Suchfeld anzeigen
Welternährungstag | 16.10.2009

Nie war der Hunger größer

Armutszeugnis für die Menschheit

Weltweit hungern mehr als eine Milliarde Menschen. Das sind zwölf Mal so viele Menschen wie es Bundesbürgerinnen und -bürger gibt. Jeder sechste Mensch bekommt nicht genug zu essen. Fast alle Hungernden leben in Entwicklungsländern: 642 Millionen in Asien und dem pazifischen Raum, 265 Millionen in Afrika südlich der Sahara, 53 Millionen in Lateinamerika und 42 Millionen in Nordafrika und dem Nahen Osten.

Die vielen Zahlen wirken abstrakt. Tatsache ist aber: Der Welthunger im 21. Jahrhundert kennzeichnet die schlimmste globale Fehlentwicklung. Menschen, die in der Lage sind, hochkomplizierte Maschinen zu entwickeln, ins All zu fliegen, Tiere zu klonen und wirksame Medikamente gegen schwere Krankheiten herzustellen, versagen , wenn es darum geht, den Hunger in der Welt ausmerzen.

Hunger hat viele Ursachen

Die Ursachen für Hunger sind vielfältig, können aber unter dem Begriff "Politikversagen" zusammengefasst werden. So haben die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise verheerende Folgen für die Menschen in den Entwicklungsländern. Allein im vergangenen Jahr ist die Zahl der hungernden Menschen um 100 Millionen angewachsen. Es werden genug Lebensmittel produziert, doch das Einkommen der Ärmsten reicht nicht aus, diese zu erwerben. Aufgrund der Krise sind die Einnahmen durch den Export von Rohstoffen zurückgegangen, die ausländischen Investitionen gehen zurück, und auch die wichtigen Einnahmen vieler Familien durch Überweisungen von Familienangehörigen im Ausland bleiben aus.

Als 2008 die Preise für Nahrungsmittel explodierten, waren viele Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika genötigt, ihre Ersparnisse aufzubrauchen, ihren Besitz zu veräußern, auf Schulbildung und Gesundheitsvorsorge zu verzichten, um Nahrungsmittel zu kaufen. Millionen Menschen rutschten unter die Armutsgrenze. Inzwischen sind die Preise zwar wieder etwas gesunken, aber nicht auf das vorherige Niveau.

Immer mehr Dürren

Auch der Klimawandel wirkt sich auf die Ernährungssituation von Millionen von Menschen aus. Die Region am Horn von Afrika beispielsweise ist besonders von ausbleibendem Regen betroffen. Dürren, die in solchem Ausmaß früher in jeder Generation vielleicht einmal aufgetreten sind, kamen in den letzten Jahren gehäuft vor. Sie führen dazu, dass die Erträge dramatisch zurückgehen und hundertausende Rinder, Ziegen und Schafe an Hunger und Durst sterben - Vieh, das für viele Menschen in dieser Region die Existenzgrundlage bildet. Die große Ungerechtigkeit besteht darin, dass der Klimawandel die Menschen am härtesten trifft, die am wenigsten zu seiner Entstehung beigetragen haben.

Der im Oktober 2009 veröffentlichte Welthungerindex der Deutschen Welthungerhilfe macht deutlich, dass die Situation in den von Kriegen, Vertreibungen und Konflikten heimgesuchten afrikanischen Ländern wie dem Kongo, Eritrea, Äthiopien oder Madagaskar, besonderes dramatisch ist.

Konsumverhalten verschärft Nahrungsmittelkrise

Auch das Konsumverhalten in den Industrieländern und in den oberen Schichten der Schwellenländer verschärft die Krise. Beispiel Fleischkonsum: Aufgrund des übermäßigen Verbrauchs in den Industrieländern - durchschnittlich 80 kg im Jahr pro Kopf - kommt es dazu, dass in vielen Entwicklungsländern in großem Stil Viehfutter für die Massentierhaltung in Europa und den USA angebaut und die Produktion von Grundnahrungsmitteln für die eigene Bevölkerung vernachlässigt wird. Ein unzureichend geregelter weltweiter Agrarhandel führt dazu, dass unsere Schweine das Brot der Armen fressen. Der enorme Fleischkonsum in den Industrieländern ist schlecht fürs Klima, macht uns krank, übergewichtig und kostet das Gesundheitssystem eine Menge Geld.

Fixierung auf Produktionssteigerung löst nicht das Hungerproblem

Die Weltbank und die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) wollen das Problem vor allem durch Produktionssteigerung lösen. Die FAO geht davon aus, dass die landwirtschaftliche Produktion bis 2050 um mindestens 70 Prozent steigen muss, um damit die dann rund 9 Milliarden Menschen angemessen zu ernähren. An dieser Stelle darf man zu Recht fragen, warum die Produktion um 70 Prozent steigen muss, um 30 Prozent mehr Menschen zu ernähren? Bei diesen Zahlen ist dem zunehmendem Fleischhunger schon Rechnung getragen. Zur Produktion von einer Kalorie Rindfleisch werden sieben Kalorien Getreide benötigt.

Fakt ist: Wir brauchen keine globale Industrialisierung der Landwirtschaft, sondern einen radikalen Kurswechsel hin zu einer Welternährungspolitik, die am Menschenrecht auf Nahrung ausgerichtet ist. Die richtige Hilfe besteht darin, vor allem Kleinbäuerinnen und Kleinbauern zu unterstützen, klima- und ressourcenschonend gesunde Nahrungsmittel zu produzieren – und zwar in erster Linie für lokale und regionale Märkte.

Hierbei spielen Frauen eine entscheidende Rolle. Der Welthungerindex zeigt auf, dass die Nahrungsmittelversorgung dort besser wird, wo Frauen im Haushalt und auf Gemeindeebene ein Mitspracherecht haben. Die Stärkung der Frau bleibt ein wichtiger Schlüssel im Kampf gegen Hunger und Armut.

Ein solcher integrierter Ansatz ist effektiver und nachhaltiger, als die Produktion von Agrarexportgütern wie Futtermittel oder Agrotreibstoffe voranzubringen. Perspektivisch müssen in den Entwicklungsländern Wertschöpfungsketten aufgebaut und soziale Sicherungssysteme geschaffen werden, die auch den Ärmsten der Armen zu Gute kommen.

All diese notwendigen Bemühungen dürfen aber nicht durch eine unfaire Handelspolitik zunichte gemacht werden. Vor allem die entwicklungsschädlichen Agrarexportsubventionen der Europäischen Union und der USA müssen sofort eingestellt werden. Angesichts des skandalösen Welthungerproblems und des immer schneller voranschreitenden Klimawandels ist es wichtiger denn je, für die gesamte Agrarwirtschaft  weltweit verbindliche Nachhaltigkeits- und Menschenrechtskriterien zu entwickeln.

 

Kommentar schreiben

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.