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Humanitäre Hilfe | 17.11.2011

Hungersnot in Ost- und Westafrika

Die Lage am Horn von Afrika ist weiterhin sehr kritisch. Immer noch leiden mehr als 13 Millionen Menschen in Äthiopien, Somalia, Kenia und Djibouti unter Hunger und Durst und sind dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen. Während im August und September zahlreiche Artikel, Radio- und Fernsehbeiträge die Katastrophe – wieder einmal deutlich verspätet – in das öffentliche Bewusstsein rückten, ist sie heute fast gänzlich daraus verdrängt. Dabei ist die Zahl der Bedürftigen nicht gesunken, sondern sogar leicht gestiegen. Weiterhin sterben täglich mehrere hundert Menschen in der Region. Doch auch die politische Aufmerksamkeit lässt nach: Nach wie vor klafft eine Finanzierungslücke von 445.000 Euro, die die Hilfsorganisationen brauchen, um die akute Not zu lindern. Zwar ist die Lücke damit seit Ende August um mehr als die Hälfte geschrumpft, die Bereitschaft der Geber für weitere Zusagen nimmt jedoch stetig ab.

Regen behindert Zugang und begünstigt Ausbruch von Seuchen

Im Oktober hat die Regenzeit etwas verfrüht eingesetzt. Dadurch konnte sich zwar die Vegetation etwas erholen, die ersten Ernten stehen an und die Viehherden geben wieder mehr Milch. Gleichzeitig hat der Regen in einigen Regionen, vor allem im südöstlichen Äthiopien, zu massiven Überschwemmungen geführt und erschwert zudem die Versorgung der Flüchtlinge mit Hilfsgütern. So sind zurzeit die wichtigsten Zugänge zu Dadaab, dem mit circa 500.000 Menschen größten Flüchtlingslager der Welt im Nordosten Kenias, versperrt, da die Zugangsstraßen nicht befahrbar sind. Auch viele Hilfsflüge der Vereinten Nationen zu Flüchtlingslagern in Äthiopien und Kenia mussten in den vergangenen Wochen aufgrund der heftigen Regenfälle abgesagt werden. Noch gravierender ist die zunehmende Gefahr von Krankheiten und Seuchen: Am 15. Oktober wurden 60 Fälle von Cholera aus Dadaab gemeldet. Experten hatten bereits im Voraus gewarnt, dass nach einem für Hungersnöte bekannten Muster mit dem ersten Regen die zweite große Welle von Toten drohe. Zehntausende von Menschenleben stehen auf dem Spiel, wenn die Hilfsorganisationen nicht schnell genug Maßnahmen zur Eindämmung der Krankheiten ergreifen können.

Sicherheitssituation verschärft sich

Große Sorgen bereitet zudem die Sicherheitslage in Somalia und Kenia. Mitte Oktober wurden vier westliche EntwicklungshelferInnen, die sich in der Region rund um Daadab aufhielten, verschleppt. Die kenianische Regierung geht davon aus, dass die islamistische Al-Shabaab-Miliz hinter den Entführungen steht und reagierte mit dem Einmarsch kenianischer Truppen in Südsomalia. Seitdem bombardierte die kenianische Armee einige südsomalische Städte, auch Zivilistinnen und Zivilisten kamen dabei ums Leben. Im Gegenzug kam es zu Anschlägen in verschiedenen Orten im Nordosten von Kenia und in einem Nachtclub in Nairobi. Die meisten Hilfsorganisationen haben ihre Operationen auf das Nötigste beschränkt und ihre MitarbeiterInnen bis auf Weiteres nach Nairobi versetzt. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) hat Transporthilfen für Flüchtlinge von der somalischen Grenze in kenianische Lager eingestellt. So ist auch die Zahl der Neuankömmlinge aus Somalia stark eingebrochen: Waren es zuvor noch 3.400 pro Tag, so kommen seit Oktober nur noch etwa 100 Schutzsuchende täglich über die Grenze. Es muss alles dafür getan werden, um die 750.000 vom Hungertod bedrohten SomalierInnen zu erreichen. Ein rein militärischer Weg, wie ihn Nairobi derzeit anzustreben scheint, geht zulasten der ausgezehrten Bevölkerung. Die internationale Gemeinschaft muss sich dafür einsetzen, dass das humanitäre Völkerrecht von allen Seiten eingehalten wird und dass Kenia die Grenzen für Flüchtlinge wieder offiziell öffnet.

