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Atomkraft | 20.04.2011

The On-Going Catastrophe

Furcht verpflichtet

Von Renate Künast

Am 26. April 1986 explodierte das Restrisiko der Atomtechnologie. Es war nicht nur der GAU für die Menschen in der Ukraine und Weißrussland, deren Gesundheit und Lebenswelt zerstört wurden. Es war auch der GAU für jenen Machbarkeitswahn, der die Risiken der Atomenergie immer wieder herunter geredet und geleugnet hatte – bis die Strahlenwolke in den Tagen nach Tschernobyl Europa überzog. In den ersten 13 Jahren nach Tschernobyl ist die Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle bei Kindern im Gebiet um das AKW um das 58-fache gestiegen. Bis zu 100.000 Menschen sind bislang an den Folgen der Katastrophe gestorben, so schätzen es unabhängige Experten.

25 Jahre sind eine lange Zeit für die Politik. 25 Jahre sind aber eine kurze Zeit für die radioaktive Strahlung. Beim Tschernobyl-Unglück wurde besonders viel Cäsium 137 freigesetzt. Cäsium 137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Die heutige Strahlenbelastung liegt demnach noch weit über der Hälfte derjenigen von 1986. Die Katastrophe dauert an, obwohl es immer wieder Politiker und Lobbyisten gab, die davon nichts hören wollen. Die Katastrope von Fukushima 25 Jahre später zeigt heute, dass ein solches Unglück auch in einem hochindustrialisierten Land mit einer vergleichbaren Technik und Sicherheitsphilosophie passieren kann.

Im Umweltministerium sitzen Beamte, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie man Warnhinweise dort, wo radioaktiver Abfall gelagert wird, so formulieren kann, dass sie auch noch von unseren Nachfahren in zehntausenden von Jahren verstanden werden – in einer Zeit also, in der unsere Sprache womöglich längst vergessen ist. Dieses absurd klingende Detail veranschaulicht drastisch, dass wir auch weiterhin mit der Katastrophe leben – ob wir davon noch etwas wissen wollen oder nicht.

Heute wissen viele Bürger hier nichts mehr mit der Tschernobyl-Katastrophe anzufangen. Und die Jüngeren haben von der Angst nur gelesen. Sie haben sich nicht in akuter Angst gefragt, ob die Luft, die sie atmen, oder die Lebensmittel, die sie essen, Krebs verursachen. Können die Kinder noch auf den Spielplatz, auf die Wiese? Was bringt der Regen mit sich? Können wir noch Milch trinken und wann können wir wieder Molke für die Babynahrung kaufen? Diese Fragen trieben die Menschen in den Tagen, Wochen und Monaten nach Tschernobyl um. Heute jedoch stellen sich diese Fragen die Menschen auf der anderen Seite der Erdkugel und die Erinnerungen an Tschernobyl sind durch den Gau in Japan auch bei uns wieder präsent. Doch immer noch versuchen die Atombefürworter in der Union die Atomkraft als nicht ersetzbar darzustellen.

Wir werden den Anlass des Jahrestages der Tschernobyl-Katastrophe nutzen, um die Erinnerung wach zu halten. Die anhaltende Katastrophen von Tschernobyl aber auch von Fukushima zwingen uns, das öffentliche Bewusstsein für ihre Folgen zu schärfen. Wir Grünen gehörten zu den ersten, die hier zu Lande gründlich mit dem blinden Fortschrittsmythos gebrochen haben, der auch die Atombefürworter antreibt. Nach Tschernobyl gingen Menschen mit uns gemeinsam auf die Straße, die sich bis dahin nie hätten träumen lassen, an einer Demonstration teilzunehmen. Heute tun sie es wieder. Vor der Laufzeitverlängerung durch die schwarz-gelbe Koalition im Herbst 2010 waren am 24. April 2010 und am 18. Sptember jeweils mehr als 100.000 Menschen auf der Straße. Nach der Katastrophe in Fukushima reißen die Proteste nicht ab. In vielen Orten in Deutschland gehen die Menschen auf die Strasse und am 25. März haben mehr als 250.000 Menschen gegen die Nutzung der Atomkraft demonstriert. Am 25. Jahrestages des Unglückes in Tschernobyl wird erneut ein deutliches Zeichen für eine schnellen Ausstieg aus der Nutzung der Atomkraft gesetzt werden.

Der Fortschrittsmythos Atomkraft ist mit Tschernobyl auf schreckliche Art und Weise entzaubert worden. Länder wie Deutschland, Schweden und Belgien beschlossen den Atomausstieg. Andere Länder wie Italien, Polen oder Österreich beschlossen, nie in die Atomenergie einzusteigen.

Heute werden von interessierter Seite wieder neue Mythen in die Welt gesetzt: der Mythos einer Renaissance der Kernenergie und der Mythos von den sicheren Atomkraftwerken der dritten und vierten Generation. Solche Mythen sind gefährlich, sie verstellen den Blick auf die Wirklichkeit. Tatsächlich werden weltweit derzeit weit weniger Atomkraftwerke neu gebaut als in den nächsten Jahren vom Netz genommen werden. Selbst die atomfreundliche Internationale Energieagentur geht davon aus, dass der Anteil der Atomenergie in den nächsten Jahrzehnten zurückgehen wird. Dabei liegt dieser Anteil schon jetzt weit unter fünf Prozent am globalen Endenergieverbrauch.

