Am 12. Januar 2010 bebte für 45 Sekunden die Erde in Haiti. Die Katastrophe traf das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Mindestens 220.000 Menschen starben, etwa 300.000 wurden verletzt und 1,5 Millionen obdachlos. Es folgten eine Welle der Solidarität und der weltweit größte humanitäre Einsatz. Während die Nothilfe direkt nach dem Erdbeben angesichts des Ausmaßes der Katastrophe relativ gut funktionierte, ist der Wiederaufbau des Landes erschreckend schlecht vorangekommen. Der Wiederaufbaus nach Naturkatastrophen ist auch in entwickelten Ländern sehr schwer zu organisieren – dies wurde am Beispiel New Orleans nach dem Hurrikan Katrina deutlich. Nirgends aber erscheint die Bilanz nach einem Jahr so düster wie in Haiti: erst weniger als zehn Prozent der Trümmer sind weggeräumt, über 800.000 Obdachlose hausen in Zeltlagern. Dort sind viele Frauen und Mädchen wachsender sexueller Gewalt ausgesetzt. Bisher sind laut der Nichtregierungsorganisation Oxfam erst 15 Prozent der benötigten Häuser gebaut worden. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen bemängelt noch immer Lücken beim Zugang zu Wasser und bei der medizinischen Versorgung. Besorgniserregend ist auch, dass sich die Cholera-Epidemie rasant ausbreitet.Inzwischen sind 150.000 Menschen erkrankt und bereits 3.700 Menschen an der Cholera gestorben.
Zögerliche Geber
Bei der internationalen Geberkonferenz für Haiti im März 2010 versprachen Staaten und internationale Organisationen, 5,3 Milliarden US-Dollar innerhalb von zwei Jahren und insgesamt 10 Milliarden US-Dollar bis 2020 für den Wiederaufbau bereit zu stellen. Auch Haitis Regierung legte einen ehrgeizigen Plan vor, wie das Land wirtschaftlich entwickelt und politisch stabilisiert werden könnte. Angesichts der bereits vor dem Erdbeben sehr schwachen Strukturen stellt dies eine besondere Herausforderung dar. Laut den Vereinten Nationen (VN) sind von den 2,1 Milliarden US-Dollar, die die internationale Gemeinschaft für 2010 zugesagt hatte, erst 63 Prozent bei den VN und nur 42 Prozent in Haiti angekommen. Die Bundesregierung hat den VN bisher noch nichts von den versprochenen Geldern überwiesen. Sie regelt ihre Hilfe lieber bilateral.
Schwache haitianische Regierung
Viele Geber halten ihr Geld zur Zeit auch deswegen zurück, weil sich die politische Situation seit den Wahlen vom 28. November 2010 verschärft hat. Beim Urnengang wurde offensichtlich betrogen, und noch immer gibt es kein offizielles Endergebnis des ersten Wahlgangs. In Folge der Wahlen haben Anhänger der Oppositionskandidaten tagelang randaliert, Barrikaden brannten und mindestens vier Menschen kamen ums Leben. Die für Mitte Januar geplante Stichwahl um die Präsidentschaft ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Damit wird sich auch die Hoffnung der Vereinten Nationen, dass sich die Lage durch eine neue Regierung bessert, vorerst nicht erfüllen. Zur Zeit ist noch eine Interimskommission für den Wiederaufbau Haitis zuständig, die aus Einheimischen und Ausländern zusammengesetzt ist. Geleitet wird sie von Premierminister Bellerive und Bill Clinton, dem VN-Sondergesandten für Haiti. Aber auch sie wird bereits dafür kritisiert, nicht engagiert genug zu arbeiten.
Die Strukturschwäche und Entscheidungsunfähigkeit der haitianischen Behörden verursachen für die Hilfsorganisationen Probleme, die Spendengelder sinnvoll einzusetzen. So beklagt beispielsweise die Deutsche Welthungerhilfe, dass sie erst ein Fünftel der nach dem Erdbeben eingegangenen Gelder tatsächlich einsetzten konnte. Aber auch die Koordination zwischen den Gebern gestaltet sich schwierig, inzwischen sind über 1.000 Nichtregierungsorganisationen in Haiti tätig.
Grüne Forderungen
Wir Grüne fordern von der Bundesregierung, dass sie sich in den Gremien der relevanten multilateralen Gläubiger für eine komplette Entschuldung Haitis einsetzt, ebenso wie für einen auf Zuschüssen beruhenden "Marshall-Plan", der einen nachhaltigen Wiederaufbau gewährleistet. Hierfür sind langfristige finanzielle Zusagen wichtig. Wir Grünen haben uns deswegen nach der Katastrophe im Bundestag für einen Sondertitel zur Wiederaufbauhilfe stark gemacht. Die Regierungskoalition hat dies abgelehnt.
