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Dürrekatastrophe in den USA | 17.08.2012

Droht die nächste globale Ernährungskrise?

Vertrocknete Maisernte in Wichita, Kansas, USA, am 16. August 2012.

Spätestens nach diesem Sommer dürfte es den letzten Klimawandel-SkeptikerInnen in den USA die Sprache verschlagen haben: Die schlimmste Dürre seit 60 Jahren hat dort eine Anbaufläche von der Größe Luxemburgs und Belgiens komplett vernichtet Das US-Landwirtschaftsministerium musste die Prognosen für die diesjährige Mais- und Sojaernte drastisch nach unten korrigieren. Die ausbleibenden Regenfälle und die extreme Hitze entsprechen genau den Wettermodellen, die die Auswirkungen des Klimawandels auf die Region vorhersagen.

Die Dürre in den USA hat handfeste und gravierende Auswirkungen auf den Rest der Welt. Die USA sind der größte Exporteur von Weizen, Mais und Soja. Substantielle Ernteausfälle schlagen umgehend auf die Preise der internationalen Warenterminmärkte durch. So sind seit Juni die Futures-Preise für Soja um 30 Prozent gestiegen, Mais und Weizen haben sich sogar um 50 Prozent verteuert. Sie haben damit die Spitzen von 2008 und 2011 bereits teilweise überschritten.

Eine Wiederholung der Krise von 2007/2008?

Auch in Russland, der Ukraine, Kasachstan, Indien und Australien haben außergewöhnliche Trockenperioden die Mais- und Weizenernten bedeutend geschmälert. Das befeuert die Angst vor einer neuen Ernährungskrise. Es wäre die dritte innerhalb von fünf Jahren. Auch die Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) warnt, dass eine Wiederholung von 2007/2008 nicht auszuschließen ist. Damals waren in Ländern aller Erdteile Menschen auf die Straße gegangen und hatten gegen die explodierenden Nahrungsmittelpreise protestiert.

Davon kann derzeit noch nicht die Rede sein. Zwei Faktoren versprechen eine bessere Ausgangslage als damals: Der Ölpreis ist niedriger, was die Handelsbilanz armer importabhängiger-Staaten ein wenig entlastet – sprich sie können mehr Nahrungsmittel importieren. Und die Preise für Reis, in manchen Regionen das Hauptnahrungsmittel für arme Bevölkerungsschichten, sinken zur Zeit sogar leicht.

Vorstoß gegen E10 greift zu kurz

Trotzdem ist die Situation durchaus ernst. Ein starker Dollarkurs verringert die Kaufkraft importabhängiger Entwicklungsländer und die Lagerbestände für Weizen und Mais sind so niedrig wie lange nicht. Der Bundesentwicklungsminister reagierte nun mit dem Vorstoß, den Verkauf des unbeliebten E10-Treibstoffs an Tankstellen zu stoppen. Der Grundgedanke ist sehr zu begrüßen: Ernährungssicherheit muss Vorrang haben vor einem vollen Tank. Doch sollte sich der Entwicklungsminister direkt an die Kanzlerin wenden. Denn der Beimischungszwang geht auf die große Koalition zurück. Wir Grünen waren immer gegen E10. Nur in regionalen Kreisläufen und durch eine Mischung von in Deutschland angebauten Feldfrüchten können Agrokraftstoffe sinnvoll sein. Der Beimischungszwang hat die Agrokraftstoffproduktion jedoch den großen internationalen Mineralölkonzernen ausgeliefert.

Es stimmt, dass Energiepflanzen häufig in Flächenkonkurrenz zu Nahrungsmitteln stehen und diese verdrängen. Auch hat die staatliche Subventionierung und starke Nachfrage nach Biokraftstoffen den Andrang auf fruchtbare Böden verschärft – und somit großflächige Landinvestitionen begünstigt, bei denen die Rechte der lokalen Bevölkerung häufig mit Füßen getreten werden. Eine Drosselung der Produktion und Aussetzung der staatlichen Beimischungsvorschriften und Begünstigungen für Agrokraftstoffe ist daher durchaus sinnvoll. Das gilt auch und gerade für die USA, wo 40 Prozent der Maisernte zu Ethanol verarbeitet werden.

Industrielle Tierhaltung und Spekulation treiben die Preise noch stärker nach oben

Die viel größere Flächenkonkurrenz zwischen Teller und Trog verschweigt der Entwicklungsminister jedoch. Auf einem Drittel der weltweiten Ackerflächen werden Futtermittel angebaut. Bezieht man Weideland mit ein, beansprucht die Viehhaltung 80 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen. Hier trägt auch Deutschland mit seinem aggressiven Fleischexport und hohem Fleischkonsum Verantwortung. Und die schwarz-gelbe Regierung sieht bisher nicht den geringsten Anlass, daran etwas zu ändern – auch wenn dafür riesige Flächen Regenwald in Südamerika gerodet, die lokale Bevölkerung vertrieben oder nachhaltig durch den hohen Pestizideinsatz geschädigt wird. All das für Millionen Tonnen von Soja für unsere industriellen Mastanlagen.