In Westafrika droht die nächste Katastrophe

Währenddessen zeichnet sich im Sahel fast unbemerkt ein ähnlich bedrohliches Szenario ab. Im Oktober hatten die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und die Deutsche Welthungerhilfe davor gewarnt, dass die Ernten aufgrund ausbleibender, geringer oder verspäteter Regenfälle extrem niedrig ausfielen. Betroffen sind vor allem Niger und Burkina Faso, aber auch Mali, Mauretanien und Tschad. Der Pegel der Flüsse hat einen äußerst tiefen Stand erreicht, der sonst sehr bedeutende Überschwemmungsanbau um den Niger ist nicht mehr möglich. Gleichzeitig schießen die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe. Bereits jetzt leiden sechs bis sieben Millionen Menschen in der Region unter Ernährungsunsicherheit. Die Lage wird sich bis zum Frühjahr weiter zuspitzen, ab Februar wird es zu einem gravierenden Mangel an Nahrungsmitteln kommen. Immerhin scheinen die Geber aus der Krise am Horn von Afrika etwas gelernt zu haben: So hat auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) bereits angekündigt vier Millionen Euro für „stabilisierende Maßnahmen zur Ernährungssicherung“ im Sahel bereitzustellen. Das Geld wird jedoch nicht ausreichen. Es kommt darauf an, dass die Bundesregierung und andere Geber in den nächsten Wochen wachsam bleiben und die von den VN identifizierten Summen für deren Hilfsoperationen schnell und unbürokratisch zur Verfügung stellen. Die nächsten Wochen sind entscheidend um eine humanitäre Katastrophe wie in Ostafrika zu verhindern.

...und auch im Südsudan hungern viele Menschen

Noch weniger Beachtung findet die Misere im jüngsten Staat Afrikas, dem Südsudan. Nach der formellen Unabhängigkeit im Juli sind unzählige SüdsudanesInnen aus dem Norden oder Darfur in ihre Heimat zurückgekehrt. Da sie über Jahre und Jahrzehnte hinweg abhängig waren von externer Hilfe oder anderen Beschäftigungen nachgingen, haben die meisten von ihnen verlernt, sich selbst zu ernähren. Oder ihnen fehlen schlicht die Energie und das Kapital, um ein Feld anzulegen oder Nutztiere zu halten. Die Regierung ignoriert die Notlage ihrer Bevölkerung, KritikerInnen werden als VerräterInnen diffamiert oder ins Gefängnis geworfen. Im Gegensatz zum Sahel und Horn von Afrika ist hier der Regen nicht ausgeblieben, Dürre ist nicht das Problem. Und dennoch sind seit der pompösen Unabhängigkeitsfeier Tausende Menschen an Hunger und Erschöpfung gestorben. Die internationale Gemeinschaft kann nicht länger wegschauen, sondern muss die Regierung in Juba dazu bewegen, die Hungerkrise anzuerkennen und den neuen Staat massiv bei der Förderung ländlicher Räume und kleinbäuerlicher Landwirtschaft unterstützen.

Langfristige Maßnahmen

In allen drei Fällen ist langfristige Unterstützung von zentraler Bedeutung. Investieren nationale Regierungen und internationale Geber nicht mehr in Maßnahmen wie nachhaltige und kleinbäuerliche Landwirtschaft, Zugang zu Land und natürlichen Ressourcen, soziale Sicherungssysteme, lokale und regionale Nahrungsmittellager und lokale Infrastruktur werden Hungersnöte, wie die drei hier angesprochenen, immer wieder zurückkehren. Vor allem Subsahara-Afrika leidet unter einer rapide sinkenden Bodenfruchtbarkeit. Diese kann nur durch einen rückläufigen Einsatz von chemischen Düngemitteln und eine nachhaltige Landwirtschaft, die auf Gründüngung und Zwischenfrüchte setzt, wieder aufgebessert werden. Hungersnöte sind verhinderbar, zumal die bestehenden Frühwarnsysteme ausreichen. Dies haben die frühzeitigen Warnungen vor einer nahenden Katastrophe am Horn gezeigt. Was fehlt, ist der politische Wille.

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