Atomenergie spielt weltweit betrachtet somit für die Energieversorgung fast keine Rolle. Als Gefahrenpotenzial ist ihre Rolle hingegen immens und die Gefahr ist mit dem Erstarken des Terrorismus deutlich gestiegen. Jedes einzelne Atomkraftwerk stellt eine permanente Bedrohung für viele Millionen Menschen dar: Gegen Flugzeuge, die in AKW gejagt werden, schützt auch die avancierteste Sicherheitstechnik nicht. Dennoch versuchen die Atomkraftwerksbauer, ihre Anlagen in möglichst viele Länder zu verkaufen – auch um den Preis, dass im Windschatten der Atomkraftwerke Atomwaffenprogramme gefahren werden. Die Proliferationsgefahr wäre ohne die Verbreitung der Atomkraftwerke weitaus geringer. Insofern greift auch der Atomwaffensperrvertrag zu kurz, da er die zivile Nutzung der Atomkraft ausdrücklich billigt.

Es gibt Alternativen: Was 1986 noch eine Sache für Bastler und Eliteforscher war, hat heute weltweit bereits hunderttausende Arbeitsplätze geschaffen: der Erneuerbare-Energien-Sektor. Deutschland gehört dabei zu den Spitzenreitern. Diese Erfolgsgeschichte wäre ohne die Grünen nicht denkbar gewesen und wir wollen sie auch aus der Opposition weiter antreiben.

Global tragen die erneuerbaren Energien um ein Vielfaches der Atomenergie zur Energieversorgung bei. In Deutschland ist der Zuwachs so rasant, dass sämtliche wegfallenden Atomkraftwerke allein durch erneuerbare Energien ersetzt werden können. Daran konnte auch der heftige Widerstand der Energiekonzerne und ihrer Freunde in Union und FDP, die die Verlängerung der Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke durchsetzten, nichts ändern. Heute gilt es dafür zu kämpfen, dass diese Verlängerung zurückgenommen wird und Krümmel sowie die sieben ältesten Reaktoren vom Netz bleiben. Der Ausstieg muss weiter beschleunigt werden, damit wir in der nächsten Wahlperiode komplett aus der Atomenergie aussteigen können. Deutschland wäre dann ein Vorbild für die Atomkraftgegner weltweit. Nur so kann es gelingen, dass auch die Atomanlagen in anderen Ländern abgeschaltet werden.

Doch wir dürfen die Gegenkräfte nicht unterschätzen. Wie wir täglich erfahren können, gibt es immer noch große Kräfte in Deutschland, Europa und global, die versuchen, weiter auf Atomenergie zu setzen. Sie werden weiterhin versuchen, die erneuerbaren Energien zu blockieren und eine Renaissance der Atomenergie herbeizureden. Doch diese Rechnung haben sie ohne uns gemacht und ohne die Bürger, die mehrheitlich für erneuerbare Energien und gegen Atomenergie sind. Auch der Mythos "unverzichtbare Atomenergie" gehört entzaubert. Energiesicherheit weltweit ist möglich auch ohne Atomkraft und ohne Öl – allerdings nur dann, wenn wir sehr viel mehr Phantasie und Geld als bisher ins Energiesparen und in Alternativen investieren. Die politische Situation in den Erdöl produzierenden Regionen sollte uns zudem animieren, auch unabhängiger vom Öl zu werden.

Hans Jonas hat in seinem Buch "Prinzip Verantwortung" (erschienen 1984) die Furcht enttabuisiert. Bis dahin galt Furcht als eine Sache für Feiglinge. Hans Jonas hat aber klargemacht, dass wir heutzutage zur Furcht verpflichtet sind, wenn wir Freiheit und Verantwortung vereinbaren und das Überleben der Menschheit sichern wollen. Die Furcht und die Ehrfurcht gebieten dem Menschen "in der Zweideutigkeit seiner Freiheit, die keine Änderung der Umstände je aufheben kann, die Unversehrtheit seiner Welt und seines Wesens gegen die Übergriffe seiner Macht zu bewahren". Wo der Irrtum nicht mehr korrigiert werden kann und unermessliche Folgen hat, da gibt es kein Recht auf Irrtum. Wir brauchen eine Welt ohne Atomkraft und müssen deshalb all unser Know-how, unsere Kreativität in Strategien der Effizienz, des Einsparens und in alternative Energien setzen. Die endlose Katastrophe von Tschernobyl muss uns antreiben, das Mögliche Realität werden zu lassen. Atomkraft – Nein danke! Nie wieder Tschernobyl.


Renate Künast schrieb diesen Beitrag für die Zeitschrift profil:GRÜN, Ausgabe März 2006. Die vorliegende Fassung wurde nach den Ergeignissen in 2011 aktualisiert.

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