Was Niebel ebenfalls ausblendet, ist die Spekulation mit Nahrungsmitteln an den Finanzmärkten. Banken, Versicherungen, Pensionskassen, Indexfonds und Co springen auf Preistrends wie den aktuellen Anstieg auf und treiben sie weiter in die Höhe. Erst vor kurzem hat die Commerzbank als zweitgrößtes Haus am Platz alle auf Nahrungsmittel basierenden Derivate aus ihren Fonds genommen – ebenso die österreichische Volksbanken AG, die Deka-Bank und die Landesbank Baden-Württemberg. Die beiden größten deutschen Player im Bereich der Agrarrohstoffe, die Deutsche Bank und die Münchner Allianz, zeigen sich hingegen wenig einsichtig und wollen ihre Anlagen lediglich bis Ende des Jahres überprüfen.

Umfassende Strategie zur Hungerbekämpfung benötigt

Wenn wir das globale Agrar- und Ernährungsmodell nicht grundsätzlich umkrempeln, werden solche Krisen zum Regelfall werden. Vorrangige Aufgabe ist eine Förderung nachhaltiger und kleinbäuerlicher Landwirtschaft in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Die nationalen Regierungen sowie die internationalen Geber müssen KleinbäuerInnen, ViehhirtInnen und FischerInnen in diesen Ländern darin unterstützen, sich und die eigene Bevölkerung zu ernähren und dabei die natürlichen Ressourcen zu schonen. Die Landnutzungsrechte dieser Gruppen müssen effektiv geschützt werden. Die Anpassung an den Klimawandel stellt eine weitere große Herausforderung dar, die nach dem Verursacherprinzip die Industrienationen zu finanzieren haben. Soziale Sicherungssysteme müssen aufgebaut werden, um die mittellose Bevölkerung in den Städten aufzufangen. In Deutschland und der EU müssen wir unsere Handels- und Agrarpolitik so umstellen, dass sie nicht mehr auf Kosten von bäuerlichen Betrieben sowie den verletzlichsten Gruppen in den Entwicklungsländern allein auf Exportsteigerung setzt.

Dass die G20 die aktuellen Preissprünge für Getreide aufmerksam beobachtet und sich vorbehält, das neu geschaffene Rapid Response Forum einzuberufen, ist grundsätzlich zu begrüßen. Denn eine Auseinandersetzung mit der aktuellen Krise auf internationaler Ebene ist dringend geboten. Doch Entscheidungen und Strategien sollten im Welternährungskomitee der Vereinten Nationen erarbeitet werden. Denn dort ist auch die Zivilgesellschaft sowie alle Länder vertreten – auch jene, die eine weitere Krise am meisten treffen würde.

Kein Profit auf Kosten der Ärmsten
von André Gaufer am 20.08.2012
Banken profitieren vom Handel mit Nahrungsrohstoffen und treiben damit die Ärmsten dieser Welt in noch größere Hungersnöte! Die Initiative handle-fair.de klärt auf und sagt NEIN dazu!
die Botschaft höre ich wohl
von Werner am 21.08.2012
Unterstützung der Kleinbauern in den Entwicklungsländern? Was wurde zur Zeit von rot-grün in der Richtung getan? Genau...
von Oliver am 21.08.2012
Die Bundesregierung wehrt sich einfach nicht genug gegen Spekulation auf Lebensmitteln. Als Grüne sollte es unserev Aufgabe sein, diesem gewollten Hochtreiben der Preise Einhalt zu gebieten.
Ausgerechnet Niebel
von martin am 21.08.2012
Ausgerechnet Niebel, der deutsche Wirtschaftsinteressen bei der Entwicklungszusammenarbeit prioritär setzt. Scheinheilig.
Nahrungsmittel
von Mickey am 21.08.2012
na, Freunde, wer hat beschlossen, das Weizen im Tank landen muss? Wer hat sich dabei eine "goldene Nase" verdient? na, freunde, wacht ich auf?
looool
von du am 27.08.2012
lol
die grüne Nahrung wird von GRÜNEN zu "grüner Ernergie
von js am 28.08.2012
Die von den GRÜNEN angemahnte Hungerkathastrophe ist mit ihrer hauseigenen Energiepolitik verursacht, da auf den Äckern nur noch Anbau von Energiepflanzen stattfindet...Ergebnis ist teure umweltunfreundliche Energie und teure Nahrungsmittel.Wer Grpn wählt, wählt dies!
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