Noch lange keine Entwarnung.
(Update)
12,4 Millionen Menschen vor allem in Somalia, Kenia und Äthiopien, aber auch in Uganda, Djibouti und Eritrea, sind von einer der schwersten Hungersnöte dieses Jahrhunderts bedroht. Bereits im August 2010 machte das Frühwarnsystem der Vereinten Nationen (Famine Early Warning Network, FEWSNET) weltweit auf die drohende Katastrophe aufmerksam. Doch die Staatengemeinschaft reagierte nur zögerlich. Noch heute besteht eine Finanzierungslücke von etwas mehr als einer Milliarde Euro, die die Hilfsorganisationen benötigen, um der akuten Hungersnot zu begegnen. In mehreren südlichen Regionen Somalias haben die Vereinten Nationen offiziell eine Hungersnot ausgerufen und warnen davor, dass sie sich weiter ausbreitet. Währenddessen steigt die Zahl der Hungertoten; mehrere zehntausend Menschen sind bereits gestorben. Vor allem die Sterbequote bei Kindern habe in den Flüchtlingslagern ein alarmierendes Ausmaß erreicht.
Endlich: Deutschland erhöht Hilfszusagen
Während die Staatengemeinschaft auf das Erdbeben in Haiti oder die Flut in Pakistan viel schneller reagiert hat, wurde das dramatische Ausmaß der Hungersnot auch in Deutschland lange unterschätzt. Auf öffentlichen Druck der Opposition und Zivilgesellschaft hin hat die Bundesregierung inzwischen ihre bisherigen Zusagen von 33,5 Millionen Euro um weitere 118 Millionen Euro aufgestockt, wie Entwicklungsminister Niebel in Kenia verkündete. Über Wochen hatten wir gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen auf eine massive Erhöhung der deutschen Hilfe gedrängt. Daher freuen wir uns über dieses späte, aber deutliche Zeichen, dass die Bundesregierung die Katastrophe endlich Ernst nimmt. Auch die deutsche Bevölkerung hat bereits etwa 100 Million Euro gespendet.
Keine Entwarnung
Dennoch besteht kein Grund zur Entwarnung. Die Hilfsorganisationen können mit den bislang bereit gestellten Geldern, mit der vorhandenen Infrastruktur und ihrem Personal gerade mal dem akuten Mangel an Nahrungsmitteln begegnen. Für die Unterbringung der Notleidenden und eine angemessene gesundheitliche und sanitäre Grundversorgung fehlen die Mittel an allen Ecken und Enden. Sollte das Interesse der Medien an der Hungerkrise weiter abnehmen, wird dies die Spendenbereitschaft nicht gerade befördern.
Der nächste Regen wird frühestens im Oktober erwartet, die nächste Ernte sogar erst im kommenden Jahr. Bis dahin sind die Betroffenen auf Hilfe angewiesen. Sollte es im Oktober endlich wieder regnen, muss vor allem Saatgut beschafft werden, das jetzt vollständig aufgebraucht ist, auch deswegen, weil die hungernden Menschen es als Nahrungsmittel nutzten. Die Rückkehr der somalischen Bauern in ihre Dörfer erscheint derweil sehr schwierig. Viele der Flüchtlinge, die seit langem unter dem Krieg in ihrem Heimatland leiden und zum Teil bereits die zweite Hungersnot erleben, wollen niemals zurückkehren.
Korridore für Hilfe öffnen – Neue Gelder mobilisieren
Es ist ein ermutigendes Zeichen, dass Flugzeuge des Welternährungsprogramms von Nairobi nach Mogadischu fliegen können und auch der Seehafen scheinbar wieder weitestgehend gesichert und zur Anlandung von Hilfsgütern genutzt werden kann. Es muss alles dafür getan werden, humanitäre Korridore zu öffnen, um auch die am schwersten betroffenen Menschen im Süden Somalias zu erreichen.
Dass die dringend notwendige humanitäre Hilfe von den radikal-islamistischen Al-Shabab-Milizen behindert wird, stellt die internationale Gemeinschaft vor eine Herausforderung. Deutschland sollte sich dafür einsetzen, dass dieses Thema auf die Tagesordnung des Weltsicherheitsrates gesetzt wird. Es muss nach einer Lösung gesucht werden, die der komplexen Situation vor Ort gerecht wird. In jedem Fall sollte die Staatengemeinschaft eng mit der Afrikanischen Union zusammen arbeiten.
