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Übergewicht | 22.11.2010

Bankrott in der Ernährungspolitik

Kleine Anfrage zeigt Erfolglosigkeit der Bundesregierung

Die Deutschen werden dicker? Für die Bundesregierung kein großes Problem. Dem Wohlstandsspeck sollte mit der Erklärung von Badenweiler und einem Aktionsplan "IN FORM" zu Leibe gerückt werden. Drei Jahre später nun die desaströse Bilanz: Es hat nichts gebracht.

Die Deutschen werden dick und dicker. Die Zahl der krankhaft Fettleibigen hat bei Kindern seit 1999 um drei Prozent, bei Erwachsenen um vier Prozent zugenommen. Mittlerweile sind 60 Prozent der Männer und 44 Prozent der Frauen übergewichtig,

Verloren haben vor allem die Kinder.

Jedes siebte ist übergewichtig. Ein bis zwei Kinder pro Schulklasse, insgesamt 800.000, sind sogar stark übergewichtig (adipös) und werden ihr Leben lang darunter leiden. Denn Übergewicht im Kindesalter verschlechtert die Entwicklungschancen. Das Risiko für Folgeerkrankungen wie Altersdiabetes schon in jungen Jahren, motorische Probleme und psychische Belastungen steigt belegbar mit hohem Körpergewicht. Soziale Kontakte von übergewichtigen Kindern und Jugendlichen leiden doppelt, wenn sie in Armut aufwachsen. In späteren Jahren wird die Aufnahme der Berufstätigkeit erschwert. Die Gesundheitsbiografie wird ein Leben lang negativ beeinflusst.

Aktionsplan löst Problem nicht

Die im Jahr 2007 abgegebene Badenweiler Erklärung war eine Farce. Die Zielindikatoren für bessere körperliche Aktivität (plus zehn Prozent), den Verzehr von mehr Obstportionen (plus zwanzig Prozent) und mehr gesunde Mahlzeiten in Gemeinschaftsverpflegung (plus dreißig Prozent) werden überhaupt nicht nachgehalten.

Der Öffentlichkeit wurde damit Sand in die Augen gestreut.

Und auch der Aktionsplan "IN FORM" ist ein gebrochenes Versprechen. Kopflos werden Gelder in Vorhaben geschüttet. Eine tabellarische Übersicht mit Projektziel, Fördervolumen, Träger und Ergebnissen wird geheim gehalten. Die Zukunft des Aktionsplans "IN FORM" nach dem Jahr 2010 ist nebulös. Erfolgskontrollen finden nicht statt. Gesundheits- und Ernährungsministerium neiden sich hinter den Kulissen das Thema und blockieren sich gegenseitig.

Die Bundesregierung gibt nun in ihrer Antwort auf eine grüne Anfrage eine ernährungspolitische Bankrotterklärung ab, wenn sie auf die "multifaktoriellen" Ursachen verweist, also die Schultern zuckt, und auf gesetzliche Initiativen verzichtet, zugleich aber mitteilt, dass ein Drittel der Kosten im Gesundheitswesen auf ernährungsabhängige Krankheiten zurückzuführen sei. Sie zeigt ihre Ratlosigkeit wenn sie erklärt: "Kein einzelner Projektansatz (hat sich) als umfassend und für den überwiegenden Teil der Betroffenen als langfristig wirksam erwiesen. Dies ist auch zukünftig nicht zu erwarten."

Neuanfang gefordert

Die Ernährungspolitik der Bundesregierung braucht einen Neuanfang in der Bekämpfung des Übergewichts. Der Trend zur stetigen Gewichtszunahme muss aktiv umgesteuert werden, auch mit einem gesetzlichen Rahmen. Die Kennzeichnung von Fett und Zucker in Ampelfarben, eine Werbeverbot im Kinderfernsehen für Süßwaren, Erfrischungsgetränke und Knabberartikel, eine flächendeckende gesunde Schulverpflegung.

Die Politik hat viele Hebel in der Hand, um eine gesunde Ernährungsumgebung zu schaffen.

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