der großen Infrastrukturprojekte auf dem Kraftwerksgelände sind. Es geht um die Errichtung der Neuen sicheren Schutzhülle (NSC) und den Bau des Atommüllzwischenlagers. Die genannten Objekte werden mit Gebermitteln der internationalen Gemeinschaft und der Ukraine errichtet, die von der EBWE auf den Konten des speziell eingerichteten Tschernobyl-Fonds "Sarkophag" (Projekt NSC) /Chernobyl Shelter Fund, New Safe Confinement/ und des Sonderkontos zur Atomsicherheit (Projekt Atommüllzwischenlager) /Nuclear Safety Account, Interim Storage Facility/ angesammelt werden.
Am gleichen Tag fand im Anschluss an die Geberkonferenz das Kiewer Gipfeltreffen zu Fragen einer sicheren und innovativen Nutzung der Kernenergie statt und vom 20. bis 22. April wird in Kiew die internationale wissenschaftlich-praktische Konferenz "25 Jahre Tschernobyl-Katastrophe – die Sicherheit der Zukunft" durchgeführt. An dieser Konferenz nehmen führende deutsche Fachleute auf diesem Gebiet teil.