Bescheidene Hilfen aus Afrika
Bisher hatten die afrikanischen Staats- und Regierungschefs die Erwartungen an eine afrikanische Solidarität mit den von Dürre und Hunger schwer betroffenen Menschen enttäuscht. So sollte bereits Anfang August eine Geberkonferenz der Afrikanischen Union (AU) stattfinden, die dann ohne Nennung von Gründen um fast drei Wochen verschoben wurde. Am 25. August fand nun die erste von der AU organisierte Geberkonferenz anlässlich einer humanitäreren Krise auf dem afrikanischen Kontinent statt. Es kamen allerdings nur vier der 54 Staats- und Regierungschefs nach Addis Abeba: aus Äquatorialguinea, das derzeit den Vorsitz inne hat, aus Äthiopien als Gastgeberland der Konferenz und aus den von der Katastrophe besonders betroffenen Ländern Somalia und Djibouti. Insgesamt versprachen die AU-Staaten 51,7 Millionen US-Dollar an Soforthilfe, zusätzlich steuert die Afrikanische Entwicklungsbank 300 Millionen US-Dollar bis 2013 bei. Enttäuschend hierbei ist, dass Südafrika, das als Schwellenland eine Vorreiterrolle auf dem Kontinent für sich in Anspruch nimmt, nur 2,2 Millionen US-Dollar zusagte; das an Öl reiche Nigeria sogar nur eine Million US-Dollar. Der Afrika-Direktor der Hilfsorganisation Oxfam, Irungu Houghton, sprach von einem "kläglichen Engagement". Die afrikanischen BürgerInnen hingegen zeigen deutlich mehr Solidarität als ihre Chefs: Allein bei einer privaten Spendenaktion in Kenia kamen sechs Millionen US-Dollar zustande.
Langfristige Hilfe ist von Nöten
Neben einer Aufstockung der bereitgestellten Mittel zur Bewältigung der aktuellen Hungerkatastrophe ist auch die langfristige Unterstützung von zentraler Bedeutung, damit die am Boden liegende Landwirtschaft nächstes Jahr wieder eine Ernte einfahren kann. Die meisten Flüchtlinge sind Kleinbauern und zum Teil nomadische Rinderhirten. Sie brauchen Unterstützung, um zu ihrem Land zurückkehren und zur Verbesserung der Ernährungssituation beitragen zu können. Dass gerade sie hungern, zeigt deutlich, welche schwerwiegenden Fehler in der Agrarpolitik gemacht worden sind. In dieser Hinsicht begrüßen wir es, dass in dem neuen Hilfspaket der Bundesregierung auch 61 Millionen Euro zur "Stärkung der langfristigen Widerstands- und Selbsthilfefähigkeit der Menschen in der Region" vorgesehen sind. Allerdings sollte Niebel sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen: In den letzten Wochen prahlte er damit, dass erst unter seiner Führung ländliche Entwicklung und Ernährungssicherung zu einem Schwerpunkt der Entwicklungszusammenarbeit, und das vor allem in Ostafrika, erkoren wurde. Als die deutsche Welthungerhilfe vergangenes Jahr Mittel für Dürrevorbeugung in Kenia beantragte, erhielt sie jedoch eine Absage aus dem Ministerium.
Katastrophe wäre vermeidbar gewesen
Vor allem die verheerende Trockenheit nach zwei Dürreperioden - eine Folge des Klimawandels – hat die Hungersnot ausgelöst. Der Bürgerkrieg in Somalia sowie die hohen Nahrungsmittel- und Ölpreise haben die Lage zusätzlich verschärft. Mit politischem Willen hätte die jetzt stattfindende Katastrophe allerdings verhindert werden können. Die Geberländer sind seit langem gefragt, im Rahmen ihrer Entwicklungszusammenarbeit die Investitionen in den ländlichen Raum und die Ernährungssicherung in den Entwicklungsländern deutlich zu stärken, diesen Bereich als Schwerpunkt zu verankern und zudem ihre eigene Agrar- und Handelspolitik fairer auszurichten. Andererseits sind auch die Regierungen der Entwicklungsländer dringend gefordert, ihre Bäuerinnen und Bauern besser zu unterstützen und sich für eine nachhaltige Landwirtschaft und Landnutzung zu engagieren.

