"Ratings in der Schuldenkrise: Brandbeschleuniger oder Sündenbock?" Unter diesem provokantem Titeldiskutierten wir MItte Mai mit hochrangigen Vertretern aus Praxis und Aufsicht, Politik und Wissenschaft.
Für Prof. Dr. Gustav Horn, wissenschaftlicher Direktor am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung, besteht das Kernproblem des derzeitigen Systems in einer Asymmetrie: Die Ratingagenturen würden nach eigener Darstellung lediglich unverbindliche Meinungsäußerungen abgeben, die anschließend wegen auf Ratings basierender Finanzmarktregulierung verbindliche, weit reichende Auswirkungen hätten. So seien im Fall Griechenlands institutionelle Investoren ab einer bestimmten Ratingnote aufgrund bestehender Regulierungen gezwungen gewesen, ihre Investments abzuziehen – ob sie dies nun wollten oder nicht. So sei die Krise dort verschärft worden. Eine Lösung dieser aus Prof. Horns Sicht auch ordnungspolitisch fragwürdigen Asymmetrie ist, entweder die Bedeutung von Ratings im Rahmen der Finanzmarktregulierung deutlich zu mindern oder aber die Agenturen haftbar für ihre Bewertungen zu machen.
Hinsichtlich der Notwendigkeit, die Bedeutung der Ratings in der Finanzmarktregulierung zu mindern, bestand Einigkeit unter den Diskutanten – auch Alistair Wilson, Chief Credit Officer Europe der Ratingagentur Moody´s, teilte diese Forderung. Allerdings merkten Teilnehmer des Fachgesprächs am Beispiel der neuen Versicherungsregulierung ("Solvency II") kritisch an, dass dieser Konsens, der auch von wichtigen internationalen Regulierern wie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) geteilt werde, sich noch unzureichend in neuen Finanzmarktgesetzgebungen niederschlage.
Steven Maijoor, Chef der EU-Aufsichtsbehörde ESMA, skizzierte die neuen Aufsichtsbefugnisse seiner Behörde über Ratingagenturen. Dabei geht es vor allem um die Überprüfung von Prozessen und der Organisation, nicht um die angewandten Methodiken und Annahmen. Prof. Sebastian Dullien betonte in diesem Zusammenhang, dass es aus wissenschaftlicher Sicht auch keine "richtige" Ratingmethode geben könne. Auch deshalb sei es wenig erfolgversprechend, die Agenturen künftig für ihre Bewertungen haftbar machen zu wollen.
Sven Giegold, grüner Europaabgeordneter, fordert die Gründung einer Europäischen Rating-Stiftung, um mehr Wettbewerb in den im Wesentlichen von drei großen Agenturen geprägten Markt zu bekommen. Ein Teilnehmer aus dem Publikum skizzierte eine alternative Lösung: den Rating-Prozess splitten und Teilergebnisse veröffentlichen. Investoren könnten dann nach der "Open-Source"-Methode selbst entscheiden, ob sie zu anderen Ergebnissen kämen. Wichtig sei generell, dem Markt mehr Informationen zur Verfügung zu stellen.
Unser Fazit:
Die Frage, wie konkret die Bedeutung von Ratings in der Finanzmarktregulierung gemindert werden kann, ist eine Aufgabe, der sich die Politik unbedingt verstärkt und mit Nachdruck widmen muss. Auf Seiten der Agenturen ist mehr Transparenz hinsichtlich der verwandten Methodiken sowie der Gewichtung quantitativer und qualitativer Indikatoren erforderlich